FAZ 09.05.2026
11:58 Uhr

Schwäbischer Mittelständler: Wie ein Chinese 130 Jobs im Schwabenland rettet


Ein Maschinenbauer von der Schwäbischen Alb ist an der billigeren Konkurrenz aus China gescheitert. Die Rettung soll ein neuer Investor bringen – er kommt ausgerechnet aus China.

Schwäbischer Mittelständler: Wie ein Chinese 130 Jobs im Schwabenland rettet

Xu Hongjie ist 32 Jahre jung und Maschinenbauunternehmer aus der chinesischen Industriestadt Shishi. Dass ausgerechnet er in letzter Sekunde zum Retter für ein süddeutsches Traditionsunternehmen am anderen Ende der Welt werden würde, das hätte er sich vor einem halben Jahr noch nicht träumen lassen. Ein Besprechungszimmer im Verwaltungsgebäude des Strickmaschinenherstellers Mayer & Cie., ein vor 120 Jahren gegründetes Traditionsunternehmen auf der Schwäbischen Alb, das vergangenen Herbst Insolvenz anmelden musste. „Das ist eine ruhige Gegend hier, ich kann mich auf meine Arbeit konzentrieren,“ sagt der Chinese. Und zu tun gibt es viel für ihn bei Mayer & Cie., dem Unternehmen, das ihm seit wenigen Wochen gehört. Der Strickmaschinenhersteller hat seinen Hauptsitz in Tailfingen, einem Teilort der Kleinstadt Albstadt rund 60 Kilometer südlich von Stuttgart. Xu  hat angekündigt, Produktion und die Entwicklung sollen in Tailfingen bleiben. Gerade habe er eine Wohnung für sich gefunden, sagt der neue Eigentümer im Gespräch mit der F.A.S. Im Sommer sollen auch seine Frau und die beiden kleinen Kinder nachkommen aus Shishi. Er will sehen, ob es ihnen gefällt im Schwabenland. „Es war fünf nach zwölf“ Die Geschichte, wie Xu auf die Schwäbische Alb kam, um dem gescheiterten Mittelständler Mayer & Cie. eine neue Zukunft zu geben, geht so: Eine Woche vor Weihnachten ist Xu beruflich in Italien unterwegs. Ein Geschäftspartner in Italien erzählt ihm, dass Mayer & Cie. am Ende sei. Xu ist aus derselben Branche, seine Familie betreibt in Shishi ebenfalls eine Fabrik für Textilmaschinen. Er kennt den im Textilgeschäft renommierten Maschinenbauer aus Schwaben, er bewundert ihn für seine hochwertigen und technisch ausgetüftelten Strickmaschinen. Als er von der Insolvenz erfährt, erkennt er seine Chance und reist kurzentschlossen weiter von Italien nach Tailfingen, um sich das Unternehmen anzuschauen. Kurze Zeit später kommen auch sein Vater, seine Mutter und seine Schwester aus China auf der Schwäbischen Alb an. Alle in der Industriellenfamilie sollen sich vor Ort ein Bild machen von dem Hersteller in Schwaben. Als Xu im Dezember in Tailfingen auftauchte, da schien dort eigentlich schon alles verloren. Die rund 300 Mitarbeiter am Stammsitz hatten bereits ihre Kündigungen erhalten. Die Suche nach einem Investor, der nach der Insolvenz einen Neuanfang wagen würde, war erfolglos geblieben. Ein Interessent aus der Schweiz war in letzter Minute abgesprungen. „Es war fünf nach zwölf, die Lichter waren aus“, sagt Rainer Müller, der langjährige Produktionsleiter von Mayer & Cie. Er erinnert sich an das Abschiedsessen mit der Familie Xu in Albstadt, bevor diese wieder zurück nach China reiste. Am Freitag, dem 19. Dezember, sei das gewesen, sagt Müller. Die Gäste aus China hätten schon damals signalisiert, dass sie das Unternehmen übernehmen wollten. Doch so recht glauben konnte Müller das damals nicht. „Das war wie im Märchen“, erinnert er sich. Es folgten Wochen des bangen Wartens auf Nachricht aus Shishi. Der Verkauf hat einen bitteren Beigeschmack Doch Xu blieb dran. „Man hat sehr schnell gemerkt: Die meinen es ernst“, sagt der Rechtsanwalt Martin Mucha, der in dem Insolvenzverfahren als Generalbevollmächtigter tätig war. Die Verhandlungen gingen zügig voran. Am 10. Februar wurde der Kaufvertrag für die Übernahme der Vermögensgegenstände der Mayer & Cie. GmbH & Co. KG durch die Huixing Machine Co., Ltd., dem Maschinenbauunternehmen der Familie Xu, unterzeichnet. Mitte April war der Verkauf besiegelt, nachdem auch die zuständigen deutschen und chinesischen Behörden die notwendige Zustimmung erteilt haben. Aber die Wiederauferstehung des schwäbischen Maschinenbauers hat auch einen bitteren Beigeschmack. Denn gescheitert ist das Familienunternehmen nicht zuletzt an der Konkurrenz aus China – und jetzt