Manche Diagnosen sind vage, aber dennoch nützlich. Als „Erkältung“ hat das Leiden an diffusen Symptomen zumindest einen Namen. Der aber variiert je nach Sprache und Kultur. Der Zusammenhang mit kalten Temperaturen, wie er im Deutschen und Englischen hergestellt wird, findet sich etwa im Indonesischen nicht. Dort spricht man von „eingedrungenem Wind“ (masuk angin). Die Benennung zeichnet vor, welche Symptome gebündelt und mit welcher Ursache sie assoziiert werden. Bei der politischen Diagnose „Polarisierung“ ist es nicht anders. Man beobachtet ideologische Zuspitzung, verhärtete Gruppenidentitäten oder den Verlust einer geteilten Wirklichkeitsauffassung – vor allem in den USA. Doch lässt sich diese Diagnose einfach auf andere Länder übertragen? Die internationale Debatte über Polarisierung hat sich bisher kaum damit beschäftigt, ob die Diagnose in dieser Form überhaupt auf alle politischen Systeme anwendbar ist. Eine kürzlich erschienene Überblicksarbeit zeigt, dass sich die Forschung meist den USA widmet. Von den Studien, die überhaupt ein bestimmtes Land nennen, beschäftigen sich 43 Prozent mit Amerika. Die USA sind hier eher Sonderfall als Avantgarde Der Verdacht liegt nahe, dass der andere Teil die bewährten Begriffe und Messinstrumente in andere Länder exportiert. Das heißt aber: Ein Zweiparteiensystem, das Politik als Duell organisiert, wird zum Modell für Länder, in denen fünf oder mehr Parteien miteinander konkurrieren und koalieren müssen – oder sogar für autoritär regierte Staaten, in denen Konflikte gar nicht oder anders ausgetragen werden. Während zwei große Parteien alle politischen Streitfragen auf eine Unterscheidung zuspitzen, werden sie in einem Mehrparteiensystem auf eine größere Zahl unterschiedlicher Kombinationen verteilt. In nichtwestlichen politischen Systemen hingegen kann die unterstellte Polarität zwischen rechten und linken Einstellungen in die Irre führen. Wer dennoch mit einem Instrument misst, das zwei Lager voraussetzt, muss sich nicht wundern, wenn die Ergebnisse mit der politischen Wirklichkeit wenig zu tun haben. Polarisierung bezeichnet zudem mehr als nur einen Sachverhalt. Ideologische Polarisierung bedeutet nicht zwangsläufig affektive Polarisierung, die sich als Abneigung gegen den politischen Gegner äußert. Während die ideologische Polarisierung in den USA zugenommen hat, ist dies weltweit nicht der Fall. Die Vereinigten Staaten sind in dieser Hinsicht eher Sonderfall als Avantgarde. Soziale Medien sind nur in sehr begrenztem Umfang schuld Die affektive Polarisierung hingegen ist anderswo ausgeprägter: etwa in der Türkei, Ungarn oder Kenia. Während starke affektive Polarisierung oft mit demokratischer Regression assoziiert wird, gilt dies für ideologische Polarisierung nicht. Eine Demokratie, in der niemand anderer Meinung ist, wäre ein bemerkenswerter und nicht unbedingt wünschenswerter Grenzfall. Auch die Ursachen der Polarisierung werden regelmäßig zu pauschal verallgemeinert. So sind die oft genannten Filterblasen in sozialen Medien keineswegs allgegenwärtig. Die meisten Menschen konsumieren überwiegend moderate Nachrichten, und die Rezeption politischer Inhalte macht ohnehin nur einen kleinen Teil der Mediennutzung aus. Die Rolle von Plattformen ist insgesamt uneindeutig. In einer amerikanischen Studie verringerte eine zeitweilige Facebook-Pause die Polarisierung, während sie diese in Bosnien-Hercegovina verstärkte, offenbar weil dadurch Kontakte über ethnische Grenzen hinweg entfielen, die offline kaum vorhanden waren. Algorithmen und Künstliche Intelligenz eignen sich ebenso wenig für eine klare Ursachenzurechnung. Sie haben keine eingebaute politische Tendenz, sondern verstärken, was in den bestehenden Beziehungen und Institutionen bereits angelegt ist. Welche Folgen hat diese gemischte Bilanz der Polarisierungsdiagnose? Gegen Polarisierung werden mehr Kontakte zwischen den Lagern sowie Gespräche mit Andersdenkenden empfohlen. Doch wer Menschen mit gegensätzlichen Ansichten konfrontiert, erzeugt nicht automatisch Verständigung, sondern mitunter lediglich besser informierte Gegner. Die Autoren plädieren deshalb für mehr vergleichende Forschung und weniger unreflektierten Transfer. Dies richtet sich weniger gegen die USA-zentrierte Polarisierungsforschung als gegen deren stillschweigende Verallgemeinerung. Dass die USA intensiv untersucht werden, ist angesichts ihres politischen Gewichts plausibel. Problematisch wird es, wenn Studien über die Vereinigten Staaten vorgeben, Polarisierung schlechthin zu behandeln, während andere Länder lediglich zur Illustration und Bestätigung einer bereits feststehenden Diagnose herangezogen werden. M. Falkenberg et al. (2026): Toward an integrated and globally equitable understanding of political polarization. Nature Communications 17:8338. DOI: 10.1038/s41467-026-76110-5
