FAZ 31.05.2026
08:10 Uhr

Tag des Fachwerks 2026: „Man muss Liebhaber sein“


Das Leben in einem Fachwerkhaus steckt voller Herausforderungen. Zwei Eigentümer aus Offenbach und Frankfurt-Höchst erzählen, warum sie dennoch nie woanders wohnen wollen.

Tag des Fachwerks 2026: „Man muss Liebhaber sein“

Wie begleitet man ein Fachwerkhaus durch die Jahrzehnte, sodass seine Geschichte sichtbar bleibt und der Alltag der Bewohner dennoch funktioniert? Dominik Mangelmann und Bernd Kuske‑Schmittinger haben sehr unterschiedliche Wege zum Fachwerk gefunden und kommen doch bei ähnlichen Ansichten an. Beide erleben täglich, dass ein solches Haus nie „fertig“ ist, und empfinden genau das als Teil seines Reizes. Dominik Mangelmann ist Bauingenieur und Fachwerkfan aus Überzeugung und zugleich mit seinem Haus familiär verbunden. Das Fachwerkhaus in Offenbach wurde von seinen Vorfahren erbaut. Auf seinem Stammbaum tauchen in der siebten Vorfahrengeneration Peter und Katharina Maith auf, die zusammen mit Katharinas Mutter, Anna Petermann, das Haus im Jahre 1699 erbauten. Mangelmanns Begeisterung wuchs mit dem Dom-Römer-Projekt in Frankfurt, das er selbst mit angestoßen hat: Die „Neue Altstadt“ wurde unter seiner Mithilfe teilweise rekonstruiert. In dieser Zeit begann er, das Fachwerk als „idealtypische Wohnhauskonstruktion“ zu sehen. Sein Haus in Offenbach erzählt ihm täglich Baugeschichte. Die Grundsubstanz beschreibt er als überraschend gut, doch die Spuren vergangener Eingriffe sind überall sichtbar. Mitte des 19. Jahrhunderts ließ der jüdische Besitzer Isaac Bamberger das Gelände für eine Synagoge aufschütten. Dabei gelangten Balken ins Erdreich und verfaulten im Laufe der Jahrzehnte. Heute ist das Gebäude nach hinten abgesackt, zwischen Vorder- und Rückseite liegt ein spürbarer Höhenunterschied. „Mit einem eigenen Haus ist man nie fertig“ Bei der Sanierung versuchte Mangelmann, so viel Originalsubstanz wie möglich zu retten. Viele Lehmgefache blieben erhalten, andere mussten weichen, weil das Holz dahinter geschädigt war. Zeitweise stand der vordere Teil des Hauses auf vier Holzstützen, während im Erdgeschoss Wände ersetzt wurden. Am Ende war der Innenausbau vollständig erneuert, der Dachstuhl dagegen fast unangetastet. Für Mangelmann bestätigt sich der oft zitierte Satz, dass man „mit einem eigenen Haus nie fertig wird“. Er meint das nicht dramatisch, sondern als nüchterne Feststellung. Nach einer gründlichen Sanierung bleibe der Alltag zwar nicht baustellenfrei, aber er werde beherrschbar, wenn man die Bauweise verstanden habe. Wichtig ist ihm, Fachwerk als eigenes System zu begreifen. Ein Haus aus Holz, Lehm und Kalk funktioniert anders als ein moderner Neubau mit dichten Schichten und Dämmstoffen. Anstriche, Zementputze oder schnelle „Verschönerungen“ aus dem Baumarkt können Feuchtigkeit einschließen und Schäden verursachen. Wer in einem Fachwerkhaus lebt, sollte sich darauf einlassen, passende Materialien zu verwenden, vor Umbauten Rat einzuholen und Handwerker zu wählen, die mit der Bauart vertraut sind. Mangelmann ist überzeugt: Auch Berufstätige ohne Ingenieursstudium können in einem Fachwerkhaus gut wohnen, wenn die Sanierung von Beginn an fachgerecht erfolgt ist und man bereit ist, die Logik der historischen Materialien zu respektieren. Das Haus reagiert auf Wetter und Jahreszeiten Bernd Kuske‑Schmittinger ist kein Bauingenieur, sondern jemand, der sich in ein konkretes Haus verliebt hat. Seit 1993 lebt er mit seiner Familie in einem Fachwerkhaus mit dem Baujahr 1865 in der Höchster Altstadt. Das Haus ist das jüngste in der Straße. Der Einstieg war vergleichsweise komfortabel. Ein Architekt hatte das Gebäude Ende der Siebzigerjahre bereits grundlegend saniert, Balken ersetzt und entkernt. Kuske‑Schmittinger erinnert sich daran, dass nur wenige Arbeiten nötig waren, bevor er mit seiner Familie einziehen konnte. Eine Eichentreppe, die unter mehreren Lackschichten verborgen war, legte er gemeinsam mit einem Freund frei. Eine Woche lang war die Schleifmaschine im Einsatz. Über die Jahre ist das Haus für Kuske-Schmittinger zu einem Gegenüber geworden, das sich bewegt und verändert. Die