FAZ 16.09.2026
09:30 Uhr

Serie „City of Blood“: Vom guten Geschmack der Vampire


Eine Vampirgeschichte aus einem zur eigenständigen Republik gewordenen Berlin mit erstaunlichen Parallelen zur politischen Gegenwart: Disney+ zeigt den deutschen Achtteiler „City of Blood“.

Serie „City of Blood“: Vom guten Geschmack der Vampire

Es wird kein Zufall sein, dass kaum eine Woche nach dem Start der letzten Staffel der Riesenerfolgs „Berlin Babylon“ gleich die nächste hochgestylte deutsche Serie mit hauptstädtischem Schauplatz um Aufmerksamkeit buhlt: Disney+ geht mit „City of Blood“ an den Start; acht Folgen sind es (erst einmal) geworden – insgesamt rund sieben Stunden Zukunftshandlung um ein Berlin, in das sich Menschen und Vampire teilen. Die Grundidee lieferte ein vor 23 Jahren begonnener und 2008 dann mit dem dritten Band abgeschlossener Comic: „Berlinoir“, gezeichnet von Reinhard Kleist, der damals noch kein Superstar seiner Zunft war, und geschrieben von Tobias O. Meißner, der mit seinen Dark-Fantasy-Büchern durchaus schon Anspruch auf diese Bezeichnung hatte. Allerdings ist in der Bearbeitung des Stoffs durch die Drehbuchschreiberin Elena Lyubarskaya und sechs weitere Autoren (darunter auch der Regisseur Philipp Kadelbach, der seit „Unsere Mütter, unsere Väter“ zu den begehrtesten deutschen Fernsehmachern gehört) nicht viel von der Comicvorlage übrig geblieben. Was Wegzehrung bei reisenden Blutsaugern bedeutet Bei Meißner und Kleist regieren die Vampire die Stadt, die sich aus dem zerfallenen deutschen Staatsgebilde zur selbständigen Republik erklärt hat, und haben dafür gesorgt, dass alle Vegetation ausgerottet wurde, damit die Menschen nicht auf den Gedanken kommen, sich Holzpflöcke zu schnitzen, um damit die Herzen der Blutsauger zu durchbohren. In der Serie sieht es dagegen in ganz Deutschland klimawandelbedingt aus wie in der Savanne, und die Vampire agieren verdeckt. Anders als im sonst schattenlosen, brütend heißen Berlin ist es im erst kürzlich rund um die Gedächtniskirche frisch errichteten „Dome“ unter dessen lichtdurchlässiger Überdachung angenehm kühl und grün. Man könnte sagen: In der Serie machen es sich die Vampire schön menschlich. Denn die Membran des „Dome“ filtert jene Sonnenlichtbestandteile weg, die sonst Vampirkörper entflammen lassen. Seitdem leben auch sie im Hellen. Allerdings bleibt da das Ernährungsproblem, und nicht nur das. Blut ist vielmehr noch aus einem anderen Grund als ganz besonderer Saft begehrt in Berlin, und so gibt es einen regen Schwarzhandel, der von einem Vampir dominiert wird: Zeno Gennardi, gespielt mit immenser Körper- und Bosheitsfülle von Lars Eidinger. Seine Mutter Szen (Jenny Schily) ist die Chefin der Vampire, und wie sie in der ersten Folge nach Berlin gelangt, ist keine appetitliche Angelegenheit. Denn auch Vampire brauchen Wegzehrung. Deshalb soll auch niemand in der Stadt darum wissen, dass es überhaupt Vampire gibt. Seit der „Dome“ bezogen worden ist (mehrheitlich von wohlhabenden Menschen, die unwissend vom vampirischen Interesse an geschmackvollen Lebensbedingungen profitieren), verschwinden jedoch in Berlin Passanten. Irgendwann wird auch Phoebe vermisst, die ältere Schwester von Bea Hoffmann. Das ist insofern ärgerlich, als deren Mutter Laura Hoffmann, ihres Zeichens in der Berliner Stadtregierung zuständig fürs Bauwesen (und gespielt von Jördis Triebel), gerade eine überlebensnotwendige Nierentransplantation für Bea arrangiert hat, für die Phoebe das notwendige Organ spenden soll. Sie ist der kleinen Schwester verpflichtet, weil deren prekäre Gesundheit aus einem frühkindlichen Ereignis resultiert, an dem sich Phoebe schuldig glaubt. Wenn der Populismus mit ins politische Spiel kommt Mittlerweile ist Bea zwanzig, auch wenn sie (in Gestalt der Schaupielerin Lea Drinda) aussieht wie ein Teenie. Umso mehr Energie mobilisiert die junge Frau nicht nur bei der Suche nach Phoebe (Soma Pysall), sondern auch bei der Erkundung des „Dome“, in dessen Bau die eigene Mutter und in dessen Betrieb ein Mentor der Schwester verwickelt ist. Dieser Johan Moderson ist der dritte prominente Vampir der Serie, und Franz Hartwig spielt ihn mit einer Melancholie, die den schönsten Genreklischees entspricht. Sehens-, wenn nicht gar liebenswert. Allerdings pflegt Moderson eine durchaus egoistisch orientierte Spendenpraxis, um bei den unmittelbar bevorstehenden Wahlen einen Populisten (David Schütter) gegen die Berliner Ministerpräsidentin (Dagmar Manzel) in Stellung zu bringen. Man darf bewundern, wie passgenau die Geschehnisse im Berliner Wahlkampf der nahen Zukunft den aktuellen Landtagswahlen in Ostdeutschland gleichen. „City of Blood“ ist hochpolitisch, wo „Berlinoir“ lediglich hochdramatisch war. Die bislang genannten Namen der beteiligten Schauspieler dürften schon vom Aufwand künden, den die Berliner Produktionsfirma Amusement Park (die den Oscargewinnerfilm „Im Westen nichts Neues“ als Referenz aufbieten kann) betrieben hat – und da ist Tom Schilling in seiner grandiosen Nebenrolle für Episode 4 noch gar nicht erwähnt. Gedreht wurde überwiegend in Tschechien, und wenn es eine Schwäche der Serie gibt, dann ist es die Tricktechnik, die aus dem vertrauten Berlin ein dystopisch verdorrtes machen soll. Es ist eben doch leichter (und preiswerter), Apokalypse zu zeichnen, als sie zu filmen. Wo „Berlinoir“ aussieht wie „Metropolis“ fürs 21. Jahrhundert, wirkt „City of Blood“ in den Außenaufnahmen wie Eurotrash. Sie lassen kalt. Doch die Handlung ist heiß, auch ganz buchstäblich, denn verschwitzte Tanktops und T-Shirts waren die Hauptaufgabe der Kostümabteilung – und dennoch ist die Schweißfleckverteilung das größte Continuity-Problem der Serie. Ansonsten sprudelt reichlich Blut, und manche Szenen dürften deshalb für hämophobe Zuschauer schwer erträglich sein. Aber wie erfreulich, dass es in „City of Blood“ nicht das zu beklagen gibt, was sonst deutsche Streamingproduktionen oft bieten: Blutleere. City of Blood ist von Mittwoch an auf Disney+ verfügbar.