Als ihr Vater im Jahr 1979 mit der Eröffnung des ersten großen Buchkaufhauses am Münchener Marienplatz den deutschen Buchhandel revolutionierte, war Nina Hugendubel noch ein Kind: Dennoch kann sie sich gut daran erinnern: „Das Tollste waren die Rolltreppen“, sagt sie im Gespräch mit der F.A.Z., so etwas gab er vorher nicht in deutschen Buchläden. Lediglich in Düsseldorf war die Buchhandlung Stern-Verlag damals noch größer, doch daraus entstand keine Kette. Das Hugendubel-Buchkaufhaus war ein Meilenstein für die Branche: Auf einer Fläche von mehr als 2200 Quadratmetern, verteilt über mehrere Etagen, wurde den Kunden ein frei zugängliches Großsortiment präsentiert. Auf Leseinseln dürfen die Kunden seither vor dem Kauf in den Büchern schmökern. „Vorher glichen Buchläden eher Apotheken“, erzählt Nina Hugendubel, „der Buchhändler hat dem Kunden ein gewünschtes Buch oft erst auf Nachfrage aus dem geschlossenen Schrank gereicht.“ Das Buchkaufhaus war von Anfang an ein „rauschender Erfolg“, erzählt Nina Hugendubel, obwohl die Branche im Vorfeld skeptisch gewesen sei, ob ihr Vater die hohe Miete einer so großen Fläche im Herzen der Münchener Innenstadt und den hohen Wareneinsatz für die vielen Bücher überhaupt stemmen kann. Er konnte. Und eröffnete später weitere große Buchkaufhäuser. Hugendubel stieg auf zur ersten großen deutschen Buchhandelskette. Hugendubel erwirtschaftet rund ein Drittel seiner Umsätze online Mittlerweile hat sich der Markt abermals stark gewandelt. Der Buchhandel war die erste Branche, die von der Digitalisierung voll in die Mangel genommen wurde. Rund ein Viertel der Branchenumsätze wird heute online erwirtschaftet, davon wiederum entfällt rund die Hälfte auf Amazon. Oft docken ältere Buchhändler, die in den Ruhestand gehen wollen und keine Nachfolger finden, ihre Geschäfte an Filialketten an. Neben Hugendubel sind mit Thalia und Osiander weitere Ketten entstanden, Thalia ist mit mehr als 420 Buchhandlungen in Deutschland inzwischen sogar deutlich größer als Hugendubel. „Die Konsolidierung wird weitergehen“, glaubt Maximilian Hugendubel: „Das Buchhandelsgeschäft ist mit dem Onlinehandel, Apps und den vielen Social-Media-Kanälen so komplex geworden, dass unabhängige Buchhändler das kaum noch allein leisten können.“ Ähnlich wie Thalia bietet Hugendubel unabhängigen Buchhandlungen auch ein Partnermodell an. Hugendubel übernimmt dann – je nach Absprache – nur bestimmte Aufgaben, etwa die Logistik, die Sortimentsgestaltung oder das Onlinegeschäft. Der Buchmarkt ist schwierig: Die Zahl der Buchkäufer sinkt seit Jahren. Laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels kauften zuletzt nur noch rund 24 Millionen Deutsche mindestens ein Buch im Jahr, das sind zehn Millionen weniger als noch vor zehn Jahren. Jährlich schließen von den insgesamt noch rund 4500 Buchhandlungen hierzulande zwischen 50 und 100, und nur wenige machen neu auf. Viele verbleibende Läden haben zudem ihre Fläche reduziert. Auch an Hugendubel geht der Wandel nicht spurlos vorüber. Zwar hat Hugendubel heute mehr Filialen als vor 20 Jahren – insgesamt sind es derzeit 105 –, aber auch die verändern sich. Hugendubel erwirtschaftet heute rund ein Drittel seiner Umsätze online. In den Filialen ist der Anteil des Nicht-Buch-Geschäfts gestiegen. „Man darf das aber nicht zu weit treiben“, sagt Maximilian Hugendubel: „Kalender und Spiele stören nicht, aber Gummistiefel neben Gartenbüchern würden den Bogen überspannen.