Allem Anschein nach ist ein Generalmajor des russischen Innenministeriums namens Andrej Krajuschkin der Mann, dem sein oberster Dienstherr, Präsident Wladimir Putin, gerade im Handstreich eine Reihe wichtiger ausländischer Unternehmen zugeschlagen hat. Krajuschkin firmiert russischen Medien zufolge seit dem 10. September als Generaldirektor der im Oktober 2024 gegründeten Aktiengesellschaft L.E.W. Management. Deren „einstweiliger Leitung“ unterstellt ein Erlass Putins vom Donnerstagabend russische Tochtergesellschaften des Schweizer Nestlé-Konzerns, der französischen Handelsketten Leroy Merlin und Auchan sowie mit ihnen verbundene Logistikdienstleister aus Frankreich und Deutschland. Die Struktur L.E.W. Management mit einem Stammkapital von 15.000 Rubel (etwa 150 Euro) wurde noch vor Kurzem für 450.000 Rubel (4500 Euro) als fertige Struktur ohne Tätigkeit und Umsatz zum Verkauf angeboten, als „schnelle Lösung für diejenigen, die eine Aktiengesellschaft ohne unnötige Bürokratie kaufen wollen“. Wer jetzt hinter ihr und ihrem eine Woche vor Putins Erlass auf den Plan getretenen Generaldirektor im Generalsrang steht, ist unklar. Nestlé, Leroy Merlin und Auchan waren trotz des russischen Überfalls auf die Ukraine Ende Februar 2022 im Land geblieben. Nestlé teilte aber mit, keine neuen Investitionen zu tätigen, nicht mehr zu werben und den Verkauf bestimmter Marken wie Kitkat und Nesquik zu stoppen. Der Konzern betreibt sechs Werke in Russland, die etwa Kaffee, Backwaren, Kindernahrung und Tierfutter herstellen. Die Erzeugnisse werden ausschließlich in Russland verkauft und nicht exportiert. Auchan, das der französischen Familie Mulliez gehört, betreibt in Russland mehr als 200 Märkte und gehört zu den zehn größten Einzelhändlern im Land. Der Konzern hatte laut französischen Medien ein Angebot der Gazprombank abgelehnt, sein Russland-Geschäft zu übernehmen. Nestlé prüft rechtliche Schritte Leroy Merlin, das ebenfalls mehrheitlich der Mulliez-Familie gehört, hatte im März 2023 verkündet, sich aus Russland zurückzuziehen. Im Dezember desselben Jahres kaufte eine Holding aus den Vereinigten Arabischen Emiraten 99,993 Prozent der russischen Tochtergesellschaft, die Franzosen behielten 0,007 Prozent. Das Unternehmen änderte seinen Namen in Le Monlid, die Baumärkte werden mittlerweile unter der Marke Lemana Pro betrieben. Das Unternehmen teilte jetzt mit, es habe „keinerlei offizielle Angaben“ zu Putins Erlass erhalten und bemühe sich um Klärung. Ähnlich äußerte sich Auchan. Nestlé nahm Putins Erlass „zur Kenntnis“. Man prüfe die Optionen und sei entschlossen, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um die eigenen Rechte zu schützen und die Kontinuität des Geschäftsbetriebs sicherzustellen. Mitte August hatte die Zeitung „Kommersant“ berichtet, ein anderes bisher kaum bekanntes Unternehmen habe Putin gebeten, Nestlés Russland-Tochtergesellschaften unter „einstweilige Leitung“ zu stellen. Das könne „die erste Etappe in der Prozedur des Eigentümerwechsels werden“. Begründet wurde dies „mit dem Fehlen von Plänen, die Kapazitäten auszuweiten, und mit dem Exportstopp für in Russland hergestellte Waren“. Die Regierung wolle bis Jahresende auf die Bitte antworten. Dem kam Putin nun offenbar zuvor. Anleger reagieren verschnupft Obwohl sich das feindliche Manöver mithin