wandert Mayer & Cie. nach mehr als einem Jahrhundert in die Hände eines chinesischen Eigentümers. „Der Wettbewerb ist eindeutig unfair“ Staatlich subventionierte chinesische Maschinenbauer hätten binnen weniger Jahre den Markt aufgerollt, beklagte im Dezember Benjamin Mayer, der Urenkel des Firmengründers, gegenüber der F.A.Z. Der Jahresumsatz von Mayer & Cie. sei binnen weniger Jahre kollabiert, von 110 Millionen Euro 2022 auf nur noch 50 Millionen im Insolvenzjahr 2025, berichtete der schwäbische Unternehmer, der selbst nur wenige Jahre älter ist als der Investor Xu. Die Verluste seien horrend gewesen. „Man könnte fast sagen, dass wir von den Chinesen bei lebendigem Leibe aufgefressen werden“, sagte Mayer kürzlich in einem Interview mit dem ZDF. „Der Wettbewerb ist eindeutig unfair“, sagt auch Oliver Richtberg, Abteilungsleiter Außenwirtschaft beim Maschinenbauverband VDMA in Frankfurt. Ein Hauptproblem sei die Unterbewertung der chinesischen Währung, die chinesische Exportgüter im Ausland verbillige. Auch Ökonomen vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln haben kritisiert, die chinesische Notenbank halte durch systematische Devisenmarkt-Interventionen den Wechselkurs künstlich niedrig, um den Export anzukurbeln. Wenn man den neuen Eigentümer von Mayer & Cie. auf solche Vorwürfe anspricht, dann antwortet Xu mit einer Gegenfrage: „Wenn der Wettbewerb unfair ist, warum habe ich dann hier in Deutschland investiert und bin nicht einfach daheim geblieben? Wir wollen Produktion und Entwicklung hier am Standort erhalten.“ Noch sind die Fabrikhallen in Tailfingen still und leer. Manche der Maschinen, die hier stehen, sind fast neuwertig, sie wurden erst vor wenigen Jahren angeschafft. Alles ist picobello aufgeräumt, die Beschäftigten haben trotz Kündigung und drohender Abwicklung ihre Arbeitsplätze penibel sauber hinterlassen. „Hier ist keiner weggerannt wie die Sau vom Trog“, sagt mit schwäbischer Derbheit der Produktionsleiter Müller. Das habe Eindruck gemacht auf den Interessenten aus China, als er sich die Fertigung angeschaut habe. Die Mitarbeiter werden nicht mehr nach Tarifvertrag bezahlt Im Mai soll das Leben zurückkehren in die Fabrik. Der Investor Xu sagt, die Produktion werde mit einer Belegschaft von 130 Mitarbeitern wieder aufgenommen. Das sind weniger als halb so viele wie vor der Insolvenz, aber immer noch besser als gar keine Jobs mehr. Die neue Mayer & Cie. Global bezahlt die Beschäftigten auch nicht mehr nach IG-Metall-Tarifvertrag. Die Mitarbeiter würden zwar zu den alten Gehältern wieder eingestellt, heißt es vom Unternehmen. Aber die Wochenarbeitszeit beträgt 40 Stunden statt der 35-Stunden-Woche im Metall-Tarifvertrag, und es gibt kein Weihnachts- und Urlaubsgeld. Der neue Eigentümer hängt sich rein. „Wir müssen die Mitarbeiter so schnell wie möglich zurück ins Unternehmen holen“, sagt Xu. Stolz berichtet er, dass sogar frühere Beschäftigte von Mayer & Cie., die nach der Insolvenz schon einen neuen Arbeitsplatz gefunden hätten, aus Loyalität zu ihrer Firma zurückkehrten. Roland Tralmer, der Oberbürgermeister von Albstadt, sitzt in seinem holzvertäfelten Amtszimmer und spricht über den Hoffnungsträger aus Fernost. Es habe in der Bevölkerung durchaus Misstrauen gegenüber dem neuen Eigentümer gegeben, ganz verschwunden sei sie bis heute nicht: Wollen die Chinesen nur billig deutsche Technologie abgreifen und machen dann doch das Werk in Tailfingen platt? Der Bürgermeister hat Xu vor einigen Wochen getroffen, die Initiative dazu ging von dem Chinesen aus, und das fand Tralmer schon mal gut. Er selbst sei „neugierig und unvoreingenommen“ in das Gespräch gegangen, sagt er. „Aber ich will nicht verhehlen, dass ich auch die Frage im Hinterkopf hatte: Was ist das Ziel dieses Investments?“ Mittlerweile entstehe Vertrauen in die neuen Eigentümer, berichtet der Bürgermeister. „Ich gehe davon aus, dass es nicht enttäuscht wird“, sagt er, und schiebt sicherheitshalber hinterher: „Ich hoffe es jedenfalls sehr.“ Xu wiederum lobt im Gespräch mit der F.A.S. den Fleiß der Mitarbeiter und ihre Loyalität zu ihrem Unternehmen. Darauf komme es an. „Als ich zum ersten Mal hier war, bin ich zuerst in die Produktion gegangen, ich habe die Menschen dort getroffen und mir die Produkte, die sie herstellen, angeschaut. In die Geschäftsbücher hab ich erst ganz zum Schluss geschaut.