FAZ 29.09.2026
14:02 Uhr

Neuer Fide-Präsident: Die Chance auf einen Machtwechsel vertan


Zwei deutsche Kandidaten spalten das Lager bei der Wahl des neuen Präsidenten des internationalen Schachverbands. Einer von ihnen ebnet damit den Weg zum Sieg eines kasachischen Oligarchen.

Neuer Fide-Präsident: Die Chance auf einen Machtwechsel vertan

Zwei deutsche Bewerber um die Präsidentschaft des internationalen Schachverbands FIDE haben zusammen 96 Stimmen erzielt – genauso viele wie Timur Turlow, ein in Russland geborener Geschäftsmann mit kasachischem Pass. Vier Delegierte stimmten ungültig ab. Warum hat Jan Henric Buettner, nachdem er mit 20 Stimmen ausgeschieden war, sich nicht für Wadim Rosenstein starkgemacht? Im zweiten Wahlgang setzte sich Turlow mit 110:85 Stimmen durch, und es war nur noch ein ungültiger Stimmzettel dabei. Paul Meyer-Dunker, der Rosenstein unterstützte und in Teilfragen beriet, spricht von einer vertanen Chance. „Die Umstände für einen Machtwechsel waren günstig wie lange nicht und wahrscheinlich so bald nicht wieder“, analysiert der Präsident des Deutschen Schachbunds und verweist auf den Rücktritt des bisherigen FIDE-Präsidenten, Arkadi Dworkowitsch, nach seiner Sanktionierung durch die EU und die finanzielle Schieflage. Während das Management der FIDE immer teurer wurde, fanden sich nur für die wichtigsten Turniere Geldgeber, meist Turlow, und nicht für den Verband selbst. Buettners Kandidatur, die ihn nach eigener Aussage rund 20.000 Euro kostete, wirkte auf Meyer-Dunker nicht seriös. Letztlich habe der Hamburger Investor, Hotelier und Freestyle-Schach-Promotor vor allem Rosenstein Stimmen gekostet. Noch in der Woche vor der Abstimmung versuchte der Schachbund-Präsident mehrmals, mit Malcolm Pein, dem zweiten Mann in Buettners Team, einen Pakt der deutschen Bewerber zu schmieden. Im Widerstand gegen russische Vorstöße hatten sie oft kooperiert, doch hier scheiterte Meyer-Dunker. Kontroverse Dominanz in der Schachführung Statt auf Rosenstein gingen Buettner und Pein nach ihrem Scheitern im ersten Wahlgang auf dessen Gegner zu und handelten im Foyer einzelne Zugeständnisse mit ihm aus. Dann riefen sie mit einem Handschlag vor der Vollversammlung ihre Unterstützer auf, Turlow zu wählen. Pein hatte seine Absicht, die russische Dominanz in der Schachführung zu beenden, ähnlich früh erkennen lassen wie Rosenstein. Ab ihrem ersten Gespräch habe ihn der Düsseldorfer Geschäftsmann von oben herab nur wie einen möglichen Helfer behandelt und sich nicht für seine Reformideen interessiert. Dabei gilt der englische Schachunternehmer als einer der kompetentesten Organisatoren des Denksports weltweit. Immer wieder, so sagte es Pein der F.A.Z., habe er Rosenstein nach dessen Positionen zu Russland gefragt und wie er seinen Wahlkampf finanziere, doch stets ausweichende Antworten erhalten. Ein Übriges gaben Hinweise aus der Ukraine auf angebliche Geschäfte Rosensteins in Russland. Dessen Lager spricht von Rufmord und deutet Erpressungen an. Rosenstein selbst hat die Nachfragen nicht beantwortet. Der russische Einfluss bleibt Seine Wahlkampfkosten hat er ebenso wenig bekannt gemacht wie Turlow. Was sie für Events, Helfer, Werbeflächen, Geschenke, Partys und Rechtsstreitigkeiten ausgaben, übersteigt laut Schätzungen von Insidern jeweils das Jahresbudget der FIDE von zuletzt etwa 13 Millionen Euro. Delegierte behaupten, ihnen sei Bargeld angeboten worden, was beide Seiten dementieren. Der frühere Nationalspieler Georg Meier sagt, sein Lieblingsturnier, die Schacholympiade, habe dieses Mal „als Bonus ein Korruptionsfestival“ geboten. Als Erfolg reklamiert Pein den Rücktritt des bei der FIDE für rechtliche Angelegenheiten zuständigen Russen Alexander Martynow. Dafür ist Pawel Kolobkow mit den Stimmen des Turlow-Lagers in den FIDE-Rat eingezogen. Der ehemalige Olympiasieger und fünffache Weltmeister im Degenfechten war bisher nur als russischer Sportminister von 2016 bis 2020 im Schach in Erscheinung getreten. Anders als bei den anderen gewählten Vizepräsidenten sprang Turlow auf, um dem Russen freudestrahlend zu beglückwünschen. Die Moskauer Medien nahmen es zur Kenntnis. Meyer-Dunker war angewidert. Ganz ohne Funktion im internationalen Sport bleibt Rosenstein nicht. Während seiner FIDE-Kampagne hat ihn die EFFMA, die unter zahlreichen Kampfsportorganisationen zu den weniger bekannten zählt, zum Präsidenten erkoren.