FAZ 03.10.2026
12:13 Uhr

SERIE: „Wilde Erde: Afrika“: Der Elefant im Wasserfall


Vier Jahre Arbeit stecken in der neuen Dokuserie von National Geographic. Das sieht man dem Siebenteiler „Wilde Erde: Afrika“ auch an. Er wartet mit spektakulären Tieraufnahmen auf und vermittelt grundlegende Einsichten.

SERIE: „Wilde Erde: Afrika“: Der Elefant im Wasserfall

Wölfe auf Pelikan-Jagd. Nilpferde im „Hippo-Spa“, einer vulkanischen Oase in der Savanne. Riesenschildkröten, die Vögeln nachstellen: Die Naturfilmer von „National Geographic“ und der BBC haben sich mit „Wilde Erde: Afrika“  selbst übertroffen. Das freilich ist die Ambition dieser Serie, die den Auftakt  einer Reihe über die Artenvielfalt und die Anpassungsfähigkeiten von Tieren auf allen Kontinenten unseres Planeten bildet. Fast vier Jahre haben rund hundert Mitarbeiter an dem Siebenteiler gewirkt, wie die Koproduzentin und Regisseurin Kate Laurie im Gespräch sagt. Sie inszenierte die zweite Episode, „Wälder“, für die sie Szenen aus dem kongolesischen Dschungel zusammenstellte, darunter die vielleicht bemerkenswerteste der ganzen Serie: Da balanciert ein alter Elefant auf rutschigem Gestein durch die Kaskaden über einem Wasserfall, um an das Seegras heranzukommen, das ausschließlich in schnell fließendem Wasser zu finden ist. „Unser Ehrgeiz war es, bisher unbekannte Verhaltensweisen der Tiere zu zeigen und Lebewesen vor die Kamera zu holen, die noch nie zuvor gefilmt wurden“, sagt Laurie. Zwei Jahre umfassten die Dreharbeiten nach einer zwölfmonatigen Vorbereitungsphase, es folgte ein weiteres Jahr  Postproduktion. Ein großes Netzwerk von Forschern, Artenschützern und Experten, das die BBC und „National Geographic“ über Jahrzehnte aufgebaut haben, kommt hier zum Zuge. Für die spektakulären Bilder bedurfte es enormer Geduld, bisweilen trotzte man erheblichen Gefahren – so bleibt der Jeep einer Forschergruppe im Sand der 60 Grad heißen Sahara stecken, ein Team wagt sich nur mit Schutzanzügen in Fledermaushöhlen, um sich „nicht gefährlichen Viren wie Ebola auszusetzen“. Die Dokuserie lebt aber auch von technischen Kapazitäten: Drohnenbilder, versteckte Kameras, klassische Teleobjektivaufnahmen tragen zu einem einzigartigen Panorama bei. Wir sehen Wüsten, Savannen, Inseln, Dschungel und Gebirge. Eher schwach wirken im Vergleich grafische Sequenzen, die die geologischen Veränderungen der Landschaften über Hunderte Millionen Jahre veranschaulichen. Und das eine oder andere Mal wünscht man sich Landkarten, um sich orientieren zu können. Darauf, sagt Kate Laurie im Gespräch mit der F.A.Z., habe man verzichtet, weil man die Zuschauer nicht aus dem Geschehen reißen wollte. Verweilen möchte man im Geschehen oft. Etwa bei dem Elefanten an der Fallkante des Wasserfalls oder bei der Giraffe in der Nähe einer Windhose. Aber da folgt schon die nächste Einstellung. Laurie räumt ein, dass die rasche Schnittfolge nicht nur dem Spannungsaufbau, sondern auch den Sehgewohnheiten der Instagram-Generation geschuldet sei. „Auch deshalb war uns daran gelegen, prägnante Storys zu erzählen und schnell zur Action zu kommen, um die Leute engagiert zu halten.“ Angesichts der vielen herausragenden Naturdokumentationen der vergangenen Jahrzehnte – die „Planet Earth“- und „Blue Planet“-Filme von Sir David Attenborough, Darren Aronofskys „One Strange Rock“ oder die Reihe „Life“ – dürfte der Druck beachtlich gewesen sein, wiederum Neuland zu beschreiten. Manche ihrer Entdeckungen machten die Filmemacher von „Wilde Erde: Afrika“ in wissenschaftlichen Fachblättern, so das Verhalten des Nebelfallenkäfers in der Namib-Wüste, der nachts unter erheblichem Kraftaufwand eigenartige Rillen in den Sand gräbt, um am Morgen die Feuchtigkeit der vom Meer heraufziehenden Nebelschwaden einzufangen. Wegen seiner Form nennt man ihn auch „Fliegende-Untertasse-Käfer“. Dass die Sequenz über die außerirdisch anmutenden Zeichen im Sand mit Musik verbunden ist, die an „Akte X“ erinnert, ist ein schöner Einfall. Viele Szenen sind mit launigen Kommentaren unterlegt, und oft bemüht man sich, die Superleistungen der Natur in menschliche Kategorien zu übersetzen. Ein Favorit: Ein Forscherteam in Madagaskar berechnet, dass die Spinnenseide-Stärke der erst 2009 entdeckten Darwins Rindenspinne ausreichte, um eine U-Bahn zu stoppen, wie in der berühmten Szene von „Spider-Man“. Am Schluss stehen nachdenkliche Töne: Der Klimawandel ist real, der Mensch nimmt den Tieren ihren Lebensraum. Dabei ist das Wohl der Tiere eng mit dem Wohl der Menschen verbunden. Diese Dokureihe, heißt es, sieht sich auch als Archivprojekt für kommende Generationen. Hoffnungslos ist der Ausblick nicht. Gerade auf kommunaler Ebenen gibt es Erfolge im Artenschutz, wie Projekte in Afrika beweisen, die unter anderem zur Gesundung der Gorilla-Population in Uganda beitrugen. „Es gibt viel Hoffnung“, sagt Kate Laurie, und man dürfe nie vergessen: „Die Tiere auf unserem Planeten sind erstaunlich anpassungsfähig.“ Wilde Erde: Afrika startet am am 3. Oktober um 14.50 Uhr bei National Geographic und auf Disney+.