FAZ 13.03.2026
11:35 Uhr

Paralympics-Siegerin Masters: Mit „Superkräften“ aus Tschernobyl


Die Katastrophe von Tschernobyl nimmt Oksana Masters früh die Gesundheit und ihre Familie. Sie kommt ins Waisenhaus und erlebt eine traumatische Kindheit. Durch den Sport kann sie sich neu erfinden.

Paralympics-Siegerin Masters: Mit „Superkräften“ aus Tschernobyl

Wenn Oksana Masters mal auf die Idee kommen sollte, daheim eine zusätzliche Krafteinheit einzulegen, müsste sie nicht einmal Hanteln stemmen. Alternativ würden schon eine Tasche und ihre Sammlung an paralympischen Medaillen als Inhalt reichen. 21 Scheiben aus Edelmetall zu je rund 500 Gramm – damit hätte die 35-jährige Amerikanerin schnell die Last einer mittelschweren Hantel erreicht. Der Vergleich zeigt, wieso Masters mit ihren Triumphen im Para-Cycling, Para-Rudern, aber auch im Para-Langlauf und Para-Biathlon verdientermaßen zu den größten Stars im Behindertensport zählt. Und ein Ende davon ist mit den jüngsten Erfolgen bei den Winter-Paralympics in Italien nicht in Sicht. Masters’ Werdegang ist geprägt von Durchsetzungsvermögen und Optimismus – eine Lebensgeschichte, die nicht nur auf dem Sportfeld erzählt wird. Geboren wird Masters als Oksana Bondarchuk 1989 im ukrainischen Ort Chmelnyzkyi, rund 360 Kilometer südwestlich von Tschernobyl. Obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre seit der verheerenden Nuklearkatastrophe vergangen sind, wird angenommen, dass Masters’ angeborene Fehlbildungen der Beine, Hände und Zehen sowie das Fehlen einer Niere eine Folge der dadurch ausgetretenen radioaktiven Strahlung sind. Die Ärzte gehen nicht davon aus, dass das Mädchen lange überleben wird. Die Katastrophe von Tschernobyl nimmt Masters bereits seit frühester Kindheit erst die Gesundheit und wenig später auch die Familie. Diese will sie wegen ihrer Behinderungen nicht behalten. „Bei meiner Geburt wurde ich zur Adoption freigegeben und verbrachte siebeneinhalb Jahre im Waisenhaussystem“, erzählt Masters in ihren Memoiren „The Hard Parts“. „Viele Menschen wollen nicht glauben, was in bestimmten Waisenhäusern in der Ukraine vor sich geht. Aber sie sollten es glauben. Es geschehen schreckliche Dinge.“ „Der Sport hat mir geholfen, zu heilen“ Die Para-Athletin berichtet später über regelmäßigen Hunger sowie seelischen und sexuellen Missbrauch im Heim. In dieser alptraumhaften Umgebung fragt sich die junge Masters damals, welche Superkräfte sie wohl im Gegenzug zu den Behinderungen von den giftigen Strahlungen erhalten habe. Die Wende kommt für sie schließlich 1997, als sie von einer Amerikanerin adoptiert wird und zu dieser in die Vereinigten Staaten übersiedelt. Mit 13 Jahren beginnt Masters, zunächst ihrer Adoptivmutter zuliebe, mit dem Rudersport. Doch schnell entdeckt die Jugendliche, welches Potential sich dahinter verbirgt: „Der Sport hat mir geholfen, zu heilen, alles loszuwerden, mich selbst zu finden, mich auf positive Weise neu zu entdecken und meine Geschichte neu zu schreiben“, sagt Masters der F.A.Z.. Damals 23 Jahre alt, steht sie 2012 bei den Paralympics in London auf dem Podest mit einer Bronzemedaille um ihren Hals. Zwei Jahre später folgt der nächste paralympische Erfolg – diesmal bei den Winterspielen in Sotschi mit Silber im Skilanglauf, den sie zuvor längere Zeit lediglich als Ausgleichssport betrieben hatte. Es soll lediglich ein Vorgeschmack auf den künftigen Erfolg sein: In den folgenden zwölf Jahren gewinnt Masters bei den Winter-Paralympics insgesamt sieben Mal Gold und vier weitere Goldmedaillen bei den Sommerspielen. Masters macht aber klar, dass auch sie trotz aller Erfolge nicht unverwundbar sei: „Ich finde es okay, Angst zu haben, es ist okay, sich Sorgen zu machen“, sagt sie. „Aber es ist nicht okay, sich davon einnehmen zu lassen und diese Gefühle mit an den Start zu nehmen. Wenn ich an der Startlinie stehe, bin ich sehr nervös. Aber in dem Moment, wenn die Uhr zu ticken beginnt, weiß ich, warum ich das tue, warum ich hier bin, und das hilft.“ Masters betont, dass sie sich nicht allein von den Schicksalsschlägen definieren lassen will, sondern durch ihre Siege, die sie sich hart erkämpfen muss. 100 Prozent Amerikanerin, 100 Prozent Ukrainerin Und auch bei den Winter-Paralympics in der norditalienischen Stadt Tesero zeigt Masters aktuell einmal mehr, wie gut ihr Erfolgsrezept funktioniert. Gold gab es auch hier wieder – im Para-Biathlon und Para-Langlauf. Weitere könnten folgen. Für Masters sind diese Triumphe aber längst keine Routine: „Ich fühle mich dann noch immer aufs Neue, als wäre ich an der Spitze der Welt“, sagt sie. „Es ist immer wieder etwas Besonderes und Schönes.“ Diese Freude gilt nicht nur für ihre eigenen Siege oder die des amerikanischen Teams. Trotz der traumatischen Erlebnisse in der Kindheit fühlt sich Masters auch ihrem Geburtsland, der Ukraine, noch immer verbunden und fiebert mit den ukrainischen Para-Athletinnen und Para-Athleten mit, die trotz des russischen Angriffskrieges auf ihr Heimatland in Italien ebenfalls Höchstleistungen erbringen: „Ich fühle mich zu 100 Prozent als Amerikanerin und Ukrainerin. Letzteres wird immer Teil meiner Identität sein. Es ist in meinem Blut und ich bin stolz darauf“, sagt sie. „Natürlich gilt meine Unterstützung auch ihnen. Außerdem sehe ich meinen Erfolg auch als ihren Erfolg für die Ukraine, und das ist einer der Gründe, warum ich weiterhin so hart kämpfe. Ich kämpfe für sie.“ Und eben dieser Kampfgeist zählt auch zu Masters Superkräften, die sie als Kind so noch nicht in sich sehen konnte. Der anhaltende Erfolg in Italien unterstreicht das einmal mehr, wie bei ihrem dominanten Sieg im Para-Langlauf am Mittwoch über zehn Kilometer sitzend. Ein weiteres Edelmetall für die Sammlung. Sollte sich Masters tatsächlich entscheiden, das Gesamtgewicht ihrer gewonnenen Medaillen als Ersatzhantel zu nutzen, wird dieses nach dem Ende der Wettkämpfe noch einmal um einiges schwerer sein.