FAZ 21.05.2026
14:25 Uhr

Tennis bei TC Bad Homburg: Prinzen, Partys und Pokale


Der TC Bad Homburg ist der älteste Tennisklub auf dem europäischen Festland. In 150 Jahren hat er Spieler und Schlagersänger angezogen. Und einen Erfinder, ohne den es keine Sandplatzturniere gäbe.

Tennis bei TC Bad Homburg: Prinzen, Partys und Pokale

London, Paris, Bad Homburg: Das klingt nicht nur gut, es passt auch prima zusammen. Zumindest im Tennissport, wo der Weg von Wimbledons Rasenplätzen zu dem Ziegelmehlbelag von Roland Garros nur über den Traditionsklub aus dem Taunus führt. In der Geschichte des Sports ist der TC Bad Homburg so etwas wie das Bindeglied zwischen den beiden europäischen Grand-Slam-Turnieren. Als 1876 der erste und damit älteste Tennisklub auf dem europäischen Festland gegründet wurde, spielten Einheimische und Kurgäste zunächst wie in England üblich auf Rasen. Weil aber das Gras im Kurpark nicht so grünte wie in den feuchteren Gefilden Britanniens, suchte man einen besseren Untergrund. Eine Basaltmischung erwies sich als ungeeignet, weil die schwarze Asche die Bälle und Bekleidung – damals alles weiß – verschmutzte. Die Lösung erfand Friedrich Becker 1898. Als Bad Homburger Platzwart ließ er ausrangierte Blumenschalen aus rotem Ton zermahlen und das feine Mehl auf die Tennisplätze auftragen. Eine Idee, die um die Welt ging. „Ohne Fritz Beckers Erfindergeist wäre Roland Garros’ in dieser Form wohl nicht entstanden“, sagt Holger Reuter, als Kurdirektor so etwas wie ein nachgeborener Vorgesetzter des 1913 verstorbenen Angestellten der Bad Homburger Kurverwaltung. „Champagnerluft“ und internationales Flair Ältester Klub auf dem Kontinent, Erfinder der Sandplätze, dazu die bis heute herrliche Lage im Kurpark, mit „Champagnerluft“ und internationalem Flair: Der TC Bad Homburg könnte sich einiges einbilden auf seine Geschichte. Doch was der Vereinsvorsitzende Hans Bröer vor allem hervorhebt, ist „Hochachtung und Dankbarkeit“ für all jene, die den Verein in den nunmehr 150 Jahren seines Bestehens zu dem gemacht haben, was er heute ist: ein Tennisklub mit 800 Mitgliedern, der – in gewissem Rahmen – leistungssportliche Ansprüche hat, ohne dabei den Breitensport zu vernachlässigen. Und der Wert darauf legt, dass die Mitglieder nicht kommen und gehen, sondern sich integrieren. „Wir wollen nicht, dass der Klub nur noch als Dienstleister gesehen wird“, sagte Bröer gegenüber der F.A.Z. In der Vereinssatzung ist daher geregelt, dass ein Jugendlicher nur aufgenommen wird, wenn mindestens ein Elternteil mindestens passives Mitglied wird. „Es soll eine Verbindung zum Klub bestehen“, sagt Bröer: „Ein Ausbildungsverein wollen wir nicht sein.“ Ein geringer Anspruch würde der glorreichen Geschichte des TC Bad Hamburg auch gar nicht gerecht. Angefangen hat das Tennisspiel im Kurpark 1876, als sich englische Kurgäste in Reifröcken oder Anzügen die Bälle gemächlich über ein Netz spielten. 1890 übernahm die Stadt- und Badeverwaltung die Anlage und erweiterte sie von acht auf 25 Tennisplätze. Die Gesellschaft, die sich auf dem Rasen und nach Beckers Erfindung auf Ziegelmehl die Ehre gab, war so international wie elitär. Kronprinzen, Großherzöge und Staatsmänner aus der alten Welt spielten mit Millionären aus Amerika. Von 1902 an gab sich der Hochadel regelmäßig ein Stelldichein, um beim „Challenge Cup“ zuzuschauen. „Der Klub lebt immer auch von Highlights“ Zu den Siegern des Doppelwettbewerbs gehörte der Australier Harry Hopman, nach dem später das bekannte internationale Mixedturnier zu Beginn jeder Profisaison benannt wurde, und der Deutsche Otto Froitzheim, der 1914 im Wimbledonfinale stand und in London 1908 Olympia-Silber gewann. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Bad Homburger Interessengemeinschaft, die sich zum Tennisspielen traf und einlud, 1922 als Klub neu gegründet, nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte 1945 der nächste Neustart mit Eintrag ins Vereinsregister. Die Zeitläufe, Platzbeläge und Tennismoden mögen sich im Laufe der Jahrzehnte verändert haben. Weitgehend treu geblieben ist sich der TC Bad Homburg in seinem Anliegen, hochklassige Wettkämpfe auszurichten. „Der Klub lebt immer auch von Highlights“, sagt der Vereinsvorsitzende Hans Bröer: „Klubmitglieder lassen sich vor allem motivieren, wenn man Highlights hat.