Eine Fernsehreklame für einen Bosch-Staubsauger erhitzt derzeit die Gemüter in der Türkei. Der Gerätehersteller musste den Werbeclip am Montag zurückziehen, nachdem die Rundfunkaufsicht und die Familienministerin sich eingeschaltet hatten. Die islamisch-konservative Zeitung „Yeni Şafak“ warf dem Unternehmen vor, „Propaganda für Hunde statt für Kinder“ zu machen. In dem Werbefilm unterhalten sich eine Staubsaugerverkäuferin und ihre Kundin über ihr „Muttersein“ und ihre „Kinder“, wobei sich später herausstellt, dass damit ihre Hunde gemeint sind. Der Clip endet mit Glückwünschen zum Muttertag am kommenden Sonntag. Der Chef der Rundfunkaufsicht, Mehmet Daniş, sieht darin einen Verstoß gegen den verfassungsrechtlichen Schutz der Familie. Jedes Narrativ, das Familie nicht als Vater-Mutter-Kind darstelle, widerspreche dem „natürlichen Fluss des Lebens“, sagte er. Familienministerin Mahinur Özdemir Göktaş schrieb auf der Plattform X, ein „so tiefer und grundlegender Wert wie Mutterschaft“ dürfe nicht durch Werbung trivialisiert werden. İmamoğlus Frau: „Ich bin stolze Mutter eines Katers“ Die Bosch-Reklame trifft auch deshalb einen Nerv, weil Präsident Recep Tayyip Erdoğan gerade erst vor den Folgen der sinkenden Geburtenrate in der Türkei gewarnt hat. Er machte das steigende Heiratsalter und die hohe Scheidungsrate dafür verantwortlich und verwies auf Maßnahmen wie eine Erhöhung des Kindergeldes und Verlängerung des Erziehungsurlaubs. In der Vergangenheit hat er „mindestens drei Kinder“ als Ziel ausgegeben. Genutzt hat das wenig. Viele liberale Türken lehnen die Familienpolitik der Regierung als übergriffig und emanzipationsfeindlich ab. Wenn es um ihre Liebe zu Hunden und Katzen geht, verstehen sie außerdem keinen Spaß. Als Reaktion auf die Absetzung der Bosch-Werbung fluteten viele Türken das Internet mit Videos, in denen sie ihre Haustiere als Söhne und Töchter vorstellen. Die größte Oppositionspartei CHP nutzte das als Steilvorlage. Die Ehefrau des inhaftierten Präsidentschaftskandidaten Ekrem İmamoğlu postete ein Video, das den Politiker mit seiner Katze Bal zeigt. Dazu schrieb sie: „Ich bin stolz darauf, ihre Mutter zu sein.“ Aus der CHP hieß es, der Rückgang der Geburtenrate habe nichts mit Haustieren zu tun, sondern mit der wirtschaftlichen Lage, in der sich junge Paare keine Wohnung mehr leisten könnten. Hunde und erst recht Katzen sind in der Türkei eine hochpolitische Angelegenheit. Das Land nimmt für sich in Anspruch, schon im Osmanischen Reich besonders tierlieb gewesen zu sein. So soll Sultan Murad III. im 16. Jahrhundert ein Dekret zum Schutz von Tieren verfügt haben. Eine eigene Berufsgruppe, Mancacı, soll mit Unterstützung von Spendern streunende Hunde und Katzen gefüttert haben. In den Haremsräumen des Topkapı-Palastes gab es nach offiziellen Angaben eine Katzenklappe. Sie wurde gerade restauriert. Auch Erdoğan zeigt sich gern mit seinen Haustieren Selbst Erdoğan hat sich schon mit der Katze seiner Enkelin auf dem Schoß fotografieren lassen. Auf dem Gelände seines Präsidialpalastes hält er drei Hunde. Das Parlament in Ankara hat eine Spielwiese mit Kratzbäumen für die 65 „hauseigenen“ Streunerkatzen. In allen Parteien quer durch das politische Spektrum werden Katzen als Maskottchen gehalten, um jüngere Wähler anzusprechen. Viele Rathäuser haben ihre eigenen Hauskatzen, was bei Amtswechseln bisweilen zu Konflikten führt. Şero, der Hauskater der CHP-Parteizentrale, hat drei Parteivorsitzende erlebt. Als er im September 2024 starb, nahm Parteichef Özgür Özel an seiner Beerdigung auf dem Parteigelände teil. Zwei Tage danach besuchte der deutsche Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) die Schwesterpartei und wurde bei einer Hausführung auch an Şeros Grab gebracht. Der Kater hatte sogar einen eigenen X-Account mit 28.000 Followern. Sein Nachfolger wurde angeblich am Tag der Kommunalwahl im März 2024 geboren, die die CHP haushoch gewann. Er heißt Zafer (Sieg). Auch er wurde Klingbeil vorgestellt. Immer wieder punktet die CHP damit, der Regierung Kaltherzigkeit gegenüber Tieren vorzuwerfen. Als zwischenzeitlich die Parteizentrale in Istanbul von einem Zwangsverwalter übernommen wurde, hieß es, der Hauskater sei ins Tierheim gesteckt worden. Besonders groß war die Empörung in der Öffentlichkeit, als die Regierung 2024 ein Gesetz verabschiedete, das das Einfangen und Einschläfern von Straßenhunden vorsieht.
