FAZ 29.05.2026
14:34 Uhr

Schirrmacher-Preis an Yasmina Reza: „KI wird die Schriftsteller ersetzen“


Yasmina Reza wurde in  Zürich mit dem Frank-Schirrmacher-Preis ausgezeichnet. Dabei lässt die französische Schriftstellerin von Weltrang am liebsten ihre Figuren für sich sprechen.

Schirrmacher-Preis an Yasmina Reza: „KI wird die Schriftsteller ersetzen“

Yasmina Reza bleibt gerne im Hintergrund. Sie gibt nur wenige Interviews und mag keine große Reden halten. Lieber ist ihr, wenn ihre Figuren für sich sprechen. Diese Figuren verwickeln sich (in „Kunst“ und „Der Gott des Gemetzels“) zuverlässig in den Wirren der Gegenwart und straucheln, auch wenn sie sich noch so redlich mühen. Damit ist Reza berühmt geworden und avancierte zu den meistgespielten Dramatikerinnen dieser Zeit. Für ihre unnachahmliche Art, zu beobachten, ohne zu werten, Veränderungen wahrzunehmen und zu verdichten, was zu zerfallen droht, ist der französischen Schriftstellerin in diesem Jahr der an den 2014 verstorbenen Publizisten und Herausgeber der F.A.Z. erinnernde Frank-Schirrmacher-Preis verliehen worden. Der mit 20.000 Schweizer Franken dotierte, von der Frank-Schirrmacher-Stiftung vergebene Preis ehrt „herausragende Leistungen zum Verständnis des Zeitgeschehens“, über das Yasmina Reza so gut wie ausschließlich mittels ihrer Figuren, aber so konsequent wie wenige andere sinniert. Wieso man Schriftstellern solche Fragen stelle, antwortete sie dem Ko-Präsidenten der Stiftung, Martin Meyer, als der das Podiumsgespräch ganz im Wortsinn des Preises auf ebenjene Zeitläufte zu lenken versuchte. „Meine Meinung über die Welt ist von keinem Interesse“, sagte sie. Sie stehe nicht in der Tradition jener französischen Autoren, die ihre literarische Arbeit mit politischem Engagement verbinden. Relativität des Erfolgs und des Objektes in der Zeit Schon in ihrer Dankesrede hatte sie, ausgehend von einer Anekdote aus ihrer Kindheit, die Relativität ihres Schaffens hervorgehoben. Als Zehnjährige, erzählte sie, habe sie einmal einen Preis für ein Gedicht erhalten – allerdings nur, wie sich herausstellte, weil die Jury davon ausgegangen sei, dass es sich bei ihrem um das einzige eingereichte Gedicht gehandelt habe, das nicht von den Eltern geschrieben worden sei. Es ging Reza um die Relativität des Erfolgs und insbesondere des Objektes in der Zeit. „Die Zeit, von der wir wissen, dass sie das einzige Gültigkeitskriterium ist.“ Die Zeit in ihrer Unerbittlichkeit war damit gemeint, in der Unausweichlichkeit, mit der sie zum Tod führt, einem Leitmotiv in Rezas Werk. Sie ist für Yasmina Reza von weit größerem Interesse als das reine Zeitgeschehen, auch wenn beide durch gesellschaftliche Konventionen miteinander in Verbindung stehen, die jenes Netz aus Verbindlichkeiten und Abhängigkeiten spinnen, in dem Rezas Figuren sich stets so schön verheddern. Schaut auf diese Figuren Und so ließ Yasmina Reza mit einer Mischung aus feinem Witz und routinierter Bescheidenheit die beharrlichen Versuche Meyers, sie zu einer Äußerung zum Weltgeschehen zu bewegen, zwar zuweilen ins Leere laufen. Immer wieder aber erstaunte sie das Publikum in der halb gefüllten Aula der Universität Zürich, in der der Preis verliehen wurde, mit kurzen, glasklaren und zuweilen überraschenden Ansichten. Donald Trump? „Aus vernünftiger Sicht und im Sinne des Guten in der Welt ist er natürlich keine wünschenswerte Figur. Aber dass eine solche Figur, die direkt aus einem Shakespeare-Stück stammen könnte, trotzdem in Amerika gewählt wird, finde ich interessant.“ Die Zukunft Europas? „Europa ist ein Zusammenschluss von Ländern, die versuchen, auch für sich selbst zu existieren, doch angesichts der aufstrebenden Kräfte in Asien sehe ich nicht, wie Europa seinen Rang und seine Vorherrschaft behaupten kann.“ Gleichzeitig sei es aber auch nicht schlecht, in einer Zeit der Dekadenz zu leben. „Das hat seinen Reichtum.“ Künstliche Intelligenz? „KI spielt in meiner Arbeit bis heute überhaupt keine Rolle. Aber ich glaube, dass KI die Schriftsteller ersetzen wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht in der Lage sein wird, ein Meisterwerk zu schaffen.“ Sprach’s und widersprach sich nur wenig später, als sie von einem Buch erzählte, das sie vor Kurzem gelesen habe: „Secondhand-Zeit“ von Swetlana Alexijewitschs, „ein Meisterwerk“ – „das hätte die KI nicht schreiben können, das ist Alexijewitsch“. Die Frage, ob es auch Bücher von ihr, Reza gibt, die einzigartig sind, lag da natürlich in der Luft und wurde indirekt von dem Laudator Christian Berkel beantwortet. Denn er sprach über ihre Werke als der Schauspieler, der er ist. Er hob den fast vollkommenen Verzicht auf szenische Anweisungen in ihren Stücken hervor und die daraus entstehende Freiheit, die es brauche, damit der „Virus der Verwandlung“ auf die Spieler überspringen könne. Es ging ihm um Melodien, Tempo und Rhythmus – mithin um ein Gespür für den Umgang mit der Zeit, das es ermöglicht, gewisse Dinge unausgesprochen zu lassen und doch zum Thema zu machen. Darin liegt Rezas Meisterschaft. Sie war an diesem Abend auch in ihrem gesprochenen Wort zu erleben.