Mister Robb, Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „How Punk Ruined My Life“, während Ihre aktuelle Lesereise mit dem Motto „A Life Without Punk“ überschrieben ist. Würden Sie zustimmen, wenn wir dieses Motto zu dem Satz erweitern: „Ein Leben ohne Punk ist möglich, aber sinnlos“? Aber ja. Denn Punk ruinierte einem ein Leben im konventionellen Sinne, doch niemand suchte ein solches Leben. Es ist also ein sarkastischer Titel für ein Buch, das die Umstände feiert, einem schlichten Dasein entkommen zu sein, wobei ich denke, dass die meisten Leute eine solche Chance ergriffen hätten. Dabei ging es aber nicht darum, der größte Punk von allen zu sein. Man sollte also auch mit einem gewissen Augenzwinkern auf die damaligen Zeiten blicken. Dabei hilft auch Ihr legendäres Buch „Punk Rock. Die ganze Geschichte“, das dieser Tage beim Mainzer Ventil Verlag auf Deutsch wiederveröffentlicht wird. Wenn man in dieser Oral History blättert und von den musikalischen Einflüssen verschiedener Protagonisten der Punk-Welle von 1976/1977 liest, traut man seinen Augen kaum. Von den großen Bands der Sechzigerjahre über Pub- und Blues-Rock bis sogar hin zum Prog-Rock werden da die unterschiedlichsten Namen genannt. War Punk damals also nicht anderes als ein Begriff für sehr rauen und simplen Rock'n'Roll? Aus heutiger Sicht könnte man so argumentieren. Doch für einen Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen klang es damals wie das Originellste überhaupt. Im Laufe der Zeit wandeln sich all die Genres vielleicht nur zu weiteren Fäden im großen Wandteppich der Musikgeschichte, doch um die Musik alleine ging es vor 50 Jahren nicht. Es ging um eine gewisse Haltung, um ein anderes Denken. Es gab keine Regeln, auf die man sich insgeheim geeinigt hätte. Und so denken bis heute manche Leute, dass Punk so und so zu sein hätte, während andere genau das Gegenteil tun und das als Punk bezeichnen. Und das ist meiner Ansicht nach eine der großen Stärken von Punk, dass sich immer noch niemand darauf einigen kann, was Punk eigentlich ist. Und dieser Widerspruch ist meine Vorstellung von Punk. Selbst der Begriff wird ja diskutiert. Ja. Punk bezeichnete ursprünglich ein vermodertes Stück Holz, das als Zunder verwendet werden konnte. Dann wurde es ein Slang-Wort für junge Kerle im Knast, bevor es allgemein in den Straßenjargon aufgenommen wurde. In den Sechzigerjahren war es dann mal ein Begriff für rauen amerikanischen Garage-Rock, wovon sich vielleicht eine Traditionslinie herleiten ließ, denn Punk war ja zum Teil sehr schnell und sehr laut gespielter Rock'n'Roll, doch würden bei dieser Betrachtung alle anderen musikalischen Einflüsse wie etwa Dub-Reggae außenvorgelassen. Der Begriff Punk war deshalb vor allem ein Schlagwort der Musikzeitschriften, das dann einfach hängenblieb. Bei Ihrer Lesereise durch Deutschland haben Sie neben verschiedenen Musikern auch den englischen Musikproduzenten und Autor Mark Reeder zu Gast, der seit Jahrzehnten in Berlin lebt und sich nicht nur bestens mit der britischen, sondern auch mit der deutschen Punk-Geschichte auskennt. Werden Sie beide sich eher historisch-fachlich oder anekdotisch-persönlich mit 50 Jahren Punk-Musik auseinandersetzen? Ich glaube, das eine geht nicht ohne das andere. Die Geschichte des Genres selbst ist ja schon kontrovers, selbst wenn man nur seine Anfänge festlegen möchte. Gleichzeit braucht es das persönliche Element, denn es hat nun einmal jeder seine eigene Geschichte. Bei mir ist es das Aufwachsen in einer kleinen Stadt. Es ist also keine London-Story, wo Punk sehr präsent war. Doch sind wohl 98 Prozent der Leute nicht in London, sondern wie ich in Orten wie Blackpool groß geworden. Und dort gab es keinen Punk. Man bekam nicht die Klamotten und selbst an die Platten zu gelangen, war schon schwer genug. Ich glaube, dass dies eine sehr weitverbreitete Erfahrung war und mir das Publikum in Deutschland ebenfalls zustimmen wird. Ich meine, damals Hosen zu finden, die nicht ausgestellt waren, erschien einem doch geradewegs unmöglich! Ja, wenn man Filme oder Werbung aus jener Zeit sieht, ist das Regiment der Schlaghosen nicht zu übersehen. Mit solchen kleinen Anekdoten lässt sich Identifikation schaffen und vielleicht auch der Blickwinkel erweitern. Ein Bespiel: Im Internet finden Sie The Ramones und The Sex Pistols als maßgebliche Bands jener Tage vor 50 Jahren genannt, ganz so, als hätten sie einander bedingt. Dabei waren sie nicht nur kulturell als amerikanische beziehungsweise englische Band verschieden, sondern sowohl hinsichtlich ihrer Musik und ihrer Kleidung als auch ihrer Ideen komplett anders. Die Ramones waren großartig, aber in ihrer ganzen Haltung und mit ihren Lederjacken und ihren Jeans wirkten sie eben wie eine New Yorker Straßengang jener Tage, während die Sex Pistols aussahen, als kämen sie aus der