Eine Zwischenbilanz der Koalition nach einem Jahr wollte Sandra Maischberger liefern, und schon der Aufbau der Sendung zeigte, dass die Redaktion dabei auf Zuspitzung setzte. Erst gab es die übliche Vorrunde zum Zustand der Republik, danach aber das eigentliche Fernsehversprechen: Jens Spahn und Heidi Reichinnek im Zweikampf. Der Unionspolitiker Spahn geht die Linke Reichinnek gern mit Spott über ihre Tattoos und Warnungen vorm Sozialismus an, Reichinnek wiederum ist für schnelle Verbalkonter bekannt. Doch bevor die beiden Fraktionschefs aufeinandertrafen, sollten zwei Journalisten und ein Kabarettist ausdeuten, was falsch läuft in der Koalition: Gabor Steingart, Herausgeber von Pioneer Media, Katharina Hamberger, die Hauptstadtkorrespondentin des Deutschlandfunks, und Jürgen Becker, bekannt aus den WDR-„Mitternachtsspitzen“. Komiker Becker hatte keine Geduld mit Friedrich Merz. Man merke, dass der Kanzler nie zuvor ein politisches Führungsamt gehabt habe: Merz sei „noch in der Ausbildung“, lästerte Becker zum Auftakt. Während der sozialdemokratische Vorgänger Olaf Scholz „kaum was gesagt“ habe, haue Christdemokrat Merz die Dinge so raus, wie es ihm gerade passe. Das sei nach dem Geräuschvermeider Scholz eine Art Kulturschock für die Leute. Stillstand in Deutschland? Hamberger kleidete den Unmut über die holprige Regierungsarbeit in analytischere Begriffe: Realität und Erwartung klafften angesichts der Reform-Rhetorik weit auseinander. Allerdings könne die Regierung die notwendigen Reformen auch aufgrund der vielen gleichzeitigen Krisen im In- und Ausland gar nicht so schnell umsetzen. Steingart machte sich die Position der Unternehmerverbände zu eigen: Der „Tanker Bundesrepublik“ bewege sich im Gegensatz zu anderen Ländern gar nicht. Verglichen mit dem, was andere Nationen seit der Pandemie geschafft hätten, gebe es eine „riesige Wohlstandslücke“, sagte der Journalist. Noch habe die Wirtschaft nicht mit Merz gebrochen, viele Unternehmer seien aber enttäuscht, weil es mit der Entlastung und Deregulierung nicht vorangehe. In der Kanzlerdemokratie habe Merz eigentlich viel Macht, sagte Steingart, „aber der Mann tut nichts“. Hambergers Kritik, die Verteilungsfrage werde zu wenig berücksichtigt, wies er zurück. Bei den Problemen Deutschlands gehe es nicht um die Gerechtigkeitsfrage, sondern darum, den wirtschaftlichen Stillstand zu beseitigen und Wachstum zu ermöglichen, sagte der ehemalige „Handelsblatt“-Herausgeber. In einem Punkt nahm Kabarettist Becker den Kanzler in Schutz: Dass der SPD-Fraktionsvorsitzende Matthias Miersch gesagt hatte, so könne man kein Kanzleramt führen, sei „ein Foul“ gewesen. Beide Parteien müssten eigentlich besser wissen, wie man effektiv zusammenarbeite. Die Union müsse sich langfristig auch einer Zusammenarbeit mit der Linkspartei öffnen, fand Becker, während Hamberger warnte, dass sich CDU und CSU in dem Fall auch in Richtung AfD öffnen würden. Steingart widersprach: Alle Parteien müssten miteinander reden und „Brandmauern“ seien sinnlos. Der Bundestag sei einfach „divers“ und das „Volk“ nun einmal das Volk. Kalauer von links Zur Frage der sozialen Gerechtigkeit wollte Becker dann einen innovativen Vorschlag machen. Reiche verursachten doch viel mehr CO2-Emissionen als Arme, so der Komiker. Man solle also einfach den Obdachlosen Emissions-Zertifikate geben – wenn die Wohlhabenden nach Ibiza fliegen wollten, müssten sie dann erst einmal „fünf Hunnies in den Hut werfen“. Abgesehen von diesem amüsanten Einwurf bewegte sich die Debatte bis zum Auftritt von Spahn und Reichinnek in den üblichen Bahnen. Den Schlagabtausch leitete Maischberger zwecks maximaler Konfrontation mit einem Clip ein, in dem Spahn Reichinnek abkanzelte: Mit „Tattoos und TikTok“ plus Antisemitismus werde es mit den Linken „nicht