Wie geht es den Deutschen gerade? Das ist schwer zu sagen. Umfragen zufolge sind viele Menschen persönlich zufrieden, sorgen sich aber um das große Ganze. Somit sind sie eben doch unzufrieden. Wenn sie länger keine Nachrichten konsumieren, und lang sind heutzutage schon zwei Stunden, die sie etwa rasenmähend oder wandernd im Grünen verbringen, geht es ihnen allerdings schon viel besser. Doch das Glück währt nur kurz, denn das Handy liegt griffbereit. Nachrichtlich war in der Woche nach Pfingsten wenig los. Das Parlament hatte Pause, der Sommer war ausgebrochen, Deutsche mähten den Rasen, um anschließend ihren Gartenpool aufzustellen. So wurden statt Großereignissen Gerüchte diskutiert, etwa das, wonach ein Austausch des Bundeskanzlers bevorstehe. Ministerpräsident Wüst solle Merz ersetzen. Was war davon eigentlich im Auge des Orkans zu spüren, also mitten im Regierungsviertel, genauer gesagt in der Cafeteria des Jakob-Kaiser-Hauses, in dem viele Abgeordnete ihre Büros haben? Nachmittags kurz vor drei liegt dort noch ein Mettbrötchen in der Brötchenvitrine. Die sind normalerweise schon morgens um zehn weg. Aber es sind eben kaum Abgeordnete im Haus und daher auch weniger von deren Mitarbeitern. Ein paar sitzen an den Tischen. Manche essen Eis. Warum eigentlich nicht? Zwar stehen in den Kühlschränken Getränke für lange Nächte bereit, Red Bull, Club Mate, auch literweise Milch für Bürokaffee sind zu erwerben. Aber verlockender brummt die Truhe mit den tiefgekühlten Desserts. Das klassische Eiskonfekt soll es sein, „10 for Two“. Dazu ein Cappuccino aus dem Automaten. Fast herrscht schon Große-Ferien-Stimmung Wieso eigentlich „10 for Two“, beziehungsweise: Kriegt dann jeder fünf oder einer mehr als der andere, weil er größer und stärker ist? Auf solche Fragen kann nur kommen, wer an Politik denkt statt an Romantik – denn fürs Teilen im Kinosessel ist dieses Produkt ja wohl ursprünglich gemacht. Zwei, die sich im Saaldunkel kichernd eine Schachtel teilen, werden beide zu ihrem Recht kommen. Bei Koalitionspartnern gestaltet sich das schon schwieriger. Kurzer Blick aufs Handy, ob es da schon wieder etwas Neues gibt: nein. Die Sonne fällt durch die Fenster herein, und draußen sieht man Touristen – erkennbar an ihren „Berlin“-Hüten – und Berliner entlanglaufen. Sie schauen nicht hinein, sondern Richtung Wasser, Richtung Kanzleramt, manchmal sogar Richtung Himmel. Fast schon Große-Ferien-Stimmung. Aber schon in der nächsten Sitzungswoche wird das wieder anders sein, die Straßen voller Männer in Anzügen, der Platz vor dem Reichstag voller Limousinen, der Bundestag voller Stimmen. Am Nachbartisch unterstreicht ein Anzugträger Sätze auf dicht bedrucktem Papier. Er isst kein Eis. Schlechte Laune? Wahrscheinlicher ist, dass er so beschäftigt ist, dass er heute noch gar keinen Gedanken an seine Stimmung verschwendet hat.
