FAZ 05.06.2026
19:00 Uhr

Sparpläne: Pharmafrust statt Pharmawunder


Jetzt streicht die Branche Stellen. Das hatte sie dem Kanzler angedroht.

Sparpläne: Pharmafrust statt Pharmawunder

Der alte Goethe hat es mal wieder am schönsten in Worte gefasst. „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, lässt er Klärchen im „Egmont“ ihre emotionale Achterbahnfahrt beschreiben. Ganz ähnlich hört es sich an, wenn Pharmamanager über ihr Verhältnis zur Bundesregierung sprechen, namentlich zu Kanzler Friedrich Merz und seiner Gesundheitsministerin Nina Warken (beide CDU). Himmelhoch jauchzend, das war vor zwei Jahren. Merz war noch ein angriffslustiger Oppositionsführer im Bundestag und Stargast beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Die Manager samt Verbandspräsident Oliver Kirst klatschten eifrig, weil Merz die Innovationskraft der Arzneimittelhersteller und ihre Bedeutung für den Wirtschaftsstandort so sehr hervorhob, dass die Zukunft rosig schien. Aus der Pharmabranche kamen damals ohnehin schon bemerkenswert viele Jubelmeldungen, dabei war noch jemand anders Kanzler. Während die Autokonzerne reihenweise Stellen strichen, kündigten Bayer und Merck, Roche und Boehringer Ingelheim hierzulande eine neue Investition nach der anderen an. „Deutschland, glücklich Pharmaland“, schrieb die F.A.S. dazu. Zu Tode betrübt, das ist heute. Merz und Warken treiben mit der schwarz-roten Koalition ein Gesetz voran, das die Krankenkassen vor dem Kollaps bewahren soll. Es sieht Sparmaßnahmen an vielen Stellen vor. Nächsten Donnerstag soll der Bundestag zum ersten Mal über den Gesetzesentwurf beraten. Die Arzneimittelhersteller halten zwei Punkte für besonders schlecht: Sie sollen die Preise für ihre Produkte bis 2030 generell nicht erhöhen dürfen, egal wie ihre Fertigungskosten steigen mögen. Je nach Kassenlage der gesetzlichen Krankenversicherung sollen sie überdies zu Rabatten verpflichtet werden können. Nun wurde an ein und demselben Tag bekannt, dass sowohl das Familienunternehmen Boehringer Ingelheim aus Rheinland-Pfalz als auch Eli Lilly aus den USA, der zurzeit wertvollste Pharmakonzern der Welt, ihre Investitionspläne für Deutschland empfindlich kürzen. Es geht zusammen um rund zwei Milliarden Euro, die entgegen früherer Überlegungen nach Ansicht der Manager anderswo sinnvoller angelegt wären als in der Bundesrepublik. Zur Begründung verweisen beide Firmen auf die geplanten Gesetzesänderungen. Ob das die beiden Hiobsbotschaften komplett erklärt, sei dahingestellt. Sicher ist, dass sie für Warken und Merz keine Überraschung sein konnten. Der F.A.S. liegt jedenfalls ein Brief ans Kanzleramt vor, in dem BPI-Chef Kirst schon vor Wochen genau davor warnte. „Investitionen in Forschung, Entwicklung, Produktion und Arbeitsplätze werden zurückgestellt oder ganz gestrichen“, lautete seine Prognose. Nächste Woche will der Pharmaverband in Berlin trotzdem sein fünfundsiebzigjähriges Bestehen feiern. Oliver Kirst, der BPI-Chef, hat sich dem Vernehmen nach für seinen Auftritt ein paar gesalzene Worte zurechtgelegt. Als „Strafgebühr für Innovationen“ bezeichnete er die Rabattideen der Bundesregierung zuletzt gegenüber der F.A.S. Unter diesen Bedingungen werde jede Investition zu einem unkalkulierbaren Risiko. Friedrich Merz wird dem vorläufigen Programm für die Verbandsversammlung zufolge diesmal übrigens nicht dabei sein, Nina Warken wird bloß eine Videobotschaft schicken. So schnell ändern sich die Zeiten. Eine Antwort auf den Brief, sagt ein BPI-Sprecher, habe man bisher nicht erhalten.