Der estnische Inlandsgeheimdienst warnt in seinem jüngsten Jahresbericht vor Vertretern der Russischen Orthodoxen Kirche im eigenen Land. Nicht nur dass manche Geistliche dem Moskauer Patriarchat nahe stünden: „Wir hatten so etwas wie ‚Kriegsnonnen‘ in Estland im Einsatz. Frauen, die mit Helmen und Schutzausrüstung in die Kriegsgebiete in der Ukraine reisten, um die russischen Truppen zu unterstützen“, sagte Geheimdienstchef Margo Palloson laut „The Baltic Sentinel“. Estland versucht schon seit einigen Jahren, den Einfluss der Russischen Orthodoxen Kirche zurückzudrängen. Seit Beginn des vollumfänglichen Kriegs Russlands gegen die Ukraine hat es diese Bemühungen intensiviert. Auf Druck der Behörden änderte die orthodoxe Kirche im August 2024 ihren Namen. Bis dahin hieß sie Estnische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, nun nennt sie sich Estnische Christlich-Orthodoxe Kirche. Mit der Streichung des Zusatzes „des Moskauer Patriarchats“ ging einher, dass sich die Kirche für von Moskau unabhängig erklärte. Von Moskau unabhängig oder von dort gesteuert? Die estnischen Behörden sehen in der Russischen Orthodoxen Kirche ein Instrument des Kremls. Sie trage dazu bei, den Angriffskrieg gegen die Ukraine zu rechtfertigen, und unterstütze Moskaus übergeordnete politische Ziele. Der Kreml missbrauche „unter dem Deckmantel kirchlicher Gewänder“ das Argument der Religionsfreiheit, „um die Sicherheit und die öffentliche Ordnung in demokratischen Gesellschaften zu untergraben“, heißt in dem Jahresbericht des estnischen Geheimdienstes. Tatsächlich unterhält die orthodoxe Kirche in Russland enge Beziehungen zur Staatsmacht unter Wladimir Putin. Ihr Oberhaupt, Patriarch Kyrill I., hat den Krieg gegen die Ukraine als „heiligen Krieg“ bezeichnet. Schon Anfang 2024 wurde die Aufenthaltsgenehmigung des Metropoliten Jewgenij, der die Estnische Orthodoxe Kirche seit 2018 leitet, nicht verlängert. Obwohl sich die Estnische Christlich-Orthodoxe Kirche als unabhängig und selbstverwaltet präsentiere, heißt es in dem aktuellen Bericht des Geheimdienstes, würden ihre Aktivitäten in Wirklichkeit von der Russischen Orthodoxen Kirche überwacht. Metropolit Jewgenij leite die Geschäfte weiterhin von Russland aus. In einem Statement vom Februar 2025 erklärte die Kirche auf ihrer Website dagegen, dass sie in ihrer täglichen Arbeit bei „wirtschaftlichen Entscheidungen und in der Verwaltung der Gemeinden vollkommen unabhängig“ agiere – obwohl sie im „kanonischen Sinne ein autonomer Teil des Moskauer Patriarchats“ sei. Die praktische Leitung und Verwaltung der Kirche erfolge nicht durch „politische oder staatliche Kreise eines fremden Staates“. 2020 gehörten dieser Kirche rund 14 Prozent der Bevölkerung Estlands an, die in ihrer Mehrzahl zur russischsprachigen Bevölkerungsgruppe zählen, die etwa ein Viertel der Bevölkerung in dem EU- und NATO-Land stellt. Daneben gibt es noch eine zweite orthodoxe Kirche: Die Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche, die als autonomer Teil dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel untersteht. Laut Daten aus dem Jahr 2020 gehören ihr etwa zwei Prozent der estnischen Bevölkerung an. Acht Prozent sind Lutheraner, die Mehrheit ist konfessionslos. Streit über Neufassung des Kirchengesetzes Der Fall der „Kriegsnonnen“ ist aus Sicht des Geheimdienstes kein Einzelfall. Den beiden Nonnen, die laut dem Bericht in einem estnischen Kloster lebten und denen die Aufenthaltserlaubnisse im Jahr 2025 entzogen wurden, wird vorgeworfen, mit einem Kloster in der Nähe von Moskau in Verbindung zu stehen, das Russlands Krieg gegen die Ukraine unterstütze. Es seien Hilfsgüter für Truppen gesammelt, verwundete Soldaten besucht und Hilfsgüter in die besetzten Gebiete der Ukraine geschickt worden. Das Kloster arbeite zudem mit der Allrussischen Volksfront zusammen, wobei auch Waffen an die russischen Truppen geliefert worden seien. Insgesamt wurden dem Bericht des Inlandsgeheimdienstes zufolge im Jahr 2025 und Anfang 2026 gegen sieben Personen der Estnischen Christlich-Orthodoxen Kirche Einreiseverbote in den Schengenraum und nach Estland verhängt. Zuletzt musste im Februar ein Geistlicher ausreisen, der Aufnahmen des Militärgeländes des Kuperjanov-Bataillons im Süden Estlands angefertigt haben soll. Zuvor habe er sich geweigert, Fragen des estnischen Staates zu russischen Geheimdiensten und dem Militär zu beantworten und sich zum Krieg in der Ukraine zu positionieren. Auch auf politischer Ebene wird Druck aufgebaut. Im April 2025 verabschiedete das estnische Parlament erstmals Änderungen am Kirchen- und Gemeindegesetz, wonach in Estland tätige Glaubensgemeinschaften, Gemeinden und Klöster nicht aus dem Ausland geleitet werden oder mit Einflusszentren oder spirituellen Führern in einem anderen Staat verbunden sein dürfen, wenn von diesen eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung oder Sicherheit ausgeht. Kritiker sehen in der Änderung einen Eingriff in die Religionsfreiheit. Auch Estlands Präsident Alar Karis lehnte die Änderungen mit der Begründung ab, dass die Bestimmungen im Widerspruch zu Teilen der estnischen Verfassung stehen würden. Derzeit prüft der Oberste Gerichtshof die Änderungen. Mehrere UN-Experten begrüßten Karis‘ Entscheidung, das Gesetz nicht zu verkünden und es zur verfassungsrechtlichen Prüfung vorzulegen. Nationale Sicherheit sei kein zulässiger Grund für die Einschränkung der Religions- oder Weltanschauungsfreiheit.
