Timo Tichai übt sich im Rätselraten. Der Blick auf die Ergebnisse der Kreistagswahl in Hirzenhain lässt den Bürgermeister der 2800-Seelen-Gemeinde in der östlichen Wetterau ratlos zurück. Das gilt besonders für den Ortsteil Glashütten. 670 Einwohner zählt das Örtchen. Die AfD hat dort am Sonntag 42,6 Prozent der Stimmen geholt. Das ist selbst für die kleine AfD-Hochburg am Rand des Vogelsbergs ein Ausreißer nach oben. Gut 39 Prozent der Wahlberechtigten haben sich in Glashütten an der Kreistagswahl beteiligt, ein unterdurchschnittlicher Wert in Hessen. Nun hat die AfD in den vergangenen Wahlen schon auffallend stark in Hirzenhain abgeschnitten, aber auch in Gedern, Kefenrod und Büdingen. Bei der Bundestagswahl holte sie in Hirzenhain 30,25 Prozent und hängte alle anderen Parteien ab. Nach der Europawahl lag die Union dort vorn, aber die Rechtspopulisten kamen nur knapp hinter ihr auf 25 Prozent. Die Landtagswahl hatte die CDU zuvor am Ort nur hauchdünn vor der AfD für sich entschieden. 31,7 zu 31,2 Prozent lautete das Ergebnis. Der als Parteiloser zum Bürgermeister gewählte Tichai, ein ruhiger und nachdenklicher Mann, ist also schon einiges gewohnt. Aber für den Kreistag interessiert sich kaum jemand, wie Tichai weiß. Das ist in Hirzenhain nicht anders. Liegt in Glashütten etwas im Argen? Der Bürgermeister muss nicht nachdenken und sagt: „Nein.“ Gibt in der lokalen AfD einen Menschenfänger? Kopfschütteln. Hat die Partei vielleicht, anders als überall sonst in der Region, auf den Ort bezogene Wahlplakate aufgehängt? Fehlanzeige. Zu den 42,6 Prozent fällt Tichai keine schlüssige Erklärung ein. Seinem Niddaer Amtskollegen Thorsten Eberhard (CDU) geht es genauso. Über alle drei Ortsteile von Hirzenhain verteilt kommen die Rechtspopulisten bei der Kreistagswahl auf gut 29 Prozent und verweisen die CDU mit 27 Prozent auf den zweiten Platz. Die ehedem starke SPD muss sich mit 15,7 Prozent bescheiden, die Grünen werden sogar nur unter „Sonstige“ geführt. Bei den Briefwählern allerdings kam die AfD mit 18,7 Prozent nur auf Platz drei, deutlich hinter der Union und der SPD. Dank Landesgartenschau fließt auch nach Hirzenhain viel Geld Die Erfolge der AfD bei den überregionalen Wahlen lassen sich gut mit dem Auftrieb der Partei in Bund und Land erklären. Mit der verbreiteten Unzufriedenheit über die politische Lage und die überbordende Bürokratie. Mit dem Gefühl, es gehe nichts mehr voran im Land. Mit der besonderen Weltsicht von AfD-Wählern, die pessimistischer sind als Anhänger anderer Parteien. Mit der bei so manchem vorhandenen Sehnsucht nach einfachen Antworten in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt. Letztlich auch mit dem Gefühl, in der östlichen Wetterau abgehängt zu sein. Bahn und Bus fahren jenseits der A 45 seltener als westlich davon. Deshalb werden dort mehr Autos je Kopf gezählt als anderswo in der Wetterau. Dabei verdienen die erwerbstätigen Menschen im Ostkreis durchschnittlich weniger als etwa in Butzbach, Friedberg und den beiden Kurstädten. Das alles führt vielfach zu Unmut. Andererseits tut sich nach Jahren der gefühlten Stagnation in der östlichen Wetterau etwas, auch in Hirzenhain. Die Gemeinde trägt mit zehn anderen Kommunen die Landesgartenschau Oberhessen 2027. Mehr als 30 Millionen Euro fließen in diese als vernachlässigt geltende Gegend. In Hirzenhain wird das Ufer des Nidder-Stauweihers umgestaltet, eine „Erlebnismeile“ soll entstehen und den Aufenthalt für Menschen jeden Alters angenehmer gestalten. Gut 1,5 Millionen Euro bekommt die Gemeinde an Fördermitteln, dazu einen kleineren Betrag für das Backhaus Merkenfritz. Und das bei einem Gemeindeetat mit Aufwendungen von 7,4 Millionen Euro. Ein Anlass zu Unzufriedenheit kann das nicht sein. Die Gießener Politikwissenschaftlerin Dorothée de Nève sieht die Sache so: Die Entscheidung der Wähler für die AfD sei ein Votum für deren Inhalte und ernst zu nehmen: „Die AfD macht ein programmatisches Angebot, das für viele Wähler offenbar vielversprechend ist.“ Es gehe um eine Law-and-Order-Politik und ein Sicherheitsversprechen, um einen Anti-Elitarismus „gegen die da oben“ und einen Neiddiskurs, der Emotionen wecke. Dazu um Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der die Welt vermeintlich noch in Ordnung war.
