Das US-Militär hat eine beachtliche Streitmacht aufgeboten, um Handelsschiffe zu ermutigen, die riskante Fahrt durch die Straße von Hormus zu wagen. Zwei Flugzeugträger, mehr als hundert Flugzeuge, Kampfhubschrauber, Lenkwaffenzerstörer und 15.000 Soldaten sind an Donald Trumps „Projekt Freiheit“ beteiligt. Trotzdem haben sich am Montag nur zwei Handelsschiffe auf das Wagnis eingelassen. Das sind zwei von rund 2000 Schiffen mit insgesamt 20.000 Seeleuten, die seit Kriegsbeginn im Persischen Golf feststecken. Iran verhindert ihre Weiterfahrt nicht durch eine „Sperrung“ der Meerenge, sondern dadurch, dass es die Risiken und Kosten für die Reedereien mit Angriffsdrohungen und Minen schwer kalkulierbar macht. „Das US-Militär ist klar im Vorteil“ Wenn es noch eines Belegs bedurfte, dass die Handelsschifffahrt durch die Straße von Hormus allein mit militärischen Mitteln kaum zu erreichen ist, dann wurde dieser wohl am Montag geliefert. Zwar zeigte sich der Kommandeur des US-Zentralkommandos CENTCOM, Brad Cooper, zuversichtlich, dass die Operation Erfolg haben werde. „Das US-Militär ist klar im Vorteil“, äußerte er auf der Plattform X. Doch die Reedereien bewerten die Mission nach anderen Maßstäben: „Die jüngsten Angriffe auf Handelsschiffe und die weiterhin bestehende Bedrohungslage zeigen, wie angespannt und volatil die Situation bleibt“, sagte Martin Kröger, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Reeder, der F.A.Z. „Die Lage gewährleistet weiterhin keine verlässlich planbare oder dauerhaft abgesicherte Passage.“ Das hat nicht nur mit der Sicherheit der Seeleute zu tun, sondern auch damit, dass führende Kriegsrisiko-Versicherer bestehende Policen massenhaft gekündigt haben. Wer dennoch Versicherungsschutz sucht, muss mit erheblich höheren Beiträgen rechnen – die nach den Schusswechseln zwischen dem amerikanischen und dem iranischen Militär am Montag sicher nicht gesunken sind. Das gilt auch dann, wenn die iranischen Geschosse, wie Cooper betont, erfolgreich abgewehrt wurden. Um Verunsicherung zu stiften, reichte am Montag schon die Meldung über ein Feuer auf einem südkoreanischen Schiff, dessen Ursache noch gar nicht geklärt ist. Reeder warten auf belastbare Sicherheitsgarantien Der Verband Deutscher Reeder erklärt die geringe Zahl an Schiffen, die bislang Trumps Aufruf gefolgt sind, auch mit Informationslücken. „Unklar ist insbesondere, wie die sichere Durchfahrt konkret gewährleistet werden soll, welche Maßnahmen zur Gefahrenabwehr – etwa im Hinblick auf mögliche Minen – vorgesehen sind und wie die große Zahl an Schiffen praktisch koordiniert durch die Meerenge geführt werden kann.“ Ohne belastbare Sicherheitsgarantien, transparente Rahmenbedingungen und internationale Koordination könne der Schiffsverkehr nicht normalisiert werden, sagt Kröger. Auch die Reederei Hapag-Lloyd teilte mit, man habe „noch zu wenige Informationen, wie ein solcher Begleitschutz operativ sicher umgesetzt werden sollte“. Entsprechend selbstbewusst bewertet Iran die Lage. Das Feuergefecht mit dem US-Militär habe Teherans Kontrolle über die Meerenge sogar noch „stabilisiert“, schrieb Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf auf X. Er sprach von einer „neuen Gleichung“. Gemeint ist Teherans Anspruch, die Seestraße dauerhaft zu kontrollieren und für die Durchfahrt Gebühren zu kassieren, in Kooperation mit Oman. Schon am ersten Kriegstag Ende Februar hatte das iranische Militär die Straße von Hormus für „geschlossen“ erklärt. Am 1. März beschoss die Revolutionsgarde erstmals ein Schiff, um ihren Drohungen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Seither wurden 37 Angriffe gemeldet. Ursprünglich diente das dazu, den Ölpreis in die Höhe zu treiben, um den amerikanischen Präsidenten zu einer schnellen Beendigung des Krieges zu bewegen. Ein strategischer Hebel für Iran Längst hat Teheran erkannt, dass die geographische Lage an der Meerenge ein strategischer Hebel ist, der auf seine Gegner aufgrund der Kosten für die Weltwirtschaft genauso abschreckend wirken kann wie eine Atombombe. Der Oberste Führer Modschtaba Khamenei