“ „Unglaublich begeisterungsfähig und enthusiastisch“ Daheim im chinesischen Shishi war Xu zuletzt nicht mehr oft. 80 Prozent der Zeit sei er in Tailfingen gewesen, in den vergangenen Monaten, schätzt er. „Wenn du eine Entscheidung triffst, dann musst du die Verantwortung dafür übernehmen“, sagt Xu. Der Unternehmer, der an der Universität im britischen Coventry Betriebswirtschaft studiert hat, spricht Englisch, jetzt macht er auch einen Deutschkurs. „Unglaublich begeisterungsfähig und enthusiastisch“ sei der neue Eigentümer, findet der Produktionsleiter Müller. Er selbst war mit 64 Jahren eigentlich schon auf dem Weg in den Ruhestand. Nun will Müller bleiben, um beim Neustart mitzuhelfen. Aber Xu hat auch einen anderen Führungsstil als die früheren Eigentümer. Er ist fordernd und macht Tempo. Der Chinese habe seiner Mannschaft bei Mayer & Cie. beigebracht, Dinge schnell zu entscheiden, berichten Mitarbeiter in Tailfingen. Besprechungen, die ergebnislos endeten, akzeptiere Xu nicht: „Bevor man nach einem Meeting den Raum verlässt, muss es eine Entscheidung geben.“ Vertrauen der Kunden zurückgewinnen Xu selbst sagt, in deutschen Unternehmen werde ausgiebig diskutiert und gründlich geplant, erst dann werde gehandelt. In China laufe das anders: „Wir probieren etwas aus, und wenn es nicht funktioniert, dann passen wir es an.“ Am wichtigsten sei es jetzt, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen, sagt Xu. Er will mit der Übernahme des prestigeträchtigen Herstellers von der Schwäbischen Alb ein neues Marktsegment für seine Unternehmensgruppe erschließen: Hochwertige High-End-Maschinen der Marke Mayer & Cie., neben den preisgünstigen Textilmaschinen von Huixing aus China. Aber das Marktumfeld für die hochpreisigen Strickmaschinen von Mayer & Cie. ist weiterhin schwierig. Die alten Eigentümer des Unternehmens hatten den Trend zur „Ultra Fast Fashion“ als einen Hauptgrund für den rasend schnellen Niedergang und die Insolvenz bezeichnet. Extrem preisgünstige Wegwerfmode aus Asien, die profitabel nur mit billigsten Garnen und eben auch nur mit billigen Maschinen hergestellt werden kann. „Die deutschen Maschinenbauer müssen ihre Hausaufgaben machen“ Die Strickmaschinen von Mayer & Cie dagegen sind aufwendig konstruiert, hochwertig und entsprechend teuer. 75.000 Euro kostete bislang eine Maschine aus Tailfingen im Schnitt, bei chinesischen Wettbewerbern kann man Strickmaschinen für umgerechnet 20.000 Euro kaufen. Auch Huixing, das Unternehmen der Familie Xu in Shishi, fertigt Strickmaschinen, die deutlich günstiger sind als die von Mayer. Gegründet wurde der Betrieb 1998 von den Eltern von Xu. Heute beschäftigt die Unternehmensgruppe nach eigenen Angaben mehr als 1000 Mitarbeiter. Xu glaubt, dass er eine Lösung finden wird für die Probleme von Mayer & Cie. „Ich kenne den Markt, ich weiß, welchen Weg ich einschlagen muss“, sagt er selbstbewusst. Das schwäbische Unternehmen müsse seine „Kostenstrukturen verbessern“. Und er spricht von „overengineering“, die Maschinen des Herstellers seien womöglich technisch zu sehr perfektioniert und damit zu teuer geworden. Xu ist mit dieser Sichtweise nicht allein. Auch beim deutschen Maschinenbauverband VDMA wird das „overengineering“ mittlerweile selbstkritisch als Problem gesehen. Chinesische Maschinenbauer bauten erfolgreich Maschinen, die zwar technisch nicht das Nonplusultra seien, aber eben „gut genug“ für die Anforderungen der Kunden – und vor allem deutlich günstiger, sagt der VDMA-Abteilungsleiter Richtberg. „Solche Maschinen können wir in Deutschland auch bauen“, glaubt er. Doch dafür müssten die heimischen Hersteller umdenken. „Die deutschen Maschinenbauer müssen ihre Hausaufgaben machen“, sagt Richtberg. So sieht das wohl auch der neue Eigentümer von Mayer & Cie. Aber Xu drückt es anders aus. Er sagt: „Ich behaupte nicht, dass die Situation einfach ist, sie ist sehr schwierig. Aber wir müssen einen Weg finden.“ Die Fabrik auf der Schwäbischen Alb, die alle schon aufgegeben hatten, hält er für einen „sehr guten Investitionsstandort“.