“ Nach dem Challenge Cup und den Internationalen Tennismeisterschaften von Deutschland (1898 bis 1902) wurde der Kurpark im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts zum Austragungsort von Länderspielen der Davis Cup Herren (1970 und 1976) und der Federation Cup Frauen (1973). Hinzu kommen 47 Hessische Meisterschaften auf der Anlage. Seit der Premiere der Bad Homburg Open 2021 wird im Kurpark wieder auf Rasen gespielt. Dass sie die weiblichen Tennisstars aus der Nähe erleben können, freut die TC-Mitglieder; abfinden müssen sie sich damit, dass sie wegen des WTA-Turniers und seiner Auf- und Abbauarbeiten drei Juniwochen lang nicht auf der Anlage spielen können. Als Dankeschön hat der Verein Angelique Kerber, dreimalige Grand-Slam-Turniersiegerin sowie Mitgründerin und Sportdirektorin der Bad Homburg Open, jüngst zu seinem sechsten Ehrenmitglied gemacht. Zu dem Kreis gehört auch Kerbers Kurzeittrainer Rainer Schüttler, der 2003 im Finale der Australian Open stand und wie sein verstorbener Trainer und Manager Dirk Hordorff aktives Vereinsmitglied war. Seit das von Hordorff ausgeklügelte und von Großsponsor Winfried Hoffmann gepäppelte Bundesliga-Experiment der ersten Herrenmannschaft nach dem zweiten Platz 1998 scheiterte, gehen die sportlichen Ambitionen selten über Hessens Landesgrenzen hinaus. Die Leitlinie lautet: Aus jeder Altersklasse, von der Jugend bis zu den Senioren, soll eine Mannschaft mindestens in der Hessenliga vertreten sein. „Das haben wir über Jahrzehnte weitestgehend erreicht“, sagt Bröer. Partys in Pyjama oder Bikini Auf Landesebene zu spielen, sei noch zu finanzieren. In den Klassen darüber wird die Luft selbst für einen Klub wie den TC Bad Homburg dünn. Die Regionalliga oder dergleichen sei „nicht attraktiv, weil die Lokalderbys fehlen und ein Gegner vom Bodensee kaum Zuschauer anlockt“. Dass Ausreißer nach oben trotzdem möglich sind, hat zuletzt die Bundesligamannschaft der über dreißigjährigen Herren gezeigt. In diesem Jahr musste sich die Auswahl allerdings aus der Eliteklasse zurückziehen, weil ihr Sponsorengeld und Spieler ausgingen. Apropos Geld, das ausgeht: Gelegentlich, so erzählt man sich im Kurpark, sei so manche Siegprämie, die auf dem Tennisplatz verdient wurde, in der benachbarten „Tennis Bar“ oder in der nahe gelegenen Spielbank verjubelt worden. Während im Casino eher Diskretion vorherrscht, es diskret zugeht, ging es in der „Tennis Bar“ für viele ersichtlich heiß her. Partys in Pyjama oder Bikini, dazu viele Promis aus Deutschland und der Welt: von Johnny Cash bis Howard Carpendale, von Fats Domino bis Jürgen Drews, dazu die berühmten Udos (Jürgens und Lindenberg) und viele mehr. Bad Homburger Nächte waren nicht nur lang, sondern auch feucht und fröhlich. 2006 war nach knapp sechzig Jahren Highlife Schluss mit lustig. Der legendäre Nachtklub wurde abgerissen, weil die Kur- und Kongress GmbH einen gesünderen Lebenswandel bevorzugte und an Ort und Stelle lieber ein schickes Fitnessstudio einrichten ließ. Weitgehend geblieben ist der Sand auf den Tennisplätzen. Heute allerdings muss niemand mehr wie einst Fritze Becker Blumenschalen mit der Kugelmühle zerkleinern. Das wäre vermutlich auch gar nicht in Ordnung, unterliegt das Tennismehl von heute doch der DIN 18035-5. Bei der Herstellung und Verbreitung der roten Körnchen kommt es unter anderem auf Wasserdurchlässigkeit, Frostbeständigkeit, Verschleißbeständigkeit und Korngrößenverteilung an. Der Erfinder bekam den globalen Siegeszug des Ziegelmehls nicht mehr mit und verdiente auch nichts mit seiner Idee. Patentieren ließ sich Becker seine Erfindung nicht. „Er wollte ein Problem lösen und hat nicht bedacht, wie kann ich den Gewinn maximieren“, sagte Kurdirektor Reuter. Zwei Söhne setzten Beckers Werk in Wiesbaden fort, ihr Unternehmen „Gebrüder Becker“ spezialisierte sich auf Sportstättenbau. Auf Carl Becker geht Kunststoffgranulat als gelenkschonender Untergrund zurück. Aber das ist wieder eine andere und nicht ganz so große Erfolgsgeschichte aus Hessen.