Holzkonstruktion reagiert auf Wetter und Jahreszeiten, vom Gefach bröckelt Putz, Holz muss nachgestrichen werden. Regelmäßige Malerarbeiten und kleine Ausbesserungen gehören für ihn dazu. Wenn größere Eingriffe nötig sind,  führt kein Weg an Fachleuten vorbei: Fenster ließ er von einer spezialisierten Firma einbauen, Holzschäden an Toren übernimmt ein Schreiner, die Sanitärtechnik und der Innenausbau wurden von Handwerksbetrieben erledigt. Die Grenze zwischen Eigenleistung und Profi‑Arbeit zieht Kuske-Schmittinger dort, wo Tragwerk, Technik oder Denkmalschutz im Spiel sind. Hausliebe trifft Denkmalschutz Auch Kuske‑Schmittinger erlebt den Denkmalschutz als dauerhaften Rahmen. Außen darf er nur mit Holzfenstern arbeiten, Farben werden mit der Denkmalpflege abgestimmt. Innen hat er Gestaltungsfreiheit, achtet aber trotzdem darauf, dass Böden und Materialien zum Haus passen. Er hält die Kontrolle durch die Behörden grundsätzlich für sinnvoll, weil sie aus seiner Sicht verhindert, dass das historische Erscheinungsbild verloren geht. Zugleich beschreibt er, dass die Auflagen jede Sanierung teurer machten und manche Eigentümer schlicht überforderten. In seinen Augen wäre mancher Kompromiss wünschenswert, etwa bei technischen Neuerungen wie speziellen Dachsteinen oder Solaranlagen. Dominik Mangelmann blickt über sein eigenes Haus hinaus auf die Region. Er sieht das größte Potential zunächst in dem, was bereits vorhanden ist: Fachwerkhäusern, die ordentlich instand gesetzt sind und Eigentümern gehören, die Respekt vor der Substanz haben. In Frankfurt und den eingemeindeten Stadtteilen erkennt er zahlreiche unsanierte Gebäude in schlechtem Zustand, darunter auch Fachwerk, das unter Verputz verborgen ist und „im Verborgenen“ weiter verfällt. Er kritisiert, dass heruntergekommene Häuser häufig an Investoren gehen, die sie als billigen Wohnraum nutzten und weiter ruinierten – genau dort, so sagt er, sei der Denkmalschutz eigentlich das Instrument, um gegenzusteuern. „Wenn die Stadt nichts tut, wird die Höchster Altstadt verfallen“ Bernd Kuske‑Schmittinger formuliert diese Sorge mit Blick auf Höchst besonders zugespitzt. Er warnt davor, dass die Altstadt in den kommenden Jahren weiter verfallen könnte, wenn nicht entschieden gehandelt wird. Er beobachtet, dass auch Fachwerkhäuser, die der Stadt gehören, zunehmend Schaden nehmen und aus seiner Sicht zu wenig unternommen wird, um das aufzuhalten. „Wenn die Stadt nichts tut, wird die Höchster Altstadt verfallen“, warnt er. Ein Gebäude sei bereits abgerissen worden, weil es zu lange vernachlässigt worden sei. Wenn sich nichts ändere, werde dies auch bei anderen Häusern die Konsequenz sein. Für ihn ist klar: Private Bereitschaft zur Instandhaltung reicht nicht, wenn die öffentliche Hand und die Kommunalpolitik nicht mitziehen. Beide Eigentümer warnen deshalb davor, die Risiken bei einem Fachwerkhauskauf zu unterschätzen. Mangelmann weist darauf hin, dass man vor dem Kauf nie genau wisse, was sich hinter Putz und Verkleidungen verbirgt. Er rät, ein Fachwerkhaus grundsätzlich gemeinsam mit einem erfahrenen Zimmerer oder Architekten zu besichtigen, der sich nachweislich mit Fachwerksanierungen auskennt. Seiner Erfahrung nach können gut gemeinte Standardempfehlungen aus Ausbildung oder Neubau-Praxis im Fachwerk das Gegenteil von dem bewirken, was notwendig wäre. Kuske‑Schmittinger formuliert einen ähnlichen Rat. Er empfiehlt, bei einem Kauf zumindest eine sachkundige Person mitzunehmen, die beurteilen kann, ob der Preis zum Zustand passt und welche Überraschungen drohen. Trotz aller Arbeit und Unsicherheit würden beide ihr Fachwerk nicht eintauschen. Mangelmann sieht in dieser Bauweise weiterhin ein ideales Wohnhaus, wenn sie richtig behandelt wird. Kuske‑Schmittinger spricht davon, dass man Liebhaber sein müsse. Er beschreibt das Raumklima als angenehm und hebt hervor, dass die Räume im Sommer angenehm kühl bleiben und in der kalten Jahreszeit schnell warm werden. Für ihn ist es selbstverständlich, dass die alten Balken arbeiten und Spinnen in der Nähe des Efeus an der Fassade einziehen. Das sei ein Zeichen dafür, dass sich das Leben im Haus wohlfühlt.