London, du hast es besser. Auch Paris hat es viel, viel besser. Wer dort in den Bahntunnels und Passagen musizieren will, braucht eine Lizenz. Und die beruht nicht nur, wie in Berlin im Netz der Verkehrsgesellschaft etwa, darauf, sich irgendwo anzustellen und sie zu kaufen. Man muss hören lassen, was man kann. Dass man was kann. Dass es hierzulande anders ist, könnte eine Erklärung dafür sein, warum unsere Ohren mittlerweile nur noch einen Song kennen: „Bella Ciao“. Bisweilen sofort erkennbar, oft genug in bizarren Melismen verborgen, die sich unter größtmöglichen Verknotungen irgendwann zum bekannten Refrain „ciao, ciao, ciao“ hinbewegen. Für das Üben werden Straßenmusiker leider nicht bezahlt. Auf der Zeil, in der B-Ebene der Hauptwache, in der Unterführung im Frankfurter Westen: tagtäglich, in Endlosschleifen, „Bella Ciao“. Irgendwo in Osteuropa, wo haldenweise all die ungenutzten, ausgemusterten und gerade noch so bespielbaren Akkordeons der Welt lagern müssen, um an jene Straßenmusiker ausgegeben zu werden, die dann deutsche Bahnhöfe und Fußgängerzonen bespielen, muss es auch eine Art Agentur für Straßenmusik-Repertoire geben. Und die vermittelt, überaus erfolgreich, an all die angehenden musikalischen Grundversorger die Parole: Die Deutschen lieben „Bella Ciao“. Spielt es ihnen, Tag und Nacht, immer wieder von vorn. Sie werden es euch danken. Eine steile These. Schließlich hat das Lied, als Reispflückerinnen-Klage einst Volkslied, mit einem neuen Text erst richtig Karriere gemacht, als die Deutschen, von Herbst 1943 an, Italien in einem fürchterlichen Feldzug zu überrollen versuchten. Nachdem Mussolini einen Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen hatte, zogen Kriegsverbrechen und Massaker der Deutschen eine blutige Spur durch Italien, während die klandestine Partisanenarmee wuchs und wuchs und das Lied von jenem Partisanen, der unter einer Blume begraben wird, zur Hymne geworden ist. Erst über die linken Bewegungen der Sechzigerjahre kam das Lied zur Verbreitung, als die Achtundsechziger begannen, auch danach zu fragen, wo ihre Eltern in Krieg und Nationalsozialismus gewesen waren. Das spricht alles nicht so unbedingt dafür, ein Hit der Straße zu werden. Schuldfragen lockern in der Regel den Geldbeutel nicht. Es sei denn, die Sache wird ins Positive gewendet. Die Dreistigkeit und Gewissenlosigkeit, mit denen in der Netflix-Serie „Haus des Geldes“ der Großverbrecher „Professor“ und seine nach Städten benannten Ganoven ein Staatswesen durch die brutale Übernahme von Notendruckerei und Zentralbank in den Ruin treiben wollen, kam beim Publikum jedenfalls überaus gut an. Die Dalì-Masken, die sich bereichern wollen, angeblich, weil das auch gut für alle ist, sind eine der erfolgreichsten Streamingserien bislang. Und was trällert der „Professor“, dessen Ahnen mal auf der Seite der italienischen Partisanen standen? Den Sommerhit des Jahres 2018, „Bella Ciao“ im Netflix-Bumm-Bumm-Remix. Der wabert noch heute durch deutsche Fußgängerzonen. Womöglich doch mit einer geheimen Botschaft. Vor ein paar Tagen, als Passanten in Quedlinburg vor den Mikros der Journalisten unverblümt ihre Liebe zur AfD bekundeten, was erklang im Hintergrund? Die antifaschistische Widerstandshymne, in schiefen Akkordeontönen.
