FAZ 07.05.2026
10:24 Uhr

Sprachcoach Für Filmstar: „Ich habe versucht, es Russell Crowe auszureden“


Wie redet man als Hollywoodstar mit einem deutschen Akzent wie Hermann Göring? Die Schauspielerin Nova Meierhenrich hat Russell Crowe für das Drama „Nürnberg“ Sprachtraining gegeben.

Sprachcoach Für Filmstar: „Ich habe versucht, es Russell Crowe auszureden“

Einen Tag vor dem Jahrestag des Kriegsendes startet in den deutschen Kinos das Filmdrama „Nürnberg“. Der Hollywoodstar und Oscarpreisträger Russell Crowe spielt darin den im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher angeklagten Hermann Göring. Um überzeugend Deutsch beziehungsweise Englisch mit deutschem Akzent zu sprechen, hatte Crowe, wie er vergangenes Jahr beim Filmfest Zürich erzählte, die „verrückte Idee“, sich Unterstützung durch eine deutsche Kollegin zu holen, die er zwei Jahrzehnte zuvor getroffen hatte: Nova Meierhenrich. Wir haben mit ihr über ihre Zusammenarbeit mit Russell Crowe gesprochen; wer das Ergebnis einschätzen möchte, wird sich den Film statt in der deutschen Synchronfassung im Original anschauen müssen. Frau Meierhenrich, Russell Crowe selbst hat darauf gedrungen, Sie für den Film „Nürnberg“ als seinen persönlichen „Dialect Coach“ zu verpflichten. Kennengelernt hatten Sie beide sich vor rund 20 Jahren. Wie haben Sie es damals geschafft, den Mann so nachhaltig zu beeindrucken, dass er sich Jahrzehnte später an Sie erinnerte? Keine Ahnung! Da müssten Sie Russell Crowe fragen. Ich hatte ihn damals interviewt, und wir haben uns einfach gut verstanden und sind über die Jahre beruflich und privat in Kontakt geblieben. Auf seinen Wunsch hin hatte ich über die Jahre praktisch alle seine Deutschland-Premieren moderiert – aber wir hatten zwischendurch auch zehn Jahre mal gar keinen Kontakt. Nach einer etwas längeren Funkstille hat er mich dann für diesen Job ganz gezielt angefragt. Sie sind Moderatorin und Schauspielerin. Wie groß war Ihre Überraschung, dass er genau mit diesem Ansinnen an Sie herantrat? Ich war natürlich überrascht – und ich habe, ehrlich gesagt, auch versucht, es ihm auszureden. Ich habe ihm angeboten, ihm den besten Coach zu besorgen, den ich in Deutschland für diesen Job auftreiben kann. Es ist ja eine große Verantwortung, und Dialect Coach ist nicht mein Ausbildungsberuf. Doch er hat sich nicht abbringen lassen und gesagt, er möchte das genau so. Und er hat gefragt, ob ich für die Drehzeit freibekommen könnte. Das hat geklappt, und so war ich ein paar Monate später in Budapest. In der Stadt, in welcher der Film gedreht wurde. Als Sie dorthin aufbrachen, war Ihnen immer noch etwas mulmig zumute, oder waren Sie überzeugt, dass Sie die Sache packen würden? Natürlich ist einem ein bisschen mulmig zumute, wenn man einen neuen Job antritt, die Aufregung steigt vor jedem Projekt. Diese Aufregung ist aber auch schön, denn sie hält die Aufmerksamkeit hoch. Bei dem Film waren vier Oscarpreisträger am Set, und allein diesen Leuten drei Monate bei der Arbeit zusehen zu dürfen, war für mich als Schauspielerin ein Geschenk. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt aber auch schon extrem in die Vorbereitung geschmissen. Hatten Sie sich vorab Aufnahmen von Hermann Göring angehört, um seine spezifische Sprachfärbung zu studieren? Ich habe mir sehr viele deutsche Politiker angehört, die englische Reden gehalten haben. Göring hat gut Englisch gesprochen, das am Anfang seiner Inhaftierung aber geheim gehalten; das hat ihm die Möglichkeit gegeben, sich mehr Gedanken über seine Antworten zu machen, und er hat gehofft, dass man sich vor ihm freier unterhält, weil man davon ausgeht, dass er es nicht versteht. Das hat er relativ lange aufrechterhalten. Es ging also um das Deutsche an sich, aber auch um das Englische mit einem gewissen deutschen Akzent. Normalerweise versucht man als Deutscher ja mit allen Mitteln, sich seinen Akzent abzutrainieren, um im Ausland eben nicht als deutsch erkannt zu werden. Sie haben jetzt für ihn extra so sprechen müssen. Ja, aber Russell Crowe ist ein absoluter Perfektionist und hatte sich das schon lange für sich selbst erarbeitet. Er hatte sich mit der Rolle schon zehn Jahre auseinandergesetzt, das Skript lag unfassbar lange auf seinem Schreibtisch. Zum Drehstart gab es wohl niemanden, der Hermann Göring so gut kannte wie Russell Crowe. Er war