FAZ 09.05.2026
12:29 Uhr

So isst Politik: Bei einer Bratwurst wurde schon so mancher Friede geschlossen


Hauptstadtpolitiker kaufen ihre Bratwurst zwischen Baum 6 und Baum 7 neben dem Reichstagsgebäude. Das ist durchaus ein politischer Vorgang.

So isst Politik: Bei einer Bratwurst wurde schon so mancher Friede geschlossen

Die Grillsaison beginnt. Das hat erhebliche Auswirkungen auf das Geschehen im politischen Berlin. Die Bratwurst spielt bekanntlich eine herausgehobene Rolle, nicht nur als Imbiss, sondern auch als Symbol für deutsche Lebensart; deshalb verzehren Politiker sie gern zum Ausdruck ihrer Nähe, ja Zugehörigkeit zum Volk. Das ist einerseits ein PR-Manöver, vor allem, wenn sie sich mit dem Bratwurstbrötchen fotografieren oder filmen lassen. Andererseits haben viele auch einfach Lust auf Wurst. Die vergeht ja nicht plötzlich, nur weil man Politiker wird. So wird die Bratwurst in Berlin gewissermaßen vieldeutig gegessen. Ein guter Ort, um das zu beobachten oder sogar selbst zu tun, ist der Wurstimbiss „Wurst :-)“. Er liegt zwischen Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor beziehungsweise „zwischen Baum 6 und Baum 7“, wie eine Kreidetafel vor der Wurstausgabe verkündet. Dahinter beginnt gleich das große Grün des Tiergartens. Bekannt ist die Bude dafür, dass hier neben Touristen auch Politiker aus den nahen Büros verkehren. Oder vielmehr: früher verkehrten? An diesem regnerischen Dienstag lässt sich jedenfalls zur Mittagszeit kein Promi sehen. Auf Vorschlag der F.A.S. findet sich aber ein politischer Kommunikator ein, der in einschlägigen Kreisen auch als „Kubicki unter den Pressesprechern“ bekannt ist, mithin das deutliche Wort nicht scheut. Was ist seine Einschätzung: Wird im politischen Betrieb weniger Bratwurst gegessen als früher? Schwer zu überblicken, sagt der Mann. Jedenfalls sei ein entscheidender Faktor hinzugekommen, den es vor zehn oder gar fünfundzwanzig Jahren noch nicht gegeben habe: unzählige Lieferdienste, die Bowls, Pizzas und Burger in Parteizentralen, Ministerien und Bundestagsbüros brächten. Das überzeugt. Abgesehen davon, dass Bratwürste massiv an Qualität einbüßen würden, wenn man sie eine Dreiviertelstunde in der Warmhaltebox durch Berlin transportiert, liegt dann näher, entweder etwas Gesundes oder gleich etwas richtig Ungesundes zu bestellen und nicht die Bratwurst, die irgendwo dazwischen anzusiedeln ist. Außerdem ist die Bratwurst erst dann perfekt, wenn sie unter freiem Himmel eingenommen werden kann. Quasi direkt vom Grill. Wie bei der „Wurst :-)“, deren neckisches Emoticon im Namen an längst vergangene Zeiten erinnert, nämlich solche ohne bunte Emojis. Bei Regen empfiehlt sich der Wurstverzehr hinter der Bude, wo ein schmales Dach Schutz spendet. Da stehen schon zwei Anzugträger, ins Gespräch vertieft, und beißen in ihre Würste. Vielleicht tut es auch dem politischen Klima im Land gut, dass die Grillsaison nun Fahrt aufnimmt. Bei einer Bratwurst (oder zweien) wurde schon auf manchem Sommerfest Frieden geschlossen. Wenn auch nur für einen Abend. Aber das ist ja heutzutage schon besser als nichts.