Nach dem Tod Alexej Nawalnyjs in einem russischen Straflager im Februar 2024 kündigte seine Witwe Julija Nawalnaja an, sie werde das Werk ihres Mannes fortsetzen. Doch der von ihm gegründete „Fonds zum Kampf gegen die Korruption“ (FBK) macht seit Monaten mehr mit internen Querelen und Konflikten mit anderen Regimegegnern im Exil von sich reden als mit Aktionen gegen das Regime in Russland. Diese Woche haben die offenbar seit Langem schwelenden Streitigkeiten im FBK, die immer wieder in Bruchstücken nach außen drangen, einen neuen Höhepunkt erlebt: Der langjährige Direktor des FBK Iwan Schdanow beschuldigte seine einstigen Mitstreiter in einem Interview, die in Nawalnyjs Losung „Nicht lügen und nicht stehlen“ zusammengefassten Prinzipien der Organisation verraten zu haben. Julija Nawalnaja antwortete darauf mit einem langen Post auf der Plattform X: Schdanows Äußerungen seien ein „echter Schock“ für sie. Sie erklärte, sie habe Schdanow im Herbst vorigen Jahres von seinem Posten entlassen, weil er ein „schwacher Anführer“ gewesen sei. Sie wirft ihm vor, ihm sei „gleichgültig“ gewesen, was in der Organisation vorgegangen sei. Schdanows Vorwürfe seien eine „Lüge“ – und wenn sie wahr wären, trüge er als Direktor der Organisation die volle Verantwortung dafür. Auch andere führende Mitglieder des FBK antworteten scharf auf Schdanows Vorwürfe: Alle Anschuldigungen fielen auf ihn selbst zurück, da er selbst zum engsten Führungskreis gehört habe. „Toxische Atmosphäre“ und Unterdrückung von Kritik? Allerdings ist Schdanow nicht der Erste, der nach seinem Ausscheiden aus dem FBK behauptet hat, in der Organisation würden Diskussionen über Fehler und die Ausrichtung ihrer Arbeit unterdrückt. Zudem mangele es an Transparenz. Nur wenige Tage vor seinen Äußerungen hatte die frühere Moderatorin eines Youtube-Kanals des FBK ihr Ausscheiden damit begründet, dass dort eine „toxische Atmosphäre“ herrsche. Im Zentrum vieler Vorwürfe steht Leonid Wolkow, der den FBK viele Jahre geleitet hat und nun für politische Projekte verantwortlich ist. Schdanow behauptete, Wolkow sei verantwortlich dafür, dass die persönlichen Daten von Unterstützern des FBK den russischen Sicherheitsbehörden bekannt geworden seien. Laut einem Bericht des Exilmediums Mediazona aus dem vorigen Jahr laufen in Russland deshalb wenigstens 200 Verfahren gegen Personen, die an den FBK gespendet haben. Wolkow stand erst im Januar im Zentrum eines Skandals. Damals machte eine frühere FBK-Mitarbeiterin eine persönliche Nachricht Wolkows öffentlich, in der er nicht nur die – später verneinte – Nachricht über den Tod des für die Ukraine kämpfenden russischen Rechtsextremisten Denis Kapustin mit harten Worten begrüßt, sondern auch führende ukrainische Politiker beschimpft hatte. Die Regierung in Litauen, wo Wolkow seit 2019 lebt und wo die Zentrale des FBK im Exil ist, erwog deshalb, ihm die Aufenthaltserlaubnis zu entziehen. Schdanow wirft Wolkow außerdem vor, persönlichen Nutzen aus angeblichen fiktiven Beschäftigungsverhältnissen beim FBK zu ziehen. Die Frustration des Lebens in der Emigration Wolkow weist alle Vorwürfe kategorisch zurück. In einem Interview mit dem exilrussischen Fernsehsender Doschd gab er sich schwer getroffen: Es sei „sehr, sehr schmerzhaft“, so etwas von einem Menschen zu erleben, „mit dem man so viel gemeinsam durchgemacht hat, mit dem man einen Sack Salz gegessen hat“. Als Grund für die zahlreichen Konflikte rings um den FBK nennt Wolkow in dem Interview die schwierige Lage aller russischen Regimegegner im Exil. Es bestehe eine „große Krise des Glaubens daran, dass in Russland einmal alles gut werden kann“, unabhängigen Medien, zivilgesellschaftlichen und politischen Organisationen gehe das Geld aus. „Das alles ruft natürlich eine wachsende Nervosität und allgemeine Frustration hervor.“ Beides sei ein guter Nährboden für solche Skandale. Wenn es so etwas wie einen gemeinsamen Nenner in den gegenseitigen Beschuldigungen Nawalnajas und Wolkows einerseits und Schdanows andererseits gibt, dann ist es der Verweis auf die Schwierigkeiten, in der Emigration ein neues Leben aufbauen zu müssen. Allerdings ringt der FBK offensichtlich auch darum, nach dem Tod Nawalnyjs seinen Weg zu finden. Führende Vertreter des FBK wie Wolkow – und bis zu seinem Ausscheiden vorigen Herbst auch Iwan Schdanow – haben in den vergangenen Jahren immer wieder in groben, oft äußerst vulgären Worten andere russische Exilanten attackiert. Auf diese Form der Auseinandersetzung reagierten auch Sympathisanten des FBK zunehmend mit Befremden. Vorwürfe gegen andere Gruppen der Exilopposition Drei Monate nach Nawalnyjs Ermordung veröffentlichte der FBK eine Serie von drei Filmen unter dem Titel „Verräter“. Diese richtete sich gegen den Teil der Exilopposition um den einstigen Oligarchen Michail Chodorkowskij, der in den Neunzigerjahren zur politischen und wirtschaftlichen Elite Russlands gehörte. Keine andere Recherche des FBK hat seither so große Aufmerksamkeit erfahren. Einem langjährigen Weggefährten Chodorkowskijs wirft der FBK vor, hinter dem tätlichen Angriff auf Wolkow in Vilnius im März 2024 zu stehen. Den verschiedenen Versuchen, gemeinsame Plattformen der Exilopposition zu bilden, bleibt der FBK in der Regel fern – und verbindet das mit dem Anspruch, die größte und wirkmächtigste Gruppierung der Regimegegner im Exil zu sein. So ist der FBK auch nicht in der Delegation der russischen Exilopposition bei der Parlamentarischen Versammlung des Europarats vertreten. Dabei betonen auch Nawalnaja und der FBK regelmäßig, sie sähen Verbündete in allen, die gegen das Regime Wladimir Putins kämpfen. So begründete Nawalnaja in ihrer Antwort auf Schdanows Äußerungen auch, warum sie bisher zu den Umständen seines Abgangs aus dem FBK geschwiegen hatte: „Ich halte es nicht für richtig, öffentlich mit Leuten zu streiten, die ich als Verbündete ansehe.“
