FAZ 25.09.2026
13:40 Uhr

Stadtrat entscheidet: Gedenken lieber auf dem Friedhof


Im sächsischen Heidenau hat der Stadtrat auf Antrag von AfD und CDU beschlossen, keine Stolpersteine mehr zu verlegen. Die Steine erinnern an verfolgte Juden.

Stadtrat entscheidet: Gedenken lieber auf dem Friedhof

Es ist ein Vorgang, der weit über die Grenzen von Heidenau Beachtung und Kritik hervorruft. Denn in der sächsischen Stadt mit knapp 17.000 Einwohnern hat der Stadtrat am Donnerstagabend beschlossen: „Eine Verlegung von sogenannten Stolpersteinen im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich wird künftig abgelehnt.“ Für den Antrag stimmten 13 Stadträte, nur sechs stimmten dagegen. Es gab eine Enthaltung. Eingebracht hatten den Antrag Stadträte der AfD, der CDU und eines Bürgerbündnisses. Wer wie abstimmte, lässt sich nicht sagen. Die AfD hatte am Donnerstag eine geheime Abstimmung beantragt. Nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung sagte die Heidenauer CDU-Fraktionsvorsitzende Cornelia Schmiedel, in ihrer Fraktion gebe es unterschiedliche Auffassungen zu den Stolpersteinen. Sie wolle zustimmen. Ein Stadtrat der rechtsextremen Freien Sachsen kündigte an, er werde mit Ja stimmen. Einer aus dem Bürgerbündnis sagte laut einem Bericht der „Sächsischen Zeitung“, er befürchte „goldene Straßen“. Initiative hatte sieben weitere Stolpersteine beantragt Den Antrag hatten fünf Stadträte der AfD, zwei der CDU sowie Stadträte des „Bündnisses Oberelbe für mehr Demokratie“ schon im Dezember eingebracht. Die Stadtverwaltung stellte sich in der Beschlussvorlage gegen ein Verbot der Stolpersteine. Das Gedenken an den Nationalsozialismus solle „öffentlich zugänglich, im Stadtbild wahrnehmbar und in den Alltag der Einwohnerinnen und Einwohner eingebunden sein“, hieß es. Stolpersteine werden meist in den Gehweg vor dem letzten Wohnort von Opfern des Nationalsozialismus eingelassen. Mittlerweile erinnern mehr als 120.000 solcher Steine in 31 Ländern an zumeist jüdische Verfolgte des Naziregimes. Auf kleinen, goldfarbenen Messingplatten, die auf den Steinen angebracht sind, sind die Namen der Opfer eingraviert. In Heidenau gibt es fünf Stolpersteine, einer erinnert an den ehemaligen Bürgermeister Paul Gröger, der bis 1933 im Amt war. Das Alternative Kultur- und Bildungszentrum Sachsen stellte im vorigen Jahr einen Antrag auf die Verlegung von sieben weiteren Stolpersteinen in der Stadt. Dagegen richtete sich nun der Beschluss des Stadtrats. Statt weiterer Stolpersteine solle vielmehr eine zentrale Gedenkfläche „für die Opfer von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in Heidenau“ geschaffen werden, „vorzugsweise auf der bestehenden Gedenkfläche des Heidenauer Nordfriedhofs“, heißt es darin. „Schäbiger Versuch, Opfer der Nazis aus der Stadt zu werfen“ Der Beschluss löste Empörung und scharfe Kritik aus. Die Geschäftsführerin der Stolperstein-Stiftung, Katja Demnig, sprach von einem „einzigartigen Vorgang“. Es sei bedenklich, dass demokratische Parteien einen solchen Antrag unterstützten. Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, sagte: „Dies ist ein durchsichtiger und schäbiger Versuch, Heidenauer Opfer der Nazis erneut aus der Stadt hinauszuwerfen und sie dahin zu entsorgen, wohin das Gedenken nach Meinung der AfD schon längst gehört: auf den Friedhof.“ Dass CDU-Abgeordnete der AfD „zu solchen Schäbigkeiten die Hand reichen“, sei ein Skandal. Bisher werden nur in München Stolpersteine nach einem Stadtratsbeschluss von 2015 nicht auf städtischem Grund verlegt. Der Beschluss kam zustande, weil Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die Stolpersteine entschieden ablehnt. „Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Menschen, auf die man schon auf dem Boden liegend immer weiter eintrat und die mit schweren ledernen, stahlbekappten Stiefeln in die Transporter getreten wurden“, hatte sie gesagt. In München fragen die Mitglieder der Stolperstein-Initiative aber die Hausbesitzer, ob sie die Gedenksteine verlegen dürfen. Auch weisen zahlreiche Tafeln vor Häusern auf das Schicksal verfolgter früherer jüdischer Bewohner hin.