schon abgezeichnet hatte, reagierten die Anleger verschnupft: Der Aktienkurs von Nestlé sank im Verlauf des Freitags um zwei Prozent auf 76,70 Franken. Der Konzern nennt keine aktuellen Geschäftszahlen für Russland. Letztmals wurde der Umsatz dort für das Jahr 2021 auf 1,7 Milliarden Franken beziffert, was einem Anteil am Gesamtumsatz von rund zwei Prozent entsprach. Dem Vernehmen nach hat sich an diesen Zahlen bis zuletzt kaum etwas geändert. Das Geschäft gilt als profitabel, die Gewinne dürfen aber nicht aus Russland ausgeführt werden. In den sechs Nestlé-Fabriken dürften weiter rund 7000 Mitarbeiter beschäftigt sein. Nestlé äußerte sich nicht zu den möglichen finanziellen Auswirkungen. Daraus lässt sich schließen, dass der Konzern derzeit keine konkreten Hinweise auf eine drohende Enteignung in Russland hat. Putins Erlass vom Donnerstag fußt auf einem früheren Erlass aus dem April 2023, der die Möglichkeit einer „einstweiligen Leitung“ der russischen Vermögenswerte von Unternehmen und Personen aus „unfreundlichen“ Ländern vorsieht, solchen also, die gegen Russland Sanktionen verhängt haben. Formal umfasst die Zwangsverwaltung keinen Eigentumswechsel. Doch erhält der bestellte Verwalter die Befugnisse des Eigentümers, der sein Geschäft faktisch nicht fortführen kann. Die „einstweilige Leitung“ endet erst durch eine neue Präsidentenentscheidung und praktisch immer damit, dass russische Investoren die Vermögenswerte bekommen. Sollte es für Nestlé und die anderen betroffenen Unternehmen zu einem faktisch erzwungenen Verkauf der Geschäfte kommen, wären wohl Abschreibungen in Milliardenhöhe fällig. Andere Fälle haben gezeigt, dass Verkäufe nach einer Fremdverwaltung zu äußerst schlechten Konditionen erfolgen können. Der französische Nestlé-Rivale Danone fuhr beim Rückzug aus Russland einen Verlust von 1,2 Milliarden Euro ein. Putin unterstellte die russische Tochtergesellschaft des Konzerns im Sommer 2023 einem Neffen des Tschetschenenherrschers Ramsan Kadyrow. Auch in anderen Fällen haben Günstlinge der Machthaber profitiert. Unilever verkaufte seine vier Fabriken mit Marken wie Knorr und Dove deutlich unter ihrem Marktwert. Auch die Brauereien Carlsberg und Heineken wurden so aus dem Land getrieben. Einzig der italienische Haushaltsgerätehersteller Ariston erhielt seine von Putin 2024 einer Gazprom-Tochtergesellschaft unterstellten russischen Vermögenswerte ein Jahr später zurück, laut „Financial Times“ als Ergebnis langer Verhandlungen. Nicht allein die ausländischen Investoren haben durch die faktischen Enteignungen Nachteile. Das Wirtschaftsportal „The Bell“ hat vor Kurzem 92 frühere Tochterunternehmen internationaler Konzerne unter die Lupe genommen, die nun russische Eigentümer haben. Insgesamt fiel der Gewinn der Unternehmen demnach um 20 Prozent, die Zahl derer, die Verluste verzeichnen, stieg von 13 auf 22. Allein im Handel mit Nahrungsmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs war Wachstum zu verzeichnen. Genau in diesen Bereichen sind die nun von Putin angegriffenen Unternehmen aktiv. Bemerkenswert ist auch, dass sie nicht schützte, Russland trotz dessen Angriffskriegs gegen die Ukraine treu geblieben zu sein. Im Fall von Leroy Merlin half nicht einmal der Verkauf an eine Struktur aus einem Land, das Moskau freundschaftlich verbunden ist.
