FAZ 09.05.2026
16:27 Uhr

Trotz vieler Klagen: Wie Trump den Naturschutz abwickelt


Einst war Naturschutz in den USA Konsens. Nun unternimmt die Trump-Regierung alles, um ihn zu schwächen. Wo ist die Wildnisbegeisterung der Republikaner geblieben?

Trotz vieler Klagen: Wie Trump den Naturschutz abwickelt

Den Spitznamen für das Komitee, das kürzlich zusammenkam, hat sich nicht die aktuelle US-Regierung ausgedacht, seine sieben Mitglieder dürften aber nichts gegen ihn einzuwenden haben. Vertreter der Trump-Administration sehen sich bekanntlich gern im Auftrag einer höheren Macht unterwegs. „God Squad“, Gottes-Trupp, wird das Komitee für bedrohte Arten – die offizielle Bezeichnung – seit fast 50 Jahren genannt, weil es das Schicksal einer Art besiegeln kann. Sollte der Rice-Wal in ein paar Jahren ausgestorben sein, wird sich wohl eine Verbindung herstellen lassen zu einem Treffen im Frühjahr 2026, bei dem sich unter anderem Verteidigungsminister Pete Hegseth und Innenminister Doug Burgum einig waren, dass im Interesse nationaler Sicherheit die heimische Energieproduktion vorrangig sei und im Golf von Mexiko nicht von Regelungen zum Schutz bedrohter Arten behindert werden dürfe, erst recht mit dem Krieg in Iran. Einschränkungen, die die noch etwa 50 Exemplare umfassende Population der nur im Golf von Mexiko vorkommenden Walart schützen könnten – weniger Schiffsverkehr, kein Lärm von bei der Erdölsuche eingesetzten Unterwasser-Schallkanonen –, sollen nicht mehr gelten. Die Klagen von Naturschutzorganisationen folgten umgehend. Das Center for Biological Diversity begründete seine damit, dass das Verfahren nicht wie vom Endangered Species Act vorgeschrieben ablief. Keine 30 Minuten dauerte die auf Youtube abrufbare Sitzung, unabhängige Experten wurden nicht angehört. Als 1992 zum letzten Mal über eine solche Ausnahmeregelung verhandelt wurde, zogen sich die Besprechungen über vier Wochen hin. Es ging um Holzeinschlag in einem vom Nördlichen Fleckenkauz bewohnten Gebiet. Alle fünf Tage eine neue Klage Fünfzehn Monate nach dem Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit lässt sich an der Zahl der Klagen von Umweltverbänden ablesen, wie ernst er es meinte mit seiner Ankündigung, die heimische Energieproduktion ordentlich anzukurbeln und dem entgegenstehende „ideologisch motivierte“ Regulierungen zu beseitigen. So oft wie im Moment habe man noch nie Widerspruch eingelegt, schreibt Stephanie Kurose, Juristin beim Center for Biological Diversity, in einer E-Mail. Fast 100 seien es seit der Amtseinführung im Januar 2025 gewesen – macht im Durchschnitt eine alle fünf Tage. Das ist selbst für die Organisation viel, die die Klageeinreichung zu ihrem zentralen Kampfmittel gemacht hat. Eine Auswahl der vergangenen Wochen: Klage gegen die Erschließung eines Tiefsee-Ölfeldes im Golf von Mexiko durch das Unternehmen BP. Klage gegen die Aufhebung des vor 50 Jahren eingerichteten Schutzstatus einer Karibu-Migrationsroute in Alaska. Klage gegen die Erweiterung eines Kohlebergwerks in Montana. Klage gegen die Vergabe von Lizenzen für die Öl- und Gasförderung in der Westlichen Arktis, einem der am wenigsten erschlossenen Gebiete Alaskas. Für den Erhalt der Natur zu kämpfen, fühle sich derzeit an, als versuche man, eine Flut mit einem Eimer zu stoppen, schreibt Stephanie Kurose. Nicht nur sei die Trump-Administration dabei, den Fortschritt von Jahrzehnten beim Schutz von Land, Wildtieren, Luft, Wasser und Klima ungeschehen zu machen. Dazu komme die Erosion von Institutionen. Die Behörde, die die Regierung aktuell ins Visier genommen hat, ist die mehr als hundert Jahre alte Forstverwaltung. Das Agrarministerium spricht von Restrukturierung, Kritiker von Zerstörung. 