FAZ 10.05.2026
15:37 Uhr

Soziale Systeme: Kein Volk von Idealisten


Je größer die subjektive Zufriedenheit eines Bürgers mit seinem Einkommen, desto größer ist hierzulande sein Vertrauen in die Demokratie.  Denn die Deutschen fordern von der Politik vor allem die Sicherung von Wohlstand.

Soziale Systeme: Kein Volk von Idealisten

Eine Vielzahl an Studien zeigt, dass das Vertrauen in die Politik und die Handlungsfähigkeit des Staates sinkt. Über die Ursachen streitet die Forschung. Eine These besagt, das sei gar nicht die Schuld des Staates, sondern die Folge wachsender Erwartungen an den Staat. Vorgeschlagen wird auch, dass die heutige Situation von multiplen Krisen den Staat vor Aufgaben stellt, die er einfach nicht bewältigen kann. Oder liegt es daran, dass die Bürger immer misstrauischer, pessimistischer und zynischer werden? Und wenn das so wäre, gäbe es dafür soziale Gründe? Liegt es an Ungleichheiten in Bildung oder beruflicher Position, des Geschlechts, des Wohnortes oder der politischen Präferenzen? Ein möglicher Ansatz, das zu beantworten, wäre, das persönlich verfügbare Einkommen als erklärende Variable zu benutzen. Das mag schlicht klingen, hätte aber den Vorteil, leicht messbar zu sein. Auf die empfundene Armut kommt es an In der Forschung gilt Einkommensungleichheit als ein zentraler Faktor für die Erklärung von Vertrauen gegenüber der Politik. Dabei muss die subjektive Wahrnehmung der eigenen Position keineswegs mit der objektiven Position übereinstimmen. Negative Zukunftserwartungen, das Gefühl fehlender sozialer Anerkennung oder ein empfundener Abstieg können dazu führen, dass die tatsächliche ökonomische Situation und die damit verbundene Unzufriedenheit auseinanderklaffen. Allerdings ist umstritten, welche Aspekte der ökonomischen Position einer Person für deren politisches Vertrauen tatsächlich relevant sind: echte wirtschaftliche Not oder doch „nur“ die empfundene wirtschaftliche Unsicherheit und das Gefühl einer fehlenden sozialen Anerkennung durch die Gesellschaft? Die Sozialforscher Jan Brülle von der Universität Frankfurt und Dorothee Spannagel von der Hans-Böckler-Stiftung haben diese Fragen jetzt mit Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 2017 bis 2021 untersucht. Ihre Befunde zeigen tatsächlich, dass Menschen, die über einen längeren Zeitraum ein hohes Einkommen zur Verfügung haben, demokratischen Institutionen und Akteuren deutlich mehr vertrauen als Menschen niedrigerer Einkommenspositionen. Und zwar auch dann, wenn Merkmale wie Bildung, Beruf oder Arbeitslosigkeitserfahrungen berücksichtigt werden. Der Mittelstand hat Angst Der Einfluss des Einkommens verschwinde allerdings nahezu vollständig, wenn die subjektive Einkommenszufriedenheit berücksichtigt werde, berichten die Autoren. Es gibt offensichtlich auch Menschen, die trotz eines geringeren Einkommens mit ihrem Leben zufrieden sind – und auch mit der Demokratie. Der Effekt dieser Variable auf das Ausmaß an Politikvertrauen ist nicht allein entscheidend, aber immerhin erklärt sie rund ein Fünftel der Varianz des Politikvertrauens. In der Studie gelten etwa elf Prozent der Teilnehmer als einkommensarm, 14 Prozent befinden sich in der Gruppe der prekären, 34 der mittleren und 32 Prozent der gehobenen Einkommen. Acht Prozent schließlich sind reich. Der Gesamtindex des Vertrauens habe dabei bei einer Skala von eins bis zehn einen Mittelwert von 5,3, und er schwanke zwischen 4,6 für Arme über 5,2 in der Mitte bis zu 6,2 für die Einkommensreichen. Neben der Zufriedenheit mit dem Einkommen erkläre der materielle Mangel für Menschen in tatsächlicher Armut und in geringerem Ausmaß auch für Menschen mit prekären Einkommen einen bedeutsamen Teil der Effekte. Für die mittleren Einkommensgruppen spiele die materielle Deprivation dagegen keine Rolle, hier sind es eher wirtschaftliche Sorgen und Unsicherheit, die das Vertrauen in die Politik verringerten. Aber was folgt nun aus diesen Befunden? Die Einkommensarmen ließen sich vermutlich nur noch durch reale Verbesserungen ihrer materiellen Lage zurückholen ins Lager derer, die der Demokratie noch vertrauen, so die Autoren. Und wer die Mitte stärke und gleichzeitig die Einkommensreichen dadurch schwäche, verlöre damit eben auch jene, die der Demokratie am stärksten vertrauen. Grundsätzlich zeigt die Studie allerdings, dass die Demokratie hierzulande offenbar immer noch danach beurteilt wird, inwieweit sie mit wirtschaftlichem Wohlstand einhergeht. Geht es den Menschen schlecht, zweifeln sie auch an der Demokratie. Es galt als ein zeithistorischer Glücksfall für den Erfolg dieser Staatsform, dass auf die Gründung der Bundesrepublik ein beispielloses Wirtschaftswunder folgte, welches das politische Versprechen „Wohlstand für alle“ erfüllen half. Doch 77 Jahre nach der Gründung dieser Demokratie hängen das politische Vertrauen und die Zustimmung zu ihr immer noch stark von der eigenen ökonomischen Lage ab. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft der politischen Institutionen ist das ein fatales Ergebnis. J. Brülle, D. Spannagel: Eine Frage des Geldes? Mediationsanalysen zum Effekt der Einkommensposition auf das Politikvertrauen, in: KZfSS online vom 20.3.26.