FAZ 09.05.2026
17:31 Uhr

Start-up Enviotech: Gegen gefährliche, dunkle Straßen


Das Start-up Enviotech hat ein Modul und eine Software entwickelt, durch die sich Straßenlaternen zentral steuern lassen. Erste Investoren schießen Geld zu, unter anderem ein ehemaliger Deutsche-Bank-CEO.

Start-up Enviotech: Gegen gefährliche, dunkle Straßen

Straßenlaternen statt Bankkarriere. Dafür haben sich Linh Pham und Adrian Rhaese entschieden. Beide lernten sich im Digital Banking kennen. Doch der Impuls, der sie ausgerechnet zur Straßenbeleuchtung führte, kam von draußen, aus dem Erlebnis der Gefahr dunkler Straßen: Ein enger Freund von Rhaese war mit dem Fahrrad gestürzt, weil aus Kostengründen Laternen abgeschaltet worden waren. Damit das nicht mehr passiert, haben die beiden in Frankfurt Enviotech gegründet. Ein Start-up, mit dem sie die Straßenbeleuchtung digitalisieren, zentral steuern und damit effizienter machen möchten. Diesem Vorhaben vertrauen nun erste Kapitalgeber: Mehr als eine Million Euro hat Enviotech jüngst eingesammelt. Investoren sind unter anderen der frühere Ko-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, und der frühere Vorstandsvorsitzende der MAN SE, Joachim Drees. Das Frankfurter Start-up entwickelt eine Lösung, die es ermöglichen soll, bestehende Straßenlaternen nachzurüsten. Im Kern steht ein faustgroßes Retrofit-Modul, das bei kompatiblen Leuchten über standardisierte Schnittstellen installiert, das heißt, direkt auf die bestehende Leuchte aufgeschraubt wird. Der Handgriff selbst soll nur Sekunden dauern, der eigentliche Aufwand sind die Hebebühne, die Absicherung und die kurze Inbetriebnahme im System. Dadurch soll aus einer normalen LED-Straßenleuchte ein vernetzter Lichtpunkt werden. Bedarfsgerecht beleuchten Das Modul funktioniert im Kern auf drei Ebenen: Erstens kann die Beleuchtung durch das Modul gesteuert werden, das Modul sammelt relevante Betriebsdaten und kann auch mit Sensorik, etwa Bewegungsmeldern, kombiniert werden. Zweitens kommunizieren die Leuchten durch das Modul miteinander und mit der mit entwickelten Software. Dadurch können Kommunen einzelne Laternen, Straßenzüge oder Gebiete zentral steuern. Nähern sich etwa Menschen, Fahrräder oder Fahrzeuge, regelt die Beleuchtung bedarfsgerecht hoch, idealerweise nicht nur an einer Leuchte, sondern vorausschauend entlang des Straßenzugs. In ruhigen Zeiten wird gedimmt. So soll sich der Energieverbrauch um bis zu 80 Prozent reduzieren lassen, ohne dunkle Angsträume zu erzeugen. Drittens soll die Software die Möglichkeit bieten, Energieverbräuche zu analysieren und Ausfälle schneller zu erkennen. Das soll die Planung und Priorisierung von Wartungsarbeiten erleichtern.  Die Kunden zahlen für zwei Teile: einmalig für das Hardware-Bauteil und für die Software-Lizenz. Die Investition von Kunden, hauptsächlich stehen bisher Kommunen im Fokus, soll sich über den geringeren Energieverbrauch und weniger manuelle Wartungen refinanzieren. Rhaese ist der Techniker bei Enviotech. Er hat schon als Kind an Computern herumgebaut und sich intensiv mit Hardware auseinandergesetzt, baute zudem elektrische Leiterplatten. Später hat er sich im Selbststudium das Programmieren beigebracht. Pham bringt Strategie, Vertrieb, Kommunikation und Markenaufbau ins Start-up. Unternehmerin war sie früh. In jungen Jahren organisierte sie (mit ihren Eltern) in Mannheim einen Bubble-Tea-Ladenbetrieb mit zeitweise drei Standorten und 15 Mitarbeitern, parallel zum Abi, das sie mit 1,2 abschloss. Neben den früheren Managern hat das Unternehmen, das 2022 gegründet wurde, früh Rückenwind vom EWOR Fellowship bekommen, einem Gründerprogramm für Technologie-Start-ups, das als sehr selektiv gilt (2025 gab es laut Medienberichten 35.000 Bewerbungen bei 35 Plätzen). „Die besten Gründer jagen keinen Trends hinterher. Sie verfolgen Probleme, die sonst niemand lösen will“, sagt EWOR-Chef Daniel Dippold – eine Beschreibung, die er bei Enviotech als erfüllt ansieht. Mit dem frischen Kapital will das Team Pilotprojekte mit Kommunen und Infrastrukturpartnern ausweiten, das Produktportfolio vertiefen und die Basis für Wachstum legen. Operativ sitzt Enviotech seit Herbst 2025 im Futury-Start-up-Space am Bertramshof, wo der Austausch mit Gründern, Corporates und Investoren die Entwicklung beschleunigt. „Städte sollten nicht zwischen Energieeinsparung und Sicherheit entscheiden müssen“, sagt Rhaese. Enviotech will genau dieses Dilemma auflösen und das im Bestand. Oder, wie es die Gründer zusammenfassen: „Unser Ziel ist nicht, Städte neu zu bauen. Unser Ziel ist, das, was da ist, intelligenter zu machen.“