“ Vor zwei Jahren ist Hugendubel auch in den Handel mit Gebrauchtbüchern eingestiegen. „Das läuft richtig gut“, sagt Nina Hugendubel. Alle Cafés in den Filialen betreibt Hugendubel mittlerweile selbst und erwirtschaftet damit einen siebenstelligen Gastronomieumsatz. 1500 Bewerbungen für Buchhändlerausbildung Das Familienunternehmen hat auch schon schwierige Tage erlebt. Vor allem als vor zwölf Jahren der damalige Partner Weltbild Insolvenz anmelden musste, stand Hugendubel kurzzeitig mit am Abgrund, denn einige Jahre zuvor hatte Hugendubel alle seine Filialen in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Weltbild eingebracht. Als der Partner ins Schlingern geriet, gelang es Hugendubel immerhin, die eingebrachten Filialen wieder unter die eigenen Fittiche zu nehmen. Hugendubel musste aber sparen und ließ sich von Porsche Consulting beraten. Mehrere Standorte wurden verkleinert, auch die Filiale am Münchener Marienplatz – an der einst das Erfolgskonzept des Buchkaufhauses begann. Im Erdgeschoss verkauft heute T-Mobile Handyverträge. Der größte Hugendubel steht heute in Frankfurt. Das Geschäft am Steinweg mit 3000 Quadratmetern wird derzeit bei laufendem Betrieb saniert und hübsch gemacht. Konkurrent Thalia hat angekündigt, nur einen Sprung weit entfernt an der Hauptwache noch in diesem Jahr eine 2500 Quadratmeter große Filiale zu eröffnen. Hugendubel rüstet sich für die Zukunft. Im November gaben die Geschwister bekannt, dass die Tchibo-Eigentümerfamilie Herz bei Hugendubel einsteigt. „Wir kennen die Familie Herz schon lange, schon unser Vater hat mit ihr zusammengearbeitet“, sagt Nina Hugendubel, denn die Herzens sind auch Eigentümer des Buchgroßhändlers Libri, der Hugendubel seit Jahrzehnten beliefert. „Deshalb haben wir uns bei der Suche nach einem langfristigen Investor an die Familie Herz gewendet“, sagt Nina Hugendubel. Die Hamburger Unternehmerfamilie beteiligt sich im Rahmen einer Kapitalerhöhung an Hugendubel – welchen Anteil sie genau hält, wird nicht verraten; nur, dass es um eine Minderheitsbeteiligung geht, die Mehrheit bleibt also bei den Hugendubels. Und das soll auch so bleiben. Der Einstieg der Tchibo-Eigentümerfamilie soll dafür sorgen, dass Hugendubel langfristig stabil bleibt. Zwar gibt es in der nächsten Generation der Hugendubels vier Kinder, die theoretisch einmal übernehmen könnten, doch ob es so kommt, lässt sich noch nicht sagen. Derzeit erlebt der Buchhandel mit dem Boom der New-Adult-Literatur einen kleinen Lichtblick. In der Altersgruppe der 16- bis 29-Jährigen nahm die Zahl der Buchkäufer zuletzt deutlich zu, während sie sonst in allen Altersklassen abnahm. Die neue Buchbegeisterung der Jüngeren zeigt sich auch an ihrem Interesse für den Buchhändlerberuf. Hugendubel hat 70 Auszubildende, für die Stellen gab es im vergangenen Jahr rund 1500 Bewerbungen. „Das hat auch mit dem New-Adult-Boom zu tun“, sagt Nina Hugendubel. „Buchhändler ist ein Traumberuf“, ergänzt ihr Bruder. Um die Buchbegeisterung weiter anzufachen, veranstaltet Hugendubel seit 2022 einmal im Jahr ein zweitägiges „Bookstock“-Lesefestival. Das ist eine Art Late-Night-Talkshow, die professionell in den Bavaria-Filmstudios wie ein TV-Format produziert wird und dabei im Internet live gestreamt wird. Je Showabend sitzen 500 Zuschauer im Publikum, die Tickets dafür sind im Nu ausverkauft. Die Videos wurden innerhalb von drei Tagen insgesamt mehr als 500.000 Mal abgerufen. Zu den Talkgästen in den vergangenen Jahren zählten Bestsellerautoren wie Sebastian Fitzeck, Caroline Wahl, Rebecca Yarros und Benjamin von Stuckrad-Barre. Ende Oktober ist es wieder so weit – zwei Wochen nach der Frankfurter Buchmesse.