so tief in der Thematik, in den Wesenszügen dieser Figur, hatte alle Literatur, die auf diesem Planeten dazu existiert, schon verschlungen. Noch mehr hätte wohl allenfalls Göring selbst gewusst. Haben Sie miteinander auch mal über die deutsche Geschichte diskutiert? Nein, die Drehtage haben frühmorgens begonnen und spätabends geendet, dafür blieb daneben überhaupt keine Zeit. Wenn er sich mit jemandem über die Rolle ausgetauscht hat, dann mit James Vanderbilt, dem Regisseur. Wie genau sah Ihre Arbeit mit Crowe aus? Wenn er gedreht hat, saß ich grundsätzlich von der ersten bis zur letzten Szene mit Kopfhörern und dem Drehbuch in der Hand am Set und habe mitgehört. An den Wochenenden haben wir die Szenen für die nächsten Tage erarbeitet. Das heißt, Sie mussten immer wieder mal selbst bei schauspielerisch gelungenen Szenen dazwischenfunken und sagen: Leider war hier die Aussprache nicht ganz sauber? Ja, und das ist mir am Anfang nicht leichtgefallen. Aber da er, wie gesagt, perfektionistisch ist, hätte er es mir übelgenommen, wenn ich ihn nicht darauf hingewiesen hätte. Doch bei solchen Projekten werden, anders als bei Filmen in Deutschland, an manchen Tagen nur ein oder zwei Szenen gedreht. Da ist genug Zeit, an solchen Sachen zu arbeiten. Sie sagen, Crowe sei ein Vollprofi. Ist er auch ein Sprachtalent? Total. Ein Großteil der Szenen, in denen er Deutsch spricht, ist gleich am ersten Tag gedreht worden, da waren die schlimmsten Wörter dabei: Herzrhythmusstörungen! Mich hat das sehr beeindruckt. Wo waren für ihn die größten Fallstricke? Das deutsche „ch“ zum Beispiel dürfte für englische Muttersprachler schwierig sein. So genau kann ich das gar nicht sagen. Aber ich glaube, nachdem man jeden Tag hundertmal „Reichsmarschall“ sagen musste, ist diese Hürde auch genommen. Es war eine große Herausforderung – aber eine, die sehr viel Spaß gemacht hat. Wie spricht er Ihren auch nicht eben unkomplizierten Nachnamen aus? Immer wieder mal ein bisschen anders! Beim Filmfestival in Zürich, wo er vergangenes Jahr auf der Bühne interviewt wurde, klang es nach „Meyenreick“. Er hat in Zürich eine Masterclass gegeben und sehr wertschätzend über unsere Zusammenarbeit gesprochen. Ich saß im Publikum und habe gedacht: Wow, das hätte er nicht tun müssen! Hermann Göring soll das Englische gut verstanden haben, gesprochen hat er während des Prozesses aber fast ausschließlich Deutsch, das von Simultandolmetschern übersetzt wurde. Im Film allerdings spricht er mit dem ihm zugeteilten Psychologen und vor Gericht die ganze Zeit Englisch … Das mag eine künstlerische Entscheidung von James Vanderbilt sein, dazu kann ich gar nichts sagen. Und dieses Englisch, obzwar mit deutschem Akzent, wirkt ausgesprochen elaboriert und elegant. Nun haben Zeugen Göring in dessen Nürnberger Monaten ohnehin als irritierend charmant und leutselig beschrieben, bei Crowe aber wirkt er sogar noch eine Spur schlauer und charismatischer. Hätte man nicht ein paar Fehler in Görings Englisch einarbeiten sollen? Das denke ich nicht. Göring hat wirklich sehr gut Englisch gesprochen! Fehler einzubauen, wäre dann ja auch historisch nicht richtig gewesen. Ich glaube, für Russell Crowe ist es eine Gratwanderung gewesen: Einmal dieses charmante, einnehmende Wesen zu spielen, das man Göring nachsagt, andererseits auch klarzumachen, was für ein schlimmer Mensch er war. Ich fand es unglaublich spannend, auch weil Crowe viel erzählt und mir Hintergründe erklärt hat, die mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst waren. Oft war es wie Geschichtsunterricht. Sie sind ja immer wieder auch als Schauspielerin tätig. Wäre da bei „Nürnberg“ nicht auch noch eine kleine Rolle für eine blonde deutsche Frau drin gewesen? Nein, darum ging’s ja gar nicht. Ich war in einer komplett anderen Position dort, und es war genau richtig so. Hat sich mit dem Dialect Coaching jetzt ein weiterer Karriereweg für Sie aufgetan? Wenn sich Dinge in die Richtung ergeben, dann bin ich, glaube ich, mit offenen Armen dabei. Das Coaching an sich ist mir gar nicht fern, ich arbeite seit vielen Jahren als Trainerin für Führungskräfte. Die Arbeit am Film hat mir viel Spaß gemacht, und ich bin Russell dankbar, dass er mir diese Chance gegeben hat: Jemanden, den er vor 20 Jahren kennengelernt hat, so nah an sich ranzulassen, das ist ein riesiger Vertrauensbeweis.