Die Frage, wie es bei Biontech künftig strategisch weitergehen soll, beschäftigte zuletzt viele Anleger. Als im März bekannt wurde, dass die beiden Gründer Uğur Şahin und seine Frau Özlem Türeci das Unternehmen bis Jahresende verlassen werden, um ein neues Start-up zu gründen, rutschte der Aktienwert zeitweise um mehr als 20 Prozent ab. Es herrschte Verunsicherung darüber, dass die beiden Schlüsselfiguren, die Biontech und dessen Impfstoff Comirnaty in der Pandemie groß gemacht hatten, abtraten. Zumal ein Teil der bisherigen Forschung in ihrem neuen Unternehmen aufgehen soll – gebunden an Lizenzgebühren und Meilensteinzahlungen.„Die Gründer waren Herz und Gehirn des Unternehmens, und der Weggang wird nur sehr schwer zu kompensieren sein“, sagte Fondsmanager Markus Manns der Union Investment gegenüber der F.A.Z. Gleichzeitig kündigte das Unternehmen einen großen Umbau an – mit Folgen für die Produktion und die Beschäftigten. Der Druck auf Biontech steigt: Während die Umsätze aus dem Covid-Geschäft immer kleiner werden, wachsen die Ausgaben für die Entwicklung von Krebsmedikamenten. Bis zur Zulassung und Markteinführung der Produkte ist es noch ein weiter Weg. Woher also langfristig die Millionen nehmen? Gut zwei Monate später ist nun klar, wie das Biotechnologieunternehmen sparen will – und zwar mit einem großangelegten Stellenabbau. So plant Biontech, die Produktionsstandorte in Idar-Oberstein, in Marburg und Singapur bis Ende 2027 zu schließen. Auch die Standorte des übernommenen Tübinger Rivalen Curevac sind davon betroffen, obwohl sie erst 2025 übernommen wurden. Insgesamt könnten 1860 Stellen abgebaut werden. Für die alten Werke sucht Biontech nach Käufern. Die Mainzer erhoffen sich, bis zum Jahr 2029, wenn alles vollständig abgewickelt ist, jährlich rund 500 Millionen Euro einzusparen. „Eine Zukunftsvision zerplatzt“ Die Gewerkschaft IGBCE kritisiert die Maßnahme scharf. Es sei ein Frontalangriff auf die Beschäftigten. „Für viele Biontech-Mitarbeitende zerplatzt gerade eine Zukunftsvision“, sagt der Leiter des IGBCE-Landesbezirks Rheinland-Pfalz-Saarland, Roland Strasser. Der Resilienz des Pharma- und Biotechstandorts Deutschland werde geschadet. Besonders das Werk in Marburg, wo aktuell 670 Menschen arbeiten und das Biontech 2020 von Novartis übernommen hatte, um dort Covid-Impfstoffe herzustellen, spiegelt den Kurswechsel wider. So wird die Herstellung von Comirnaty künftig vollständig Pfizer übernehmen. Beschäftigte würden fallen gelassen „wie eine heiße Kartoffel“, entrüstet sich die IGBCE. Auch die Betriebsräte der betroffenen Standorte kündigten Widerstand an. Von Biontech heißt es derweil in einer Mitteilung, dass die „Einsparungen“ das Unternehmen unterstützen sollen, um „die wachsende Onkologie-Pipeline weiter in Richtung Kommerzialisierung voranzutreiben“. Das Mainzer Biotechnologieunternehmen steckt jeden Cent in seine Krebsforschung. Im ersten Quartal 2026 beliefen sich die Kosten in Forschung und Entwicklung auf 557 Millionen Euro – rund 31 Millionen Euro mehr als im Vorjahreszeitraum. Im Mittelpunkt steht dabei der „Super“-Wirkstoff Pumitamig, ein gemeinsames Projekt mit dem US-Pharmariesen Bristol-Myers Squibb, der gegen verschiedene Krebsarten, darunter Brustkarzinome, Darm- und Magenkrebs und zwei Varianten von Lungentumoren eingesetzt werden soll. Die Idee ist, das Immunsystem wieder „scharf zu stellen“, sodass Tumorzellen besser erkannt und zerstört werden. Außerdem soll der Wirkstoff verhindern, dass sich neue Blutgefäße bilden, die der Tumor zum Wachstum braucht. Der Grund für den Nettoverlust Allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 hat Biontech fünf groß angelegte klinische Studien, die die Wirksamkeit der Therapie bei Patienten unmittelbar nach der Diagnosestellung überprüfen sollen, begonnen. Dabei soll auch festgestellt werden, wie sich der „Allrounder“ Pumitamig in Kombination mit anderen Wirkstoffen verhält. Mit dem Familienunternehmen Boehringer Ingelheim kooperiert Biontech etwa in einer Studie, die Pumitamig im Zusammenspiel mit dem Boehringer-Wirkstoff Obrixtamig bei fortgeschrittenem kleinzelligem Lungenkrebs untersuchen soll. In der Pipeline am weitesten fortgeschritten ist bei Biontech das Krebsmedikament Gotistobart, das von der US-Arzneimittelbehörde FDA bereits 2022 für ein schnelleres Zulassungsverfahren für Lungenkrebspatienten ausgewählt wurde und seit Januar 2026 den Sonderstatus „Orphan Drug“ trägt. Weitere Ergebnisse aus der zulassungsrelevanten Phase-3-Studie erwartet Biontech noch in diesem Jahr. Der scheidende Chef, Uğur Şahin, spricht von „entscheidenden Fortschritten“ bei der Umsetzung ihrer Onkologiestrategie. Gleichzeitig waren diese auch der maßgebliche Grund für einen gestiegenen Nettoverlust im ersten Quartal des laufenden Jahres. Biontech erzielte ein Minus von rund 532 Millionen Euro, eine Steigerung um fast 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Auch die Umsatzerlöse sanken in den ersten drei Monaten des Jahres um mehr als ein Drittel des Vorjahreswerts auf 118,1 Millionen Euro. Nachfolger werden noch gesucht Der Rückgang habe im Wesentlichen an niedrigeren Umsätzen aus dem Verkauf von Covid-Impfstoffen gelegen. Trotzdem betont Finanzchef Ramón Zapata: „Die Umsätze für das erste Quartal entsprechen unseren Erwartungen.“ Er bestätigte die Prognose für 2026. So rechne das Unternehmen weiterhin mit Umsatzerlösen zwischen 2 und 2,3 Milliarden Euro. Wie es mit der Nachfolge der beiden Gründer Şahin und Türeci weitergeht, ist noch nicht bekannt. Der Aufsichtsrat suche weiter nach geeigneten Kandidaten, heißt es. Fondsmanager Manns stellt die Frage: „Kann das Unternehmen den Know-how-Verlust durch den Weggang der Gründer kompensieren?“ Auch sei ungeklärt, warum die Gründer nicht durch Aufsichtsratsmandate weiterhin an Biontech gebunden würden. Antworten gibt es darauf noch nicht. Die Aktionäre reagierten auf die Neuigkeiten skeptisch. Daran änderte auch ein milliardenschweres Aktienrückkaufprogramm, das Biontech ankündigte, nichts. Der Aktienwert sank am Dienstagmittag um fünf Prozent. Später pendelte sich der Kurs wieder bei rund 81 Euro ein.
