Der Autor übt. Zwar ist der erste Roman fertig, nach Jahren der Schreibarbeit. Am 13. Mai feiert Martin Piekar mit „Vom Fällen eines Stammbaums“, bei Rowohlt erschienen, Buchpremiere. In Frankfurt, im Hessischen Literaturforum, denn wo sonst als auf heimischem Terrain sollte das stattfinden? Piekar ist als Lyriker immer ein Vortragender, und das oft genug an seinem Wohnort. „Literatur muss auf Bühnen stattfinden“, sagt er. Dafür aber muss er üben. Das macht er immer so. „Ich verliere manchmal völlig die Beziehung zu meinem eigenen Text, weil ich so viel übe.“ Dann aber hat er den Sound des Textes herausgefunden und kann ihn rüberbringen. Das sei ein Gewinn für das Publikum. „Man muss Poesie wieder cool machen“, sagt er. Schaut man sich so an, was Piekar, 1990 als Sohn polnischer Eltern in Bad Soden geboren, wo er auch aufgewachsen ist, bislang erreicht hat, ist Poesie definitiv cool. Drei Lyrikbände sind vor seinem ersten Roman erschienen, gerade der jüngste Lyrikband war erfolgreich. Die ersten Gedichte hat Piekar als Schüler geschrieben. Obwohl er seine Jugend als „Standard“ beschreibt. Nach der Lektüre von „Vom Fällen eines Stammbaums“ wird man dieses Urteil nicht mehr teilen. Und hat einen Teenager vor Augen, der zwischen Computerspielen und Nu-Metal aus Kopfhörern dichtet, der sich selbst mit zweisprachigen Lyrikbänden das Polnisch beibringt, das ihm die Mutter verweigert. Und der, bis zum Tod seiner Mutter im Jahr 2023, als junger Mensch ungeheure Lasten gestemmt hat. Der Sound von „Vom Fällen eines Stammbaums“ hat 2023 das Publikum des Bachmann-Preises in Klagenfurt begeistert. Mit gleich zwei Preisen sowie dem Stadtschreiber-Stipendium von Klagenfurt ist Piekar zurückgekommen. Dort hatte er „Mit Wänden sprechen“ und „Pole sind schwierige Volk“ vorgelesen. Heute sind diese beiden Stücke das zweite und dritte Kapitel des Buchs, das damals schon etwa zur Hälfte fertig gewesen ist. Obwohl: Vieles flog wieder raus, auch weil Piekar die Lektüre und Diskussion mit Freunden und Lektoren dankbar angenommen hat. „Als Autor steckt man zu tief drin“, sagt er. Tief drin steckt man als Autor wohl immer, in diesem Fall aber ganz besonders. Denn Piekars erzählerisches Debüt handelt von ihm selbst, von seiner Mutter und der Familiengeschichte. Es ist, man kann es nicht anders sagen, ein Buch der Liebe. Aber auch eines, das von Schmerz, Ängsten, Abhängigkeit, Wut handelt. Piekar ist allein bei seiner Mutter aufgewachsen, die aus Polen floh, weil sie das sozialistische Regime nicht mehr ertrug. Zu Hause Mathematikerin und Lehrerin, wurde sie in Bad Soden Altenpflegerin, alleinerziehend mit Sohn und Großmutter, die sie zu sich holte. Poet, Lehrer, Sohn Als „Bildungskrimineller, Poet, Philosoph, Lehrer“ – und „Löwe“, des Sternzeichens wegen, beschreibt sich Martin Piekar für seinen Instagram-Account. Er schreibt neben seinem Hauptberuf, er hat eine Teilzeitstelle als Lehrer an der Frankfurter Karl-Popper-Schule, an der Goethe-Universität hat er Geschichte und Philosophie studiert, mit dem Staatsexamen abgeschlossen. „Ich kenne in meinem näheren Freundeskreis niemand, der vom Schreiben leben kann. Der freie Autor stirbt ein bisschen aus“, sagt er. Das Lehren kommt auch im Roman vor. „Ich habe mich eine Zeitlang gegen das Wort Pädagoge gewehrt“, sagt Piekar. Mittlerweile schätzt er seine Arbeit anders ein. Was er auch ist: Sohn. Das hört auch dann nicht auf, wenn beide Eltern tot sind. Und man den Stammbaum gefällt hat. Aber hat er das wirklich? Nach den 450 intensiven Seiten müsste man vielleicht eher sagen, er habe aus diesem Stammbaum seinen ganz eigenen Wald geschaffen. „Ich denke, dass deine Geschichte, die Geschichte unserer Familie und meine irgendwas haben, das Menschen verbinden kann“, heißt es fast genau in der Mitte des Buchs. „Es muss einen Ort geben, an dem wir Menschen zusammenkommen können. Ich glaube, dieser Ort ist das Erzählen.