57 der 77 wissenschaftlichen Einrichtungen des Forest Service, die unter anderem zu Waldbränden und zur Resilienz von Wäldern im Klimawandel forschen, sollen schließen. Der Hauptsitz der Verwaltung, die für mehr als 150 Wälder im ganzen Land zuständig ist, wird von Washington D. C. nach Salt Lake City in Utah verlegt. Für Trumps Projekt einer Demontage unliebsamer Bundesbehörden hat sich ein derartiges Vorgehen bereits bewährt. Als er in seiner ersten Amtszeit das Bureau of Land Management – zuständig für die Verwaltung und Verwertung öffentlichen Lands, darunter viele Schutzgebiete – mit dessen 330 Arbeitsplätzen nach Colorado verlegte, zogen nur 41 Mitarbeiter mit um, der Rest kündigte. Unter Joe Biden zog das Amt wieder in die Hauptstadt, doch der Verlust von Erfahrung und Expertise ließ sich nicht rückgängig machen. Mit einer ähnlichen Quote wird beim Umzug des viel größeren Forest Service gerechnet. Kein Zufall dürfte sein, dass die Behörde künftig in jenem Bundesstaat angesiedelt sein wird, dessen zuständiger Senator, der Republikaner Mike Lee, seit Jahren den Verkauf öffentlichen Landes, wozu auch Wälder gehören, an Entwickler propagiert. Wie der neue Leiter der Forstverwaltung, der zuvor bei einem der größten Holzproduzenten der USA gearbeitet hat, und wie der US-Präsident bemisst er den Wert eines Gebiets nach den Geschäftsmöglichkeiten, die es eröffnet. Auch Präsident Roosevelts Nachfahren legen Protest ein Nicht nur Naturschützer protestieren. Im Februar kam ein mit „Roosevelt“ unterzeichneter Brief beim US-Senat an. Das Vorhaben, in den Boundary Waters, einem von Flüssen durchzogenen Wildnisgebiet in Minnesota, Metalle abzubauen, sei nicht vereinbar mit dem Vermächtnis ihres Vorfahren Theodore Roosevelt, stand darin, und dass die vier Absender, Ur- und Ururenkel des 26. US-Präsidenten, noch nie gemeinsam einen Brief geschrieben hätten, was die Dringlichkeit des Anlasses belege. Die teils schon betagten Herren zitierten Roosevelts berühmten Satz über den Grand Canyon, „leave it as it is“, und beschworen die Senatoren, das Gebiet, das Roosevelt zum Ende seiner Präsidentschaft unter Schutz gestellt hatte, zu bewahren. Vergeblich, wie seit einigen Tagen klar ist. Der Senat beschloss die Aufhebung des von Joe Biden 2023 für 20 Jahre verhängten Bergbaustopps. Nicht ein Demokrat stimmte dafür, und nur zwei Republikaner dagegen. Der Brief der Roosevelt-Nachkommen richtete sich an alle Senatoren, gemeint waren aber die republikanischen. Es war ein Appell an den Stolz auf die Natur des Landes, der, jedenfalls, wenn diese sich imposant präsentiert, zum Selbstverständnis der Amerikaner gehört, seit Thomas Jefferson und der französische Naturforscher Comte de Buffon im 18. Jahrhundert darum stritten, welcher Kontinent größere Tiere hervorgebracht habe. Das Konzept, ausgewählte Gebiete vor menschlichem Zugriff zu schützen, ist eine von Amerika in die Welt exportierte Idee, der erste Nationalpark entstand 1872 in Yellowstone. Den Beginn eines systematischen Naturschutzes setzt der Historiker Douglas Brinkley, Autor mehrerer Bücher über US-Präsidenten und ihren Naturbezug, bei Theodore Roosevelt an. Roosevelt etablierte mehrere Nationalparks, viele Nationalwälder und 50 Vogelschutzgebiete, um Zugvögel vor der Begeisterung der Hutmacherbranche für ihre Federn zu retten. Die zweite Naturschutz-Welle begann in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts und war getragen von der in den USA maßgeblich von Rachel Carsons „Silent Spring“ beförderten Erkenntnis, dass es nicht genügt, Naturschönheiten abzuriegeln, wenn man Ökosysteme vor den Nebenwirkungen der Industriegesellschaft bewahren will. Unter dem Republikaner Richard Nixon entstand die Umweltgesetzgebung, die Donald Trump nun auszuhöhlen bemüht ist: der Clean Air Act, der Clean Water Act, der Endangered Species Act. Jenes Gesetz zum Schutz bedrohter Arten verabschiedete der Senat 1973 einstimmig. In einem Essay fragte der Politikwissenschaftler Stephen Lezak kürzlich, was aus der Wildnisbegeisterung der Republikaner geworden sei, die solch parteiübergreifende Zusammenarbeit möglich machte. Naturschutzorganisationen hätten ihm berichtet, dass Kontakte in die Regierungsbehörden hinein fast gänzlich abgerissen seien. Die anfängliche Hoffnung, mit Innenminister Doug Burgum, der sich gern als bodenständiger Cowboystiefelträger gibt und in dessen Büro ein Hirschkopf hängt, an eine konservativ-patriotische Naturverbundenheit anknüpfen zu können, wurde enttäuscht. Gleich nach Amtsantritt ließ Burgum überprüfen, inwieweit als „National Monuments“ ausgewiesene Schutzgebiete verkleinert werden könnten, und entließ ein Viertel der Nationalpark-Mitarbeiter. Einige mussten seitdem wieder eingestellt werden, dennoch blicken die unterbesetzten Nationalpark-Verwaltungen der beginnenden Hauptsaison mit Sorge entgegen. Die Roosevelt-Republikaner seien von den „Drinnen-Republikanern“ ersetzt worden, folgert Stephen Lezak. Deren Interesse an Landschaft ende am nächsten Golfplatz.