Das ist die Ruhe vor dem Sturm. So kommentierte Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, die überraschend positive Nachricht, dass die deutsche Wirtschaftsleistung im ersten Quartal des Jahres um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen sei. Viel ist das nicht, aber für die krisengeplagte deutsche Volkswirtschaft zumindest ein kleiner Lichtblick. Es wäre eine gute Basis, um das derzeit allgemein für das gesamte Jahr prognostizierte Wirtschaftswachstum von rund 0,5 Prozent auch tatsächlich zu schaffen. Doch Krämer erwartet wie die meisten Volkswirte, dass mit den Spannungen als Folge des Irankriegs die deutsche Konjunktur im Zeitraum von April bis Juni zunächst einmal erheblich schlechter laufen wird. Das ist der Sturm. Die höheren Preise für Öl und Gas, mögliche Engpässe in den kommenden Wochen, aber auch die größere Unsicherheit belasten die wirtschaftliche Entwicklung. Die Ökonomen von Deutsche Bank Research zum Beispiel setzen derzeit in ihre Jahresprognose eine Schrumpfung von rund 0,2 Prozent im zweiten Quartal ein. Darauf deutet auch der wöchentliche Aktivitätsindex der Deutschen Bundesbank hin, der zuletzt deutlich gesunken ist. Umfragen unter Unternehmen und Verbrauchern, also die weichen Konjunkturdaten, zeigen für den schon mehr als zwei Monate dauernden Krieg einen merklichen Stimmungsverfall. Unternehmen berichten von schlechteren Geschäften und blicken pessimistischer auf die kommenden Monate. Besonders hart hat es die Dienstleister getroffen. Das Konsumklima unter den Verbrauchern hat sich deutlich getrübt. Auch Finanzfachleute blicken gemäß der ZEW-Umfrage sehr skeptisch in die Zukunft. Harte Konjunkturdaten, wie sehr die Folgen des Irankriegs Deutschland treffen werden, gibt es – abgesehen von den hohen Preisen an den Tanksäulen – bisher wenige. Sie reichen bis Ende März, dem ersten Kriegsmonat, und bestätigen den Eindruck, dass die deutsche Konjunktur schon vor Beginn der kriegerischen Handlungen wieder schwächelte. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe, die von August bis November anzog und vorsichtige Hoffnung auf eine wirtschaftliche Belebung erlaubte, ist nun schon wieder vier Monate nacheinander gesunken. Allein im März, im ersten Kriegsmonat in Nahost, ging sie um 0,9 Prozent gegenüber Februar zurück. Der Lkw-Mautindex, der die Fahrleistung der Laster auf den Autobahnen misst, sank im April um 0,7 Prozent gegenüber dem Vormonat. Das deutet auf eine weiter schwache Industriekonjunktur hin. Im gesamten ersten Quartal lag die Produktion im verarbeitenden Gewerbe 1,4 Prozent niedriger als im Jahresschlussquartal 2025. Für Investitionsgüter betrug das Minus im Quartalsvergleich 2,2 Prozent. Der Auftragseingang ist durchwachsen Im März nun ist der Auftragseingang ausgesprochen stark um fünf Prozent gegenüber Februar gewachsen. Großaufträge haben dabei keine entscheidende Rolle gespielt. Manche Ökonomen und das Bundeswirtschaftsministerium erkennen darin den Einfluss des Irankriegs. Vor erwarteten Preissteigerungen und möglichen Lieferschwierigkeiten versuchten Unternehmen noch, ihre Lager für wichtige Vorprodukte aufzufüllen. Dafür spricht, dass der Auftragsschub im März viele Wirtschaftsbereiche erfasste. Bestellungen für Vorleistungs- und für Konsumgüter stiegen besonders stark. Der Außenhandel entwickelte sich im ersten Monat des Kriegs nicht gut. Die Ausfuhr von Waren stieg im März nominal um 0,5 Prozent gegenüber Februar, was preisbereinigt auf ein Minus hinausläuft. Die Einfuhr stieg nominal rasant um 5,1 Prozent, preisbereinigt weniger, sodass der Außenhandelsüberschuss insgesamt zurückging. Im Baugewerbe fiel die Produktion im Baugewerbe im ersten Quartal preisbereinigt um 1,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Trotz der Milliarden für die Infrastruktur ist seit dem vergangenen Jahr eher eine Stabilisierung der Bauproduktion zu beobachten, aber kein Aufschwung. Rätselraten um den Konsum Ein gewisses Rätsel hinterlassen die ersten Hinweise, die die amtlichen Statistiker über die Details des Wirtschaftswachstums im ersten Quartal des Jahres gaben. Danach trug der private Konsum nachfrageseitig positiv zum Wachstum bei. Doch Andreas Scheuerle von der Dekabank weist darauf hin, dass dieser Konsum nicht über den Einzelhandel gekommen sein kann. Der reale Einzelhandelsumsatz, der rund ein Drittel des privaten Konsums ausmacht, schrumpfte im ersten Quartal und lag im März so niedrig wie im Spätsommer 2024. Dass die hohe Inflation sich mit 2,9 Prozent im April vertieft, drückt auf die Konsumlaune. Den privaten Konsum bremsen die Sorge vor höheren finanziellen Lasten aus den Sozialreformen und die sich weiter verschlechternden Perspektiven am Arbeitsmarkt. Die Unternehmen planen, mehr Stellen abzubauen. Das Beschäftigungsbarometer des Ifo-Instituts sank im April, dem zweiten Kriegsmonat in Nahost, auf 91,3 Punkte und liegt so niedrig wie seit Mai des Pandemiejahres 2020 nicht mehr. Dazu trägt nach Einschätzung des Ifo-Instituts die zunehmende geopolitische Unsicherheit bei. Die mit dem Irankrieg verbundenen Unbekannten sind zahlreich. Je länger die Spannungen am Persischen Golf andauern, je länger die Straße von Hormus gesperrt ist und je länger der Ölpreis um 100 Dollar je Barrel (159 Liter) liegt, desto stärker steigt das Risiko eines Rückfalls in die Rezession. Die bisherigen Wachstumsprognosen von rund 0,5 Prozent für dieses Jahr basieren auf der Annahme, dass die Meerenge ungefähr zur Mitte des Jahres wieder offen ist. Ist sie das nicht, dürften die Prognosen weiter gesenkt werden.
