Wer in den vergangenen Jahren an der Hauptwache unterwegs war, brauchte vor allem eines: Geduld. Bauzäune, Gerüste, abgesperrte Wege und mittendrin eine Kirche, die man eher ahnte als sah. Jetzt ist der Blick wieder frei: Die Sanierung der St. Katharinenkirche ist abgeschlossen. Und Unternehmerinnen und Unternehmer rund um den Platz dürfen aufatmen, diesmal hoffentlich für ein paar Jahrzehnte. Baudezernent und Kirchendezernent Bastian Bergerhoff fasst das Ganze mit einem Satz zusammen, der hängen bleibt: „Wir haben vom Sockel bis zum Gockel alles saniert.“ Und schiebt gleich hinterher, halb entschuldigend, halb vergnügt: „Hier gibt es zwar keinen Gockel, aber es hat sich so schön gereimt.“ Tatsächlich ist an der Dotationskirche, die der Stadt seit 1830 gehört, kaum ein Bauteil unberührt geblieben: Dach, Fassade, Naturstein, Fenster, Blitzschutz, Beleuchtung – einmal rundum erneuert. Was man nicht hinaustragen kann, gehört hier der Stadt, vom Mauerwerk bis zur Orgelbank. Für Bänke, Orgel, Dach und Fassade ist sie verantwortlich, für das Leben im Inneren, die Kirche. Dombaumeisterin Julia Lienemeyer spricht von einem deutschlandweit einmaligen Konstrukt: Stadt und Kirche tragen gemeinsam Verantwortung. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste die Stadt acht Kirchen neu aufbauen, darunter auch St. Katharinen. 17 Millionen Mark flossen damals in die Wiedererrichtung – Summen, die heute in Euro und deutlich höher ausfallen würden, so Bergerhoff. Die jüngste Dach- und Fassadensanierung schlägt mit rund sechs Millionen Euro zu Buche und bleibt damit erstaunlich nah an den ursprünglichen Schätzungen. Ganz im Zeitplan lag man nicht, aber angesichts unvorhersehbarer Schäden am Turmdach und der schwierigen Ausschreibungssituation im Spezialhandwerk sei „fast pünktlich“ in der Welt der Denkmalpflege ein Lob, kein Makel. „Man muss ein Auge und ein Händchen dafür haben“ Wie wenig „Feld-, Wald- und Wiesenarbeit“ hier stattgefunden hat, beschreibt Architekt Harald Geis, der die Arbeiten seit gut anderthalb Jahren fast täglich begleitet. Die altdeutsche Schieferdeckung auf Dach und Turm verlangt Augenmaß, Handgefühl und sehr viel Erfahrung. Die Schieferplatten werden vor Ort individuell behauen, von Traufe zu First in Größe und Deckung angepasst. „Man muss ein Auge und ein Händchen dafür haben“, sagt Geis. Allein Firmen für diese Arbeit zu finden, war eine Herausforderung. Mehrfach musste neu ausgeschrieben werden, viele Betriebe kamen nicht aus Frankfurt. Parallel dazu kümmerte sich ein ganzes Heer von Fachleuten um Naturstein, Putze, Bleiverglasung, Blitzschutz, Illumination und Brandschutz. Nach dem Krieg waren Oktogon und Dächer rußgeschwärzt. Beim Wiederaufbau ging man davon aus, das Achteck sei immer schwarz gewesen und strich es entsprechend, so Lienemeyer. Erst spätere Recherchen ergaben, dass das Oktogon ursprünglich rot gefasst war. In einer früheren Phase erhielt es einen rosastichigen Rotton, nun wurde in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege nach einem Farbton gesucht, der dem historischen Erscheinungsbild möglichst nahekommt. Dass die Kirche heute so selbstverständlich in Mainsandstein, Putz und Schiefer vor der Skyline steht, sei das Ergebnis dieser kleinteiligen Arbeit. Doch St. Katharinen sei nicht nur ein Baudenkmal, sondern eine Bühne der Stadtgesellschaft. Stadtkirchenpfarrer Olaf Lewerenz erinnert daran, was Dotationskirche im Alltag bedeutet: Offenheit für alle Frankfurterinnen und Frankfurter. Hier gebe es Seelsorge ohne Mitgliedsausweis, Ausstellungen zum Judentum mit der klaren Botschaft „Antisemitismus hat hier keinen Platz“ und Konzerte wie „Medico“ zum Thema Gaza. Lewerenz versteht die Kirche als Ort, an dem über Menschenrechte gesprochen wird und diejenigen, die an den Rand gedrängt werden, Raum finden sollen. Dass der Weg dahin nicht friktionsfrei war, wissen die Gewerbetreibenden rund um die Hauptwache nur zu gut. Bauzäune, Gerüste und Engstellen kosteten Sichtbarkeit und Umsatz. Mancher Ladenbesitzer wird die wiedergewonnene Offenheit des Platzes fast so sehr feiern wie die Gemeinde den ersten Gottesdienst nach Abschluss der Sanierung. Für die Stadt war das Projekt, wie Lienemeyer sagt, „viel Arbeit, aber auch viel Freude“.