hat zuletzt in einer Rede bekräftigt, dass Iran diesen Hebel nicht mehr aus der Hand geben will. Er spricht von „neuen rechtlichen Regelungen und einer Verwaltung der Straße von Hormus“, die wirtschaftliche Vorteile bringen werde. Konkret schwebt Iran vor, dass als Sicherheitsabgabe verbrämte Transitgebühren die Kriegsschäden in Iran und anderen Ländern der Region decken sollen. Teheran braucht nicht viel, um die Weltwirtschaft weiterhin als Geisel zu halten. Es reichen ein paar Drohnen, Marschflugkörper und Schnellboote, die wohl keine Streitmacht der Welt ihnen vollständig nehmen kann, solange das Regime an der Macht ist. Die von Cooper angesprochene militärische Übermacht der USA hilft gegen die asymmetrische Kriegsführung Irans nur begrenzt weiter. Das gilt nicht nur für sein Arsenal an Tausenden kostengünstigen Drohnen, mit denen Iran Schiffe bedroht. Asymmetrisch waren am Montag auch die Vergeltungsschläge auf die emiratische Stadt Fudschaira. Mit ihnen gelang es Teheran abermals, den Ölpreis in die Höhe zu treiben, weil die Händler die Botschaft verstanden haben. Sie lautet: Wenn Iran in der Straße von Hormus unter Druck gerät, kann es auch Ölanlagen und Pipelines angreifen, mit denen Länder wie die Emirate die Meerenge umgehen wollen. Die Angst vor Seeminen Um Angst vor Seeminen zu schüren, muss Iran nicht einmal eine einzige Mine verlegen, wie der NATO-General Ingo Gerhartz, Befehlshaber des Allied Joint Force Command in Brunssum, neulich treffend bemerkte. Es genüge schon, wenn über die Existenz solcher Minen spekuliert werde. Die vom US-Militär koordinierte Passage zweier Schiffe vom Montag zeigt zumindest, dass es neben der von Iran vermarkteten Route eine weitere Route gibt, die nach Überzeugung des US-Militärs minenfrei ist. Sie führt durch omanische Hoheitsgewässer. Die bislang übliche Handelsroute bezeichnet das Zentralkommando der US-Marine dagegen als „extrem gefährlich aufgrund der Präsenz von Minen“. Laut einer unveröffentlichten Analyse des Pentagons, die dem Kongress zugeleitet wurde, könnte die Minenräumung in der Seestraße sechs Monate dauern. Daran will sich nach einem Ende des Krieges auch Deutschland mit dem Minenjagdboot „Fulda“ beteiligen. Um die Passage zu sichern, müssten die Truppen bleiben Der Militärexperte Ben Connable, ein pensionierter Major des US-Marinekorps, wurde neulich bei einer Veranstaltung des Middle East Institute gefragt, was aus seiner Sicht nötig wäre, um die Straße von Hormus militärisch vollständig abzusichern. Dafür sei es nötig, einen 600 Kilometer langen, 40 Kilometer breiten Küstenstreifen zu erobern, einschließlich der Hafenstadt Bandar Abbas mit mehr als 500.000 Einwohnern, sagte Connable. Mindestens drei Infanteriedivisionen wären dafür nötig. Allein die Eroberung würde nach seiner Einschätzung sechs Monate in Anspruch nehmen. Aber um die Meerenge zu sichern, müssten die Truppen bleiben. „Stellen Sie sich darauf ein, das 20 Jahre lang zu tun“, sagte Connable, der an der Georgetown University Sicherheitsstudien unterrichtet und die Battle Research Group Foundation leitet. Auch unter den europäischen Unterstützern einer internationalen Marinemission gibt es Zweifel daran, dass die Schifffahrt in der Straße von Hormus sich allein mit militärischen Mitteln wiederherstellen lässt. Deshalb fordert der französische Präsident Emmanuel Macron eine „zwischen Iran und den Vereinigten Staaten abgestimmte Wiedereröffnung“. Also eine Verhandlungslösung. Vorerst stecken 47 Schiffe deutscher Reedereien weiterhin im Persischen Golf fest. In einem Fall hatte sich die größte deutsche Schifffahrtslinie Hapag-Lloyd dazu entschieden, die Passage zu wagen. Mit Erfolg: Die „Tema Express“ befindet sich laut Trackingdienst Maritime Optima mittlerweile in Mumbai. Zu Beginn der Waffenruhe sind außerdem zwei Kreuzfahrtschiffe des weltweit größten Reisekonzerns TUI durch die Straße von Hormus gefahren – ohne Passagiere. „Mein Schiff 4“ und „Mein Schiff 5“ sind laut TUI auf dem Weg um das Kap der Guten Hoffnung ins Mittelmeer. Die Crew soll zumindest teilweise in Kapstadt wieder an Bord gehen.
