Der Exodus bei Éditions Grasset geht weiter und mit ihm die Demontage einer der bedeutendsten kulturellen Institutionen Frankreichs. Grasset ist ein Verlag, der sich als Ort des Widerstreits begriff. Die abrupte Entlassung des Verlagsleiters Olivier Nora, der dem Pariser Traditionshaus 26 Jahre vorstand, hat einen beispiellosen Protest ausgelöst bis hin zum Weggang zahlreicher Schriftsteller (F.A.Z., zuletzt vom 6. Mai). Auf die erste Austrittswelle von rund zweihundert vor allem französischen Autorinnen und Autoren, darunter Virginie Despentes, Frédéric Beigbeder, Pascal Bruckner und Bernard-Henri Lévy, folgt nun eine zweite. In einem offenen Brief, der der F.A.Z. vorliegt, erklären 21 internationale Autoren, dass auch sie, „so wie die Dinge stehen“, Grasset ihre künftigen Werke „nicht mehr vorlegen werden“. Die Liste liest sich wie ein who-is-who der zeitgenössischen Literatur: Han Kang, Literaturnobelpreisträgerin; Joshua Cohen, Pulitzer-Preisträger; außerdem Colm Tóibín aus Irland, Jón Kalman Stefánsson aus Island, Sandro Veronesi aus Italien sowie der Kritiker und Bestsellerautor Uwe Wittstock aus Deutschland. „Sehr nahe an der radikalsten extremen Rechten“ Viele der Unterzeichner hatten bereits vor der Übernahme durch Vincent Bolloré Verträge mit Grasset. Sie gehen, weil sie nicht zulassen wollen, dass ihre Arbeit „für politische Zwecke missbraucht wird, die wir nicht teilen“, wie sie schreiben: „Die extreme Rechte agiert grenzüberschreitend; ihr muss grenzüberschreitend Widerstand geleistet werden.“ Was hier verhandelt wird, ist keine Personalie mehr, sondern die Bedingung der Möglichkeit von Literatur. Der Milliardär Vincent Bolloré steht seit drei Jahren an der Spitze von Hachette, der Verlagsgruppe, zu der auch Grasset gehört. Seither baut er seine Medien- und Verlagshäuser zu Resonanzräumen für ultrakonservative bis rechtspopulistische Positionen um. Bei Fayard, ebenfalls Teil von Hachette Livre, publiziert unter anderem Jordan Bardella, Parteichef des rechtsextremen Rassemblement National. Frankreichs ehemaliger Bildungsminister Pap Ndiaye hat Bolloré als „sehr nahe an der radikalsten extremen Rechten“ beschrieben. Was bleibt von einem Verlag, wenn Besitz als politisches Instrument begriffen wird? Olivier Nora galt vielen als unbestechlicher Verleger und letztes Bollwerk gegen die ideologische Umcodierung des Hauses. Die Kündigung wird als Beweis für Bollorés Verachtung der verlegerischen Freiheit gewertet. Entlassen wurde Nora, weil er keine Einflussnahme auf sein Programm dulden wollte. Zu den Auslösern zählte auch Boualem Sansals Abwerbung durch die Konzernleitung über Noras Kopf hinweg. Olivier Guez setzt in einem Interview mit der F.A.Z. den Rauswurf gar in Beziehung zu den französischen Präsidentschaftswahlen 2027, die ein Kandidat der extremen Rechten gewinnen könnte. Aus einem Machtkampf ist ein Menetekel geworden. Wer bleiben will, soll schweigen, wird als implizite Botschaft verstanden. Diese Sorge formulieren auch die internationalen Autoren, die befürchten, „dass kein Lektor bei Grasset oder innerhalb der Hachette-Gruppe mehr sicher ist“. Die Voraussetzungen redaktioneller Unabhängigkeit würden untergraben. Wenn Lektorate zu austauschbaren Handlangern degradiert werden, müssen Autoren auf der Hut sein. Denn die Produktionswährung in Verlagen ist Vertrauen. Grasset, 1907 gegründet und seit 1954 bei Hachette, veröffentlicht jährlich etwa 160 Romane und Essays. Deren Manuskripte stellen sich auf jeweils ganz unterschiedliche Weise in Beziehung zu Traditionen, Meinungen und Milieus. 1913 veröffentlichte der Verlag „Du côté de chez Swann“ des damals noch unbekannten Marcel Proust, nachdem dieser von mehreren Verlagen zurückgewiesen worden war. Später kamen Jean Cocteau, Blaise Cendrars und André Malraux hinzu, ebenso Gabriel García Márquez und Umberto Eco. Die Unterzeichner des offenen Briefs empfinden ihre Entscheidung deshalb als „besonders schmerzhaft“, weil es eine Ehre sei, ins Französische übersetzt und von einem so „erstklassigen Team“ bei Grasset publiziert worden zu sein. Bolloré hat in der Vergangenheit Kritik, Proteste und Streiks stumm ausgesessen. Zuletzt spottete er dann doch in den eigenen Medien über das „Erdbeben“, das „eine kleine Kaste“ ausgelöst habe, „die sich über allem und allen glaubt“. Sollten die Worte die Autorenschaft spalten, scheint Bollorés Plan nicht aufgegangen zu sein. Die beabsichtigte Entzweiung ist nicht erfolgt. Viel eher zeigt sich, wie wirkmächtig die „kleine Kaste“ ist. Ein Verlag, dem die Autorinnen und Autoren reihenweise davonlaufen, ist am Ende wie ein Buchumschlag mit Blindtext.
