FAZ 02.10.2026
12:15 Uhr

Nolan und Diderot: Der Zyklop auf der Leinwand


„Wer könnte den Anblick des Polyphem ertragen?“ Denis Diderots Frage aus dem „Brief über die Taubstummen“ verdient im Licht von Christopher Nolans Odyssee-Verfilmung eine neue Betrachtung.

Nolan und Diderot: Der Zyklop auf der Leinwand

Seinen „Brief über die Taubstummen“ aus dem Jahr 1751 adressierte Denis Diderot „zum Gebrauch für die Hörenden und Sehenden“. Wie schon im „Brief über die Blinden“ geht er von der Idee einer „metaphysischen Anatomie“ aus. Er diskutiert die Möglichkeit, „einen Menschen sozusagen auseinanderzunehmen und dann die Frage zu prüfen, was er jedem der Sinne, die er besitzt, zu verdanken hat“. Damit reagierte er auf den kurz zuvor erschienenen Versuch von Charles Batteux, die schönen Künste auf ein Prinzip zurückzuführen. Diderot kommt auf dem Weg seines Essays nicht nur zu der Überlegung, aus angenommener oder angeborener Stummheit „über die Entwicklung der Sprache“ nachzudenken: „Um richtig zu verstehen, wie sich die Wortsprache entwickelt hat, wäre es zweckmäßig, die Gebärdensprache zu studieren.“ Weiterhin holt er zu Vergleichen zwischen den Sprachen aus, insofern sie Umstellungen verwenden und sich – wie die französische – dann mehr für die Wissenschaft und die Wahrheit eignen als etwa die antiken Sprachen oder das Englische und Italienische. Sodann geht es aber in eindringlichen Erkundungen um den Vergleich zwischen den verschiedenen Künsten, etwa die Frage, warum die Musik von den drei Künsten, welche „die Natur nachahmen“, als „gerade diejenige, deren Ausdruck am willkürlichsten und ungenauesten ist, die Seele am meisten anspricht“. Zwei Formen des schönen Augenblicks Hier kommt dann auch eine Gegenüberstellung von Dichtung und Malerei in den Blick, denn „der schöne Augenblick“ sei darin jeweils ein unterschiedlicher. Dass ein so heller Kopf wie Lessing auf solche Überlegungen elektrisiert reagieren musste, schon anderthalb Jahrzehnte bevor er in seinem Traktat „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“ eben über solche Fragen nachdachte, überrascht keineswegs. Noch im Jahr des Erscheinens von Diderots Brief rezensierte der gerade einmal zweiundzwanzigjährige Lessing den Brief des Franzosen als eine Schrift der produktiven Ungebundenheit. Alle Ausschweifungen Diderots seien „voller neuen und schönen Gedanken“. In einem an „Mademoiselle ***“ gerichteten Postskriptum verstärkt Diderot seine auch für Lessing höchst relevante These, „dass die Dichtung uns Bilder bewundern lässt, die in der Malerei unerträglich wären, und dass unsere Einbildungskraft weniger streng ist als unser Auge“. Sein Beispiel liest sich heute noch einmal anders, wenn man die nicht nur an diesem Ort geführten Diskussionen um Christopher Nolans Odyssee-Film einbezieht. Diderot führt aus: „Wer könnte denn auf der Leinwand den Anblick des Polyphem ertragen, der zwischen seinen Zähnen die Knochen eines Gefährten des Odysseus zermalmt? Wer könnte ohne Entsetzen sehen, wie ein Riese einen Menschen quer in seinem ungeheuren Mund hält und wie das Blut auf seinen Bart und seine Brust tropft? Ein solches Gemälde könnte nur Kannibalen ergötzen; eine solche Natur wäre für Menschenfresser bewunderungswürdig, für uns aber abscheulich.“ Was hätte Diderot wohl zu Goyas Gemälde des Chronos gesagt, der seine Kinder verschlingt? Als Poster hing es in Christopher Nolans Büro, als er das grafische Design seines Films entwarf. Um die Sinne zu variieren: Hätte Diderot sich vorstellen können, Polyphem in Aktion zu sehen und die Knochen der Opfer knacken zu hören? Weniger drastisch und deutlich harmloser wäre eine analoge Frage zu stellen, wenn es im Film um die Glaubwürdigkeit der Göttin Athena geht, bei der die Einbildungskraft der Lektüre durch das Bild nicht erreicht werden kann, mithin das Auge auch hier „strenger“ ist, oder doch sein könnte, als die Phantasie. Der junge Lessing war sich möglicher Einwände gegen Diderot ebenso bewusst wie später der alte Goethe, der den Franzosen verteidigte – „wer an ihm oder seinen Sachen mäkelt, ist ein Philister, und deren sind Legionen“, heißt es 1831 an Zelter. Lessing nimmt einen kurzsichtigen Dogmatiker ins Visier, der an seinen auswendig gelernten Sätzen lieber festhält, als sich dem Sturm des Aufklärers auszusetzen: „Unser Verfasser“, so zitiert Lessing dann Diderots Selbstcharakteristik, „ist einer von den Weltweisen, welche sich mehr Mühe geben, Wolken zu machen als sie zu zerstreuen. Überall, wo sie ihre Augen hinfallen lassen, erzittern die Stützen der bekanntesten Wahrheiten, und was man ganz nahe vor sich zu sehen glaubte, verliert sich in eine ungewisse Ferne.“