Die kleinen Bäche oberhalb von Birstein sind trockengefallen, die Wiesen gelb bis braun, Kühe finden kein Gras mehr. Daran ändert auch der einsetzende Regen erst mal wenig. Denn aus der kleinen Gemeinde in Hessen fließen jedes Jahr zwei Millionen Kubikmeter Trinkwasser nach Frankfurt. Seit Jahrzehnten kommt das Stadtwasser aus dem Vogelsberg, dessen Wasservorräte lange Zeit als unerschöpflich galten. Daran gibt es aber nicht erst seit diesem Jahr Zweifel. Günther Lißmann ist Sprecher der Interessengemeinschaft zum Schutz des Wasserhaushaltes im Vogelsberg. Er ärgerte sich besonders, als der Versorger Hessenwasser zwar zum Wassersparen anhielt, aber betonte, es stehe grundsätzlich genug Wasser zur Verfügung. Lißmann erkennt darin ein fehlendes Problembewusstsein. Er sagt: „Den Frankfurtern ist nicht bewusst, woher ihr Wasser kommt und wie viel sie verbrauchen.“ Insgesamt hält er die Bemühungen der Großstadt zum Wassersparen für unzureichend. Der Bürgermeister von Birstein, Fabian Fehl (SPD), nimmt eine wachsende Unruhe in seiner Gemeinde wahr. Vor ein paar Tagen gab es einige Kilometer entfernt im Landkreises einen großen Waldbrand, der die Sorgen noch verschärfte. Die Birsteiner haben keinen Einfluss darauf, was mit dem Grundwasser geschieht, das sich unter ihnen befindet. So sieht es das deutsche Recht vor, denn Wasser hat keinen Besitzer. Vor drei Jahren stellte der Wasserverband Kinzig, ein kommunales Unternehmen, einen Antrag, die Fördermenge zu verdoppeln, das Regierungspräsidium Darmstadt gab dem statt. Ein alter Konflikt brach daraufhin wieder auf: In den Achtzigerjahren hatte es massive Proteste gegeben, Förderbrunnen wurden angezündet, von einem „Birsteiner Wasserkrieg“ war die Rede. Erst eine Begrenzung der Fördermenge beruhigte die Lage. 2023 klagten die Umweltorganisation BUND und die Gemeinde Birstein gegen die Entscheidung des Regierungspräsidiums am Verwaltungsgericht Frankfurt. Eine Entscheidung steht noch aus. Unsicherheitsfaktor Klimakrise Bei Genehmigungen orientieren sich Behörden wie das Regierungspräsidium daran, dass nur ein kleiner Teil des Wassers entnommen wird, damit sich wieder ausreichend neu bilden kann. Der Wasserforscher David Kuhn sagt: „Da geht es um komplexe Modelle, die Niederschlagsmengen der Vergangenheit berücksichtigen. Die Klimakrise ist der große Unsicherheitsfaktor.“ Weil niemand genau vorhersagen könne, wie sich die Grundwasserneubildung vor dem Hintergrund dessen entwickele, gebe es in Regionen die Sorge, dass schon heute zu viel verbraucht werde. Am Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt, an dem Kuhn arbeitet, entstand im vergangenen Jahr eine viel beachtete Studie, die untersuchte, ob deutschlandweit zu viel Grundwasser entnommen wird. Dafür gingen die Forscher von der Annahme aus, dass eine Entnahme von 20 Prozent der neu gebildeten Menge nachhaltig ist. Der Wert gilt in der Wissenschaft als Richtwert, kann sich regional aber unterscheiden. Rund 80 Prozent des neu gebildeten Grundwassers sollten im Untergrund verbleiben, damit abhängige Ökosysteme keinen Schaden nehmen, so Kuhn. Das Ergebnis der Studie war, dass diese Orientierungsmarke in vielen Regionen Deutschlands überschritten wird. Die Situation dürfte sich in diesem Jahr verschärft haben. Von 288 Grundwasserpegeln bundesweit waren Ende Juli mehr als 150 niedrig, sehr niedrig oder extrem niedrig, wie das Niedrigwasserinformationssystem der Bundesanstalt für Gewässerkunde zeigte. Städte wie München oder Offenbach warnten, dass das Wasser knapp wird. „Sinkt der Grundwasserspiegel, kann das schwere Folgen für Ökosysteme haben und dazu führen, dass die Verbindungen zu Oberflächengewässern abreißen“, sagt Wasserforscher Kuhn. Von der Wasserförderung profitiert Birstein nicht Durch das Absinken könne wiederum Wasser aus großen Flüssen ins Grundwasser dringen, zu einem Absinken der Flusspegel führen und insgesamt die Grundwasserqualität in tieferen Erdschichten verschlechtern. Dadurch kann die Aufbereitung des Grundwassers zu Trinkwasser deutlich aufwendiger werden als bisher. In Birstein ist strittig, welche Konsequenzen die Wasserentnahme hat. Insgesamt sind die Pegel auch hier über die Jahre deutlich gesunken. Während die Bürgerinitiative in Birstein die ökologischen Folgen für gegeben hält, bestreiten das die Wasserversorger. Die Gemeinde fördert nun eigene Messstellen, um eine „bessere Faktengrundlage“ zu schaffen, so der Bürgermeister. Seit Kurzem gibt es in Birstein einen weiteren Konflikt um Wasser. So soll ein elf Hektar großes Rechenzentrum mit einer IT-Leistung von bis zu 200 Megawatt bis 2028 gebaut werden. Neben der Frage der Größe stören sich viele Bürger am hohen Verbrauch von Wasser, das zur Kühlung benötigt wird. Bürgermeister Fehl verweist darauf, dass die Wassermenge auf 10.000 Kubikmeter Wasser vertraglich begrenzt worden sei. „Das ist nur ein kleiner Bruchteil dessen, was ins Rhein-Main-Gebiet fließt.“ Im Unterschied dazu profitiert die Gemeinde von Zahlungen des Unternehmens in einen Fonds, mit dessen Hilfe die Wärmedämmung an öffentlichen und privaten Gebäuden im Ort finanziert wird. Insgesamt handelt es sich um rund 20 Millionen Euro über 15 Jahre. Aktivist Lißmann ist das Rechenzentrum etwas zu groß, aber er sieht die Zahlungen und mögliche wirtschaftliche Effekte für die ländliche Region. Er verweist darauf, dass aus dem Vogelsberg insgesamt, also auch aus umliegenden Gemeinden von Birstein, sieben Millionen Kubikmeter „wertvollsten Trinkwassers“ ins Rhein-Main-Gebiet fließen, dafür bekomme man „keinen Cent“.
