FAZ 06.10.2026
13:26 Uhr

Oranien-Nassau: Sie legitimierten den Sklavenhandel


König Willem-Alexander hat die Geschichte seiner Familie durchleuchten lassen. Die niederländische Monarchie war in den Kolonialismus verstrickt, verdiente aber kein Geld damit.

Oranien-Nassau: Sie legitimierten den Sklavenhandel

Der niederländische König Willem-Alexander hat selbst Geschichte studiert. Das trug wohl dazu bei, seinen Blick auf die Geschichte der eigenen Familie zu schärfen. Schon 2022 verbannte er die Goldene Kutsche ins Depot. Ein Gemälde auf der Seite des prachtvollen Gefährts zeigt, wie sich die „Wilden“ aus den Kolonien vor der niederländischen Jungfrau in den Staub werfen und im Gegenzug mit der Zivilisation bedacht werden. Dieses Geschenk der Amsterdamer Bürger für seine Urgroßmutter Königin Wilhelmina kam Willem-Alexander nicht mehr zeitgemäß vor. Kurz darauf beauftragte er Forscher damit, die historische Verwicklung des Hauses von Oranien-Nassau in den Kolonialismus zu untersuchen. Drei Jahre nahmen sie sich dafür Zeit, am vorigen Freitag legten sie fünf Monographien vor. Das wichtigste Ergebnis fasste der Leiter des Projekts Gert Oostindie, Emeritus für Kolonialgeschichte, so zusammen: „Alle Statthalter, Könige und Königinnen, zumindest bis einschließlich Wilhelmina, waren von der Legitimität des Kolonialismus und seiner Bedeutung für die Niederlande überzeugt.“ Allerdings wäre das Land ohnehin zu einer Kolonialmacht geworden, und lange Zeit hätten die Oranier davon nicht direkt profitiert. Erst im 19. Jahrhundert änderte sich das, unter König Wilhelm I., der von 1813 bis 1840 regierte. Während seine Vorgänger die Ausbeutung der Kolonien den mächtigen Handelsgesellschaften überlassen hatten, der Vereinigten Ostindien-Kompanie und der Westindien-Kompanie, gründete Wilhelm seine eigene Gesellschaft. Die engagierte sich vor allem in Ostindien, dem heutigen Indonesien, und erzielte hohe Einnahmen. Sein Enkel Prinz Hendrik war ab 1850 sogar an der Erschließung von Zinnvorkommen dort beteiligt. Die Gesamteinkünfte, die dem Königshaus aus diesen Aktivitäten zuflossen, werden von den Forschern auf 566 Millionen Euro beziffert, in heutige Kaufkraft umgerechnet. Kaum Einkünfte aus der Karibik Dagegen waren die Einkünfte aus dem westafrikanischen und amerikanischen Gebiet, das von der Westindien-Kompanie beherrscht wurde, mit zehn Millionen Euro gering. „Das Haus Oranien verdiente praktisch nichts am transatlantischen Sklavenhandel und der Sklaverei in der Karibik“, stellen die Forscher fest. Zwar gab es auch in Ostindien Hunderttausende Sklaven, allerdings waren die Umstände anders. Denn dort gab es Formen von Sklaverei und Menschenhandel schon vor der Ankunft der Niederländer, die sich diese Traditionen dann zunutze machten. Dagegen verschleppten sie rund 600.000 Afrikaner nach Südamerika, wo diese als Sklaven auf Plantagen Zuckerrohr, Kaffee, Kakao und Baumwolle für den Export nach Europa anbauen mussten. Diese besonders brutale Form der Sklaverei stand in den vergangenen Jahren im Zentrum der niederländischen Vergangenheitsbewältigung. Das Königshaus habe den Kolonialismus und die Sklaverei über Jahrhunderte hinweg „skrupellos“ unterstützt, sagte Gert Oostindie, dessen Nachname noch von dieser Geschichte zeugt. „Alle Mitglieder des Hauses Oranien hielten Kolonialkriege und die gewaltsame Niederschlagung von Aufständen für unvermeidlich und gerechtfertigt.“ Sie waren damit ein Spiegel der Gesellschaft und verliehen der kolonialen Ausbeutung Legitimität. Oostindie konstatiert einen Mangel an „dissenting leadership“, also an der kritischen Hinterfragung der Verhältnisse durch das Königshaus. Auch interessierten sich die Oranier kaum dafür, wie eine der fünf Studien belegt. Selbst König Wilhelm und seine Nachfolger überließen die Kolonialverwaltung Ministern, Beamten und Gouverneuren, die zwar deren Macht mehrten, ihnen aber nur ein geschöntes Bild der Lage vermittelten. Erst Königin Juliana ging auf Distanz Auf Distanz zum Kolonialismus ging erst Königin Juliana, die 1948 den Thron bestieg und bis 1980 regierte. Ein Jahr später unterzeichnete sie, nach vier Jahren Unabhängigkeitskrieg, die Souveränität Indonesiens, was im Parlament und in der Gesellschaft umstritten war. Ihre Tochter Beatrix bemühte sich um die Versöhnung mit den früheren Kolonien, darunter auch Surinam. Es war dann aber erst ihr Sohn Willem-Alexander, der 2023 den Sklavenhandel und die Sklaverei als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ charakterisierte und für das Versäumnis seiner Vorfahren, dagegen vorzugehen, öffentlich um Vergebung bat. Als der König am Freitag die Ergebnisse der Forscher entgegennahm, sagte er: „Nur indem wir uns ehrlich mit der Vergangenheit auseinandersetzen und sie durchleben – einschließlich all der Spaltung und des Leids –, können wir ein Fundament des Vertrauens für eine gemeinsame Zukunft legen.“  Er könne die Vergangenheit nicht ändern, wohl aber einen positiven Beitrag zur Gegenwart und Zukunft leisten. Ministerpräsident Rob Jetten stellte derweil klar, dass es keine weiteren Entschädigungszahlungen geben werde. Das Land hatte 2023 einen staatlichen Fonds zur Aufarbeitung der Sklaverei mit 200 Millionen Euro aufgelegt, der Surinam, aber auch dem verbliebenen karibischen Teil des Königreichs zugutekommt.