FAZ 06.10.2026
16:01 Uhr

Schülerproteste: „Zu den Waffen, Bürger!“


Über dem Pariser Quartier Latin liegt ein Hauch von Mai 1968. Wieder sind es geburtenstarke Jahrgänge, die protestieren.

Schülerproteste: „Zu den Waffen, Bürger!“

Die Schüler des berühmten Pariser Elitegymnasiums Louis-le-Grand sind schon im Morgengrauen im Quartier Latin unterwegs. Kurz vor sieben Uhr am „Schwarzen Dienstag“ – so nennen Fernsehsender den landesweiten Protesttag – stehen Dutzende vor dem Haupteingang. Mit Mülltonnen haben sie das Tor blockiert. „Wir wissen, dass wir privilegiert sind. Aber gerade deshalb müssen wir uns solidarisch zeigen!“, sagt Eva. Die Schülerin trägt ein Palästinensertuch um den Hals. Gegen ihren vollen Stundenplan hat die Sechzehnjährige nichts. Aber sie verstehe gut, dass nicht alle Gleichaltrigen bei einem solchen Pensum zurechtkämen. Die Protestbewegung fordert kürzere Schultage, kleinere Klassen, mehr Lehrer und renovierte Klassenzimmer. Auch Zukunftsängste treiben die Schüler um. „Was ist das denn für eine Zukunft, für die wir pauken sollen?“, fragt Eva. Der Klimawandel mache auch vor den alten Mauern ihres Gymnasiums nicht halt. Protest aus Solidarität Das 1563 von Jesuiten begründete Lycée gilt als Talentschmiede Frankreichs. Die Liste der berühmten Schüler umfasst Molière, Voltaire und Hugo sowie die späteren Präsidenten Pompidou, Giscard d’Estaing und Chirac. „Wir können uns nicht beschweren, wenn wir uns mit Schulen in der Banlieue vergleichen. Hier ist alles darauf ausgerichtet, dass wir Erfolg haben“, sagt die 17 Jahre alte Marie, die in der Abschlussklasse ist. „Wir engagieren uns aus Solidarität“, sagt sie. „Aux armes, citoyens“, skandieren die Blockierer derweil den Refrain der französischen Nationalhymne: „Zu den Waffen, Bürger!“ Das sei nicht wörtlich zu verstehen, sagt Victor, der sich vor Repressalien der Schulleitung fürchtet. Er trägt eine Maske, die sein Gesicht verdeckt; seinen Vornamen hat er sich ausgedacht. „Die Schulleitung will uns mundtot machen“, sagt er. Es sei wichtig zu zeigen, dass das beste Gymnasium Frankreichs die Protestbewegung unterstütze: „Gleichheit ist nicht nur eine Devise.“ Einige Lehrer seien auf ihrer Seite, sagt Victor. Von dem Renommee des Gymnasiums könnten sich die Schüler nichts kaufen. „Unsere Lehrer verdienen schlecht, auch wenn sie brillante Köpfe sind“, sagt er. Dann stimmt die Gruppe einen neuen Sprechgesang an: „Wir sind hier, wir sind hier, auch wenn Macron das nicht will.“ Die Rathäuser zur Debatte öffnen Der Unterricht am Lycée Louis-le-Grand fällt am Dienstag wie an vielen Oberschulen im Land aus. „Vor dem Hintergrund einer ungewöhnlich besorgniserregenden nationalen Lage“, schrieb Schulleiterin Mireille Basso, „bitten wir die Eltern, ihre Kinder zu Hause zu behalten, damit sie ihre Aufgaben in aller Sicherheit erledigen können.“ Unweit des Schulgebäudes haben sich Polizisten in Stellung gebracht, die Bewegungen steif in ihrer schweren Schutzkleidung. Über der Kuppel des Panthéon geht unterdessen die Sonne auf. Die Ruhmeshalle für bedeutende Persönlichkeiten der französischen Geschichte will Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Donnerstag mit Präsident Emmanuel Macron besuchen. Doch am Dienstag ist das Quartier Latin noch fest in der Hand der Jugend, die ihren Unmut auf der Straße zum Ausdruck bringt. Ein Hauch der Studentenbewegung vom Mai 1968 liegt über dem Viertel. Ein amerikanisches Touristenpaar fotografiert die jungen