Zukunft. Das ist ein elementarer Unterschied. Deshalb sehe ich auch viel eher eine Verbindung von David Bowies Ziggy Stardust zu den Sex Pistols als von den Sex Pistols zu den Ramones. Zumindest in Großbritannien war Punk in seinen Anfangstagen also auch ein Modephänomen, anders als in den USA, wo sich erst gegen Ende der Siebzigerjahre mit der Skater-Mode ein in der Punk-Szene bis heute beliebter Look etablierte. War die Punk-Mode für Sie in Blackpool 1976 schon ein Thema? Druckten Zeitungen oder Magazine bereits früh Fotos des Trends? Nach dem berühmt-skandalösen Fernseh-Interview, das Moderator Bill Grundy im Dezember 1976 mit den Sex Pistols führte, war Punk mit einem Schlag auf allen Titelseiten. Und ja, der Bezug zur Mode ist natürlich ein sehr britisches Ding. Wir mögen es, uns aufzubretzeln. Denken Sie nur an die Mods der Sechzigerjahre, bei denen es galt, sich smarter zu kleiden als ihr Chef. Und als Punk begann, war damit anfangs auch ein smarter Look verbunden, man stylte sich. Da wäre es niemandem eingefallen, in Shorts und mit einer Baseball-Kappe auf dem Kopf auf die Bühne zu gehen. Sie haben nicht nur früh, und zwar 1977, mit The Membranes eine bis heute aktive Punk-Band gegründet, sondern starteten auch ein Fanzine, in dem Sie über Punk schrieben, Band und Platten vorstellten. Bekamen Sie die Alben von den Schallplattenfirmen? Oh, wir wussten damals gar nicht, dass wir bei den Firmen hätte anfragen können. Wir wussten eigentlich gar nichts. Wir gingen zum lokalen Plattenladen, wo es eine kleine Kiste mit Punk-Platten gab. Viele waren es nicht, weshalb sie alle in besagter Kiste zu finden waren. Wir schauten aber eher auf die lokale Szene in Blackpool und Umgebung, wo es schon 1977 die ersten Punk-Bands gab. Viele waren naiv, aber man lernte auch schnell. Wir wussten wie man Gitarren stimmt, wie man eine Anlage aufbaut, man zeigte sich gegenseitig Akkorde, man lernte durch Fehler und dann ging man raus und machte zehn Minuten lang Lärm. Das ist für mich die Essenz von Punk. Und so war es auch bei unserem ersten Gig. Man wusste eigentlich gar nicht, was man tat, doch man tat es. Ohne Nachdenken, ohne Angst. Es war herrlich. Und letztlich revolutionär. Als Journalist beobachten Sie die Musikszene schon seit mehreren Jahrzehnten, beschäftigen sich mit zahlreichen Stilen. Sehen Sie heute ähnlichen Aufbruchsgeist? Vielleicht sogar noch im Punk? In gewisser Weise schon. Ich glaube, dass es noch immer etliche Leute gibt, die ausprobieren, ohne eine exakte Idee zu haben, wohin die Reise gehen soll. Mit dem Internet lässt sich allerdings jede mögliche Strömung erkunden, lässt sich anschauen oder anhören, wie es andere vor einem gemacht haben. Das ist in Ordnung, auch wenn es nicht in der Kopie enden sollte. Nur weil bei uns etwas in den späten Siebzigerjahren funktionierte, muss es nicht zum Modell für heute taugen. Ich persönlich habe nichts dagegen, wenn sich einer auf die Bühne stellt und völlig verstimmt sein Zeug spielt. Wenn er sich danach fühlt, ist das in Ordnung. Doch ich glaube, alles in allem erwarten wir heute Professionalität, auch im Punk. Und so mögen mittlerweile die Tourneen aktueller Punk-Bands, gerade die amerikanischen, mit allem dem Merchandising-Drumherum wie tourende Shops wirken, doch die Shows sind klasse und die Musiker spielen toll. Werden Sie in Ihren Bühnengesprächen mit Mark Reeder und Ihren weiteren Gästen auf die aktuelle Punk-Szene eingehen? Wir wollen erst einmal über die Anfänge sprechen und darüber, wie und warum es damals zum Big Bang, also quasi zum Urknall des Punk-Phänomens, gekommen ist. Dann werden wir gewiss auch auf die aktuelle Szene sprechen, wobei es auch auf die jeweiligen Gäste des Abends ankommt, die natürlich auch ihre eigenen Themen und Sichtweisen haben. Nicht zu vergessen das Publikum. Vielleicht wollen auch Zuhörer ihren Teil beitragen. Die Gespräche können also jeden Abend in unterschiedlichste Richtungen führen, nichts ist fix. Zu Ihren Gästen zählen mit Alexander Hacke, der früher bei den Einstürzenden Neubauten war, Annette Benjamin, einst bei Hans-A-Plast, und Thomas Schwebel, einst bei S.Y.P.H. und Fehlfarben, gleich mehrere legendäre deutsche Punk- und Wave-Musiker. Werden die auch musizieren? Meine liebsten Interviewmomente sind jene, wenn ein Musiker zu einem Instrument greift und vorführt, wie er ein Lied, das er liebt, geschrieben hat. Ich packe also zur Sicherheit eine akustische Gitarre in den Bus. Die multimediale Lesung „A Life Without Punk“ mit John Robb und Mark Reeder sowie diversen Gästen ist am Dienstag, 22. September, im Schlachthof Wiesbaden, am Freitag, 25. September, in der Markthalle Hamburg, am Samstag, 26. September, im Columbia Theater Berlin, am Montag, 28. September, im Felsenkeller Leipzig und am Mittwoch, 30. September, im Savoy Theater Düsseldorf zu erleben.
