Die Zukunft war früher auch besser, hat Karl Valentin behauptet. Besser ist ein großes Wort, „anders“ passt womöglich. Im Jahr 2026 leben die Reichen in der Oberstadt in Saus und Braus, regiert von einem neuen Turm zu Babel aus. In der Unterstadt schuften die Arbeiter rund um die Uhr, um das System am Laufen zu halten. Ganz so ist es nicht gekommen, wie sich Thea von Harbou das im Drehbuch für Fritz Langs Film „Metropolis“ (1927) ausgedacht hat, der 2026 spielt. Oder ist da doch ein Körnchen Wahrheit enthalten? Wenn man auf die heruntergekommenen Ecken der Stadt schaut, auf die wie verloren dahintreibenden Leute, auf dicke Autos, Autos, Autos? Die gibt es in Massen auch schon in „Metropolis“. Wer in Wiesbaden nicht heimisch ist, wird mit „Metropolis Wiesbaden“, einem riesigen Musiktheater ohne Bühnenhandlung, mit der Stadt als Hauptdarstellerin, überraschende Eindrücke gewinnen. Wer dort lebt, vermutlich auch, denn es fällt ein fremder Blick auf das Gewohnte. Zweieinhalb Stunden lang geht es für die Film-Performance durch Wiesbaden, das Publikum sitzt während dieser Reise vor einer Leinwand im Großen Haus des Staatstheaters. Draußen wird den fünf Darstellern Lennart Preining, Sandrine Zenner, Tabea Buser, Adi Hrustemović und Timur Frey Ungeheures abverlangt: Klettern, Rennen, mutiges Performen zwischen Passanten, die zum Teil lachen und sofort die Smartphones zum Filmen zücken, zum Teil aber auch nicht gerade begeistert aussehen. Sie meistern diese auch für das Publikum streckenweise erschöpfende Aufgabe auf bewundernswerte Weise. Nicht immer wird klar, wozu sie dient. Regisseur Sebastian Nübling hat als Gast die weitere Innenstadt durchstreift und gesehen, was sie prägt. Es ist ein einigermaßen ernüchternder Befund. Viele Parkhäuser. Viel Leerstand. Sehr viel Gastronomie unterschiedlichen Niveaus, die sich, in den letzten warmen Sommertagen, auf die Straßen ausbreitet. In der anbrechenden Nacht viele kleine Gruppen, in den Parks, in den kalt erleuchteten Passagen, in den Parkhäusern. Wenn man nur richtig hinsieht, kann man, wie mit der von Fritz Lang so geschätzten Mehrfachbelichtung, die Bilder übereinander schieben, die Zukunftsfiktion von „Metropolis“ auf die Stadtbilder von Wiesbaden legen und teils poetische, teils auch unangenehme Fragen zulassen. Mit dieser Technik und mit den fünf Darstellern, die als grau geschminkte, grau gekleidete Gestalten zuerst, später in ungeheuren Phantasiekostümen als tanzender Tod und Pflanzenmonster durch die Stadt streifen, erkundet Nübling Wiesbaden. Man hätte daraus, es gibt Vorbilder, womöglich auch einen performativen Spaziergang machen können. Das Ergebnis auf der Leinwand verdankt sich dem gleich starken Schwerpunkt auf Gottfried Huppertz’ live gespielter Originalkomposition für den Film: Einem Mix aus Wagner, Rachmaninow und Jazz, aus Schmelz und viel Schmalz. Das Orchester als Mitspieler und das Draußen der Handlung müssen die versierten Kameraleute Jelin Nichele und Robin Nidecker verbinden. Dirigent Alejandro Jassán, der zu Beginn dem nicht sehr zahlreichen Premierenpublikum versichert, alles an diesem Abend sei live, empfiehlt sich mit dem Staatsorchester als Klangkörper, wenn 2027 die 100 Jahre Uraufführung von „Metropolis“ gefeiert werden. Umso überflüssiger wirken die wabernden Elektro-Loops, mit denen Jackie Poloni offenbar versuchen soll, das Zeitgenössisch-Urbane in die Performance zu hieven. Ebenso wie die neuen Zutaten in die mit Verve musizierte Filmmusik hineingrätschen, wirken auch die gestückelten Textpassagen von Stephan Langer und Sophie Steinbeck die meiste Zeit merkwürdig aufgesetzt und oft banal. Dabei versuchen sie, Motive des Films und seiner dubiosen Botschaft von der Versöhnung der Herrschenden mit den unterjochten Arbeitern, mit dem heutigen Unbehagen an der Unwirtlichkeit des Lebens zu verbinden. Das hat, zwischen viel trübem Befindlichkeitsmonolog, einige wenige starke Momente, sogar herzhaft komische. Es gibt viele gute Gründe, sich in Wiesbaden mit Langs „Metropolis“ zu befassen. Nicht nur das Jahr 2026, das zum Vergleich herausfordert. Der Film ist gewissermaßen in Wiesbaden zu Hause. Die dort ansässige Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung hegt mit „Metropolis“ sicher den zugkräftigsten Schatz. Der Film, 1927 ein Flop, gekürzt weiter vermarktet, ist ein Mythos geworden und UNESCO-Weltkulturerbe. Seine Rekonstruktion hat viel mit der erhaltenen Musik von Huppertz zu tun, die es erlaubte, das Stückwerk anhand seiner Anmerkungen und Leitmotive wieder zusammenzusetzen. 2008 waren die verschollenen 25 Minuten des Films in einer 16-Millimeter-Kopie in Buenos Aires wiedergefunden worden, 2010 konnte die erste vollständig restaurierte Fassung im 2K-Format parallel in Berlin und in der Alten Oper Frankfurt uraufgeführt werden – zu Huppertz’ Musik. Es war ein gigantischer Erfolg. Nun verspricht Christiane von Wahlert, die scheidende Vorständin der Murnau-Stiftung, für das Jubiläum 2027 eine „brillante“ Neufassung. Zum Hundertsten wird „Metropolis“ von der Stiftung derzeit ein weiteres Mal rekonstruiert, restauriert und digitalisiert, um in 4K gezeigt zu werden. Das ist nötig, um den Film weiter spielbar zu erhalten. Eine Grundvoraussetzung des derzeit viel diskutierten Förderprogramms Filmerbe, das, nach politischem Beschluss, 2028 enden soll und schon jetzt massiv gekürzt worden ist. „Metropolis Wiesbaden“ mag nicht vollends überzeugen – als Beleg dafür, wie wesentlich es ist, sich weiter mit dem Filmerbe auseinandersetzen zu können, steht der Mammutabend allemal. Metropolis Wiesbaden, nächste Vorstellungen am 18. September und 2. Oktober im Staatstheater Wiesbaden.