Aufrührer. Der sozialistische Pariser Bürgermeister kündigt an, der Protestjugend die Bezirksrathäuser der Hauptstadt zu öffnen, damit sie „debattieren und sich demokratisch organisieren kann“. Radikale Linke droht mit „Generalabrechnung“ „Das ist die größte Jugendbewegung seit Mai 1968“, jubelt der linke Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon. Der Gründer der radikalen Linkspartei La France insoumise (LFI) hat in den vergangenen Tagen seine Anhänger unermüdlich dazu aufgerufen, sich den Protesten anzuschließen. Vor Studenten der elitären Managementhochschule HEC beschrieb Mélenchon am Montagabend, wie die Partei die sozialen Medien zur Verbreitung ihrer Ideen nutze. Der Regierung hält er vor, ihre Macht nur mit Hilfe brutaler Polizeirepression zu sichern. Mélenchon droht mit einer „Generalabrechnung“ nach einem Machtwechsel im Mai. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen äußerte am Dienstag Verständnis für die Lehrer, deren „Arbeitsbedingungen sich dramatisch verschlechtert haben“. Das sei der Grund für die vielen Krankschreibungen, die zu Unterrichtsausfällen führten. „Viele Lehrer haben Angst“, sagte sie bei einer Pressekonferenz. Ihre Partei werde nach dem Wahlsieg wieder für Sicherheit und Ordnung sorgen. Die Umfragefavoritin kündigte einen 140-Milliarden-Euro-Sparplan bis zum Jahr 2032 an. Allen jungen Franzosen ohne Strafregister versprach sie einen kostenlosen Führerschein sowie klimatisierte Klassenzimmer. Gekürzt werden soll nach ihren Plänen massiv bei den Ausgaben für Migranten und für die EU. Der französische EU-Beitrag werde unter ihrer Führung nicht mehr als fünf Milliarden Euro betragen, sagte sie. Das werde sie in Brüssel aushandeln. Geburtenstarke Jahrgänge sind jetzt in der Oberstufe Es sind die Kinder des französischen Geburtenbooms bis 2010, die derzeit für bessere Bildungschancen demonstrieren. Das Jahr 2010 markierte mit mehr als 802.000 Neugeborenen einen Rekord in Frankreich. Dieser Jahrgang ist im September in die Oberstufe gekommen. Begonnen hat die Bewegung an der Saint-Exupéry-Berufsschule in Créteil, einem Vorort im Süden von Paris – aufgrund fehlender Stühle, ausgefallener Lehrer und einer Schulkrankenschwesterstelle, die nicht besetzt wurde. Die Wut zum Überkochen brachte der Umstand, dass es zum Schuljahresbeginn keinen Praktikumsbetreuer gab. Für die Berufsschüler stand damit ihr Werdegang auf dem Spiel, denn ohne Praktika können sie nicht auf einen Abschluss hoffen. Das politische Potential der Personalengpässe erkannte eine junge Abgeordnete, die zu den Hoffnungsträgerinnen der Linkspartei LFI zählt. Créteil zählt zum Wahlkreis der 35 Jahre alten Clémence Guetté. Sie berichtete in internen Runden über den anschwellenden Protest und fand schnell Gleichgesinnte – etwa den LFI-Bürgermeister von Saint-Denis, der mit den protestierenden Schülern sang und tanzte. Am Dienstag ließ sich Guetté von den Schülern der Saint-Exupéry-Oberschule in Créteil feiern. „Saint-Exupéry ist zum Symbol geworden“, sagte die linke Abgeordnete. Sie triumphierte darüber, wie schnell sich die Bewegung auf ganz Frankreich ausgebreitet hat und in die große Gewerkschaftskundgebung am Platz der Republik mündete. Statt zu Gewaltverzicht aufzurufen, griff Guetté Innenminister Laurent Nuñez verbal an. „Seine Ordern an die Polizei sind unverantwortlich“, sagte sie. Die Sicherheitskräfte seien dabei, die Jugend zu verstümmeln. Ihre Partei werde den Minister bald zur Verantwortung ziehen.