Auf den ersten Blick erinnert das Lokal an die Lobby eines Hotels. Beige-braun gedämpfte Farben. Sitzmöbel, die halb Bank, halb Sofa sind. Davor jeweils ein kleiner runder Tisch. Auf einer Art Theke stehen üppige Blumenarrangements, die noch stehen geblieben sind von einem Geburtstag, wie ein Mitarbeiter sagt. Und doch wird schnell deutlich, dass das hier kein Lokal wie jedes andere ist. Gegen halb zehn betreten etwa ein Dutzend Polizisten die Bar. Und eine Stunde später wird sie geschlossen – wegen Verdacht des illegalen Glücksspiels. Es ist nicht der einzige Betrieb, mit dem an diesem Mittwoch so verfahren wird. Das hessische Landeskriminalamt (LKA), das sich seit etwa einem Jahr dem Thema Sozialkriminalität widmet, geht abermals mit einer Razzia gegen Verdächtige vor. Seit dem frühen Morgen sind in ganz Hessen etwa 600 Mitarbeiter von Polizei, Zoll, Gewerbe- und Ordnungsämtern, Jobcentern, der Steuerfahndung sowie der Familienkasse Hessen gegen Sozialkriminalität im Einsatz. Gemeint ist damit: der Missbrauch staatlicher Leistungen sowie Scheinanmeldungen, illegales Glücksspiel und kriminell erlangte Vermögenswerte. LKA-Präsident Daniel Muth sagt, durch die gemeinsamen Kontrollen gewönnen die Sicherheitsbehörden wertvolle Erkenntnisse über kriminelle Strukturen. Diese werden nach seinen Worten nun ausgewertet „und gezielt für weitere Ermittlungen und Maßnahmen gerade im Hinblick auf illegale Vermögenswerte und organisierte Geldwäsche genutzt“. Ziel sei es, am Ende kriminelle Strukturen zu zerschlagen. Auch an diesem Mittwoch gelingt den Ermittlern das. Noch in der Nacht zieht das LKA Bilanz: 18 Personen werden festgenommen. Zudem konnten Vermögenswerte im Wert von etwa 1,5 Millionen Euro gesichert werden, darunter 343.000 Euro in bar sowie neun hochwertige Fahrzeuge im Wert von 927.000 Euro, ebenso weitere Luxusgegenstände wie Uhren. Innenminister Roman Poseck (CDU) sagt: „Luxusuhr und Sozialleistung passen nicht zusammen. Organisierter Sozialbetrug ist Betrug an allen, die ehrlich arbeiten und Steuern zahlen. Das dürfen wir nicht dulden.“ Im vergangenen Jahr sind nach Angaben des Innenministeriums 642 Fälle von Sozialbetrug festgestellt worden, 100 Fälle mehr als noch 2023. Das sei nur das Hellfeld. Da es sich um Kontrolldelikte handele, dürfte das Dunkelfeld noch höher sein. Poseck sagt: „Gerade die Beschlagnahme von Luxusautos, Bargeld und anderen Luxusgütern trifft Kriminelle und Betrüger an ihrem Lebensnerv.“ Mit einem neuen Modellprojekt soll die Zusammenarbeit mit den Kommunen verbessert werden. Ziel sei es, „den Datenaustausch zwischen den Behörden zu verbessern, um noch schlagkräftiger gegen Kriminelle vorzugehen“. Verbindungen zur jüngsten Serie von Brandanschlägen Mit „Kriminelle“ sind vor allem Akteure der organisierten Kriminalität gemeint. Wie Polizeihauptkommissar Patrick Rüter vom Polizeipräsidium Frankfurt sagt, werden an diesem Abend auch Lokale durchsucht, „die in Verbindung stehen mit der aktuellen Serie an Brandanschlägen“. Erstmals äußert sich die Polizei öffentlich zu den Ermittlungen und bestätigt, dass es sich um eine Fehde im Rauschgiftmilieu zwischen zwei Gruppierungen handele – eine aus dem Rhein-Main-Gebiet, die andere aus den Niederlanden. Die Brandsätze seien nach dem „Violence as a Service“-Prinzip beauftragt worden. Man habe beide Gruppen im Blick. So werden an diesem Abend vor allem Kioske, Bars, Spielotheken und Restaurants aufgesucht. In gleich mehrfacher Hinsicht fündig werden die Ermittler im Landkreis Offenbach: Dort nehmen Einsatzkräfte zwei Beschuldigte fest. An ihrem Haus stellen sie mehrere hochwertige Fahrzeuge, Luxusuhren, Schmuck sowie einen fünfstelligen Geldbetrag sicher. Den Beschuldigten werden unter anderem bandenmäßige Steuerhinterziehung, Betrug beim Verkauf gebrauchter Fahrzeuge und Sozialleistungsbetrug vorgeworfen. Die Durchsuchung steht in Zusammenhang mit einem ganzen Geflecht von bandenmäßigem Betrug – ein Verfahren, das seit 2018 unter dem Namen „Avalon“ geführt wird. Allein in diesem Komplex wurden bisher Vermögenswerte von mehr als 3,4 Millionen Euro sichergestellt. An der Autobahn 66 beschlagnahmen die Beamten später einen Porsche 911 Carrera S, bei dessen Besitzer der Verdacht der Insolvenzverschleppung und Geldwäsche besteht. Mit der jüngsten Kontrolle wurden bei der Bekämpfung der Sozialkriminalität seit Dezember 2025 insgesamt 52 Haftbefehle vollstreckt und Vermögenswerte im Gesamtwert von etwa 3,7 Millionen Euro gesichert.
