Signale für mehr Schub hat die Deutsche Lufthansa zum Auftakt ihres Aktionärstreffens eine ganze Menge gesendet. Der Konzern stockt seinen Anteil an der italienischen Gesellschaft ITA von 41 Prozent auf 90 Prozent auf, will im Juni eine entsprechende Option ziehen und 325 Millionen Euro zahlen. Lufthansa ordert zudem 20 weitere Langstreckenflugzeuge mit einem Listenpreis von 7,7 Milliarden Euro, die Bestellliste für die Flottenmodernisierung schwillt damit auf 232 Flugzeuge an. „2025 war ein Transformationsjahr, als solches war es sehr erfolgreich“, sagte der Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr auf der Hauptversammlung in Frankfurt. Der Umsatz habe eine Rekordhöhe von fast 40 Milliarden Euro erreicht. Bis zum Jahr 2030 solle der Konzern nun seine Profitabilität steigern, sodass dann vom Umsatz acht bis zehn Prozent als operatives Ergebnis bleiben. Im vergangenen Jahr lag die Marge bei 5,1 Prozent, in der Sparte mit der Lufthansa-Kernmarke waren es nur 0,9 Prozent. Ein Baustein für die Zukunft ist die internationale Expansion. Nach ITA soll die portugiesische Gesellschaft TAP in den Konzern geholt werden, Portugals Regierung will knapp 45 Prozent der Anteile verkaufen, Lufthansa bereitet gerade ein verbindliches Angebot vor, der Rivale Air France-KLM ebenso. Spohr verteidigte diesen Plan. „Als nationale Fluggesellschaft mit nur einem Heimatmarkt hätten wir heute im internationalen Wettbewerb keine Chance mehr“, sagte Spohr. Kritik an „ideologischem Kulturkampf gegen Fachgewerkschaften“ Mittlerweile sei der Konzern mit 840 Flugzeugen, von denen die Mehrheit nicht in Deutschland stationiert sei, zur größten Airlinegruppe außerhalb der USA aufgestiegen. Man führe Lufthansa 100 Jahre nach Gründung in die „dritte Epoche unserer Geschichte“, sagte Spohr. „Aus einer Gruppe von Airlines formen wir die Lufthansa Group.“ Die Mehrheitsübernahme von ITA soll im ersten Quartal 2027 abgeschlossen werden, sobald wettbewerbsrechtliche Freigaben vorlägen. Die Möglichkeit, die restlichen zehn Prozent vom italienischen Staat zu übernehmen, hat Lufthansa 2028. Redner auf der Hauptversammlung zogen indes keine uneingeschränkt positive Bilanz. Konflikte mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit und der Flugbegleiterorganisation UFO, die zuletzt mehrfach gestreikt hatten, stießen auf. Kritik richtete sich nicht nur an die Gewerkschaften, sondern auch n die Konzernführung. Hendrik Schmidt von der Fondsgesellschaft DWS warnte vor „anhaltenden Turbulenzen“. Eskalationen rissen „immer wieder ein Loch in die Gewinn- und Verlustrechnung.“ Lufthansa hatte die Streikschäden auf 40 Millionen Euro im ersten Quartal und 150 Millionen Euro im zweiten Quartal beziffert. Das vorgezogene und abrupte Ende der bestreikten Tochtergesellschaft Cityline werfe zudem Fragen zur Verlässlichkeit gegenüber Belegschaften auf, sagte Schmidt. Ein Redner, der sich als Pilot im Ruhestand vorstellte, sprach gar davon, unter seinen früheren Kollegen herrsche „Hass auf die Geschäftsführung“. Der UFO-Vorsitzende Joachim Vázquez Bürger warf dem Vorstand um Spohr einen „ideologischen Kulturkampf gegen Fachgewerkschaften“ vor, der durch Konflikte und Ausfälle die „Reputation der Lufthansa beschädigt“. Spohr verteidigte das vorgezogene Cityline-Aus. Dieses bringe eine Entlastung von einer halben Million Euro am Tag, etwa 180 Millionen Euro im Gesamtjahr. „Die Schönwetterphase ist vorbei“ Henrik Pontzen von Union Investment warnte davor, zur Margensteigerung „ständig auf neue Tochterfirmen zur Tarifumgehung auszuweichen“. Das zerstöre Vertrauen. Lufthansa hatte die Gesellschaften Discover und City Airlines mit niedrigeren Konditionen neu gegründet. Spohr sagte, nach dem Aus von Germanwings und Sun Express Deutschland in den Corona-Jahren sowie zuletzt von Cityline stünden nun keine weiteren Betriebsschließungen mehr an. UFO-Chef Vázquez Bürger forderte derweil vom Aufsichtsratsvorsitzenden Karl-Ludwig Kley, der mit dem Ende der Versammlung seinen Posten aus Altersgründen abgab, einen Teil seiner Gewerkschaftskritik zurückzunehmen. Kley hatte zur Jubiläumsfeier im April über „das wahre Lufthansa-Gen“ gesprochen und in Bezug auf demonstrierende Flugbegleiter und Piloten gesagt: „Offenbar tragen einige unserer Mitarbeiter ein anderes Gen in sich.“ Kley erwiderte nun Vázquez Bürger, er habe nicht über ein biologisches Gen gesprochen, sondern über ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Andere Zuhörer hätten ihm gesagt, er habe ihnen „aus der Seele gesprochen“. Pontzen sagte derweil, der designierte neue Aufsichtsratschef Johannes Teyssen werde dafür sorgen müssen, dass im Aufsichtsrat „wieder alle in einem Flugzeug sitzen und Arbeitnehmer wie Arbeitgeber in dieselbe