besser als bei Honecker“. Damit war der Ton gesetzt. Reichinnek wehrte sich: Palästinasolidarität sei kein Antisemitismus. Doch direkt konfrontiert mit den Beschlüssen des Landesverbandes in Niedersachsen, der im Frühjahr verkündet hatte, man lehne den „real existierenden Zionismus“ ab, wich die Fraktionsvorsitzende aus und beantwortete die Frage nicht. Maischberger ließ sie gewähren, so dass sich das Gespräch dann um den Umgang mit der AfD drehte. Spahn warf den Linken vor, im Bundestag Beifall für die rechte Partei zu klatschen, wenn es um die Ukraine und Putin gehe, Reichinnek war empört und sagte: „Sie lügen!“ Maischberger lenkte das Gespräch anschließend auf die Auseinandersetzungen um die Gesundheits- und Steuerreform. Reichinnek beklagte die Rhetorik von Merz gegenüber arbeitenden Menschen. Diese würden beschimpft, ihnen werde Faulheit unterstellt, dabei gingen die Sparpläne auf ihre Kosten. Bloß keine Nullrunden bei Diäten Nun war Spahn dran mit Ausweichen, als Maischberger ihm einen Ausschnitt aus einem ihrer letzten Gespräche mit CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann vorspielte. Linnemann hatte gesagt, dass die Glaubwürdigkeit der Koalition auf dem Spiel stehe, wenn immer nur mittlere und geringe Einkommen belastet würden. Man müsse darüber nachdenken, etwa die Diäten der Abgeordneten nicht zu erhöhen. Spahn druckste etwas herum und sagte, es gebe einen gut begründeten Mechanismus, die Abgeordnetenbezüge an die Lohnentwicklung anzupassen. Die gespannte Atmosphäre zwischen ihm und Reichinnek besserte sich nicht lange, als Maischberger den Unionspolitiker darauf hinwies, dass er seine Kollegin nicht ansehe. Das war Spahn dann doch ein wenig peinlich, und kurz suchte man ein paar Gemeinsamkeiten, Stichwort Mütterrente. Doch das Thema soziale Gerechtigkeit führte schnell wieder zum Konflikt zurück: Spahn sagte, die Union wolle nicht Menschen, denen es gut gehe, etwas wegnehmen, sondern stattdessen die anderen in die Lage versetzen, besser für sich selbst zu sorgen. Man nehme aber allen etwas weg, wenn etwa öffentliche Mittel in den Gemeinden gekürzt würden, konterte Reichinnek – Spahns Politik sei darauf ausgerichtet, seine „reichen Buddies“ nicht zu belasten. Abschreckungslücke Richtung Russland Maischbergers letzter Gesprächspartner war Wolfgang Ischinger, früher Botschafter in den USA und Großbritannien. Von ihm wollte die Moderatorin zum Ende der Sendung noch wissen, ob sich Merz im Umgang mit Donald Trump geschickt verhalte. Dass der Kanzler dem amerikanischen Präsidenten vorgehalten hatte, der habe keine Strategie und Iran demütige die USA, sei „vermutlich nicht klug“ gewesen, meinte Ischinger. Trump interpretiere das so, als mache Deutschland gemeinsame Sache mit der amerikanischen Opposition. Dass die USA 5000 Soldaten aus Deutschland abziehen, sei nicht gut, weil das Signal der Schwächung natürlich auch in Moskau ankomme. Das größere Problem sei aber, dass die USA die Marschflugkörper nun doch nicht im Land stationieren wollten. Um angesichts der russischen atomar bestückbaren Mittelstreckenraketen eine gute Verhandlungsposition zu haben, hätte Deutschland diese Raketen gebraucht, so der Diplomat. Ischinger wiederholte, was er schon in anderen Runden gesagt hatte: Europa müsse in den internationalen Konflikten mit einer Stimme sprechen. Den USA müsse man für die Bewältigung der Lage im Nahen Osten nach dem Krieg nun grundsätzlich Unterstützung signalisieren. Nur dann könne Europa fordern, dass die Amerikaner sie wiederum in der Ukraine nicht allein ließen. Er wundere sich, dass die EU nie einen Sonderbotschafter für die Konflikte in der Ukraine, Gaza und Iran bestimmt habe, sagte Ischinger. Man könne ja ihn schicken, lachte Maischberger zum Abschied – eine Antwort darauf erwartete sie nicht.