“ Eine Überzeugung, an der Piekar auch im Gespräch festhält. „Ich bin ein großer Fan des menschlichen Erzählens.“ Schreiben sei dabei „der letzte Arbeitsweg des Autors“, sagt Piekar. „Für mich beginnt die Literatur beim Sprechen.“ Und so hat er für seine Mutter, die unbedingt „dojz“ sein wollte, eine Sprache geschaffen, die nicht nur deren polnischen Akzent in die deutsche Schriftsprache transportiert, sodass eine neue Form poetischer Dichte und reicher, spielerischer Sprache entsteht. Durchwoben von Songzeilen aus dem im Anhang minutiös aufgelisteten Soundtrack von Linkin Park bis Louis Armstrong, mit deutschen Worten in polnischer Schreibweise und umgekehrt. Es sind Sprach- und Schriftbilder eines Dazwischen. Dem Lyriker Piekar gelingt nicht nur beim Vorlesen, die Mutter und ihr „Dojz“ liebevoll abzubilden, oft heiter, nie lächerlich, in einer ganz eigenen Melodie. Eine eigene Sprache für die Mutter Die Mutter, intelligent, gebildet und gefangen in sich, der Sohn, der sorgt und sich kümmert, der wütet und sich zu dem entwickelt, was er heute ist: Das ist komplex und schonungslos. Zugleich ist es ungeheuer rührend, was Piekar in oft lapidaren Szenen beschreibt. Er habe zeigen wollen: „Liebe allein reicht nicht. Wenn man sich nicht um sich selbst kümmert, ist die Liebe dann auch weg.“ Formal gehört „Vom Fällen eines Stammbaums“ in das derzeit so angesagte Genre der Autofiktion, aber Piekar sagt trocken, er hoffe, dem Genre auch entgegenzustehen. Er biegt weder in Larmoyanz noch in klassenkämpferisch belehrende Exkurse ab. Dennoch geht es um weit mehr als um Persönliches. „Ich hoffe, dass das Buch dazu anstachelt, über die gegebenen Verhältnisse nachzudenken“, sagt Piekar. „Ich hasse es, wenn man ein Buch zuklappt, und das war’s. Aber, das sage ich auch als Lehrer, ich will nicht belehrend sein.“ Er erzählt von Sorgearbeit, die nicht entlohnt wird und die oft nicht bemerkt wird, von der Parentifizierung, also der Sorge, die Kinder früh für ihre Eltern tragen und die oft migrantische Kinder trifft. Er schaut auf die deutsch-polnische Geschichte und auf Flucht und Neuanfang, auf Armut und das, was Hartz IV oder Bürgergeld mit einem Kind machen. Auf Alkohol als Teil gesellschaftlicher Routine, die in seelischer Not zur Sucht führt. Wie beiläufig und ohne Angst vor Ambivalenz. Extrem nah. „Mir war es ein Anliegen, keine Person darin eindimensional vorzustellen“, so Piekar. Das ist ihm gelungen. Dazwischen hat er „Pflegetipps“ eingestreut, Destillate aus den Erfahrungen des Roman-Ichs, die man ebenso einzeln lesen könnte wie die Kapitel des Buchs. Lange hat er seine Mutter gepflegt, die Tipps aber lesen sich, als gehe es um mehr: um die Pflege eines Lebens, der Liebe, der Freunde. Im April 2023 ist Piekars Mutter gestorben. Als er die Wohnung ausräumen musste, deren Wände Ohren waren, begann das nächste Kapitel. Nun liegt es gedruckt vor ihm. Lesung Martin Piekar, Hessisches Literaturforum im Mousonturm Frankfurt, 13. Mai um 19.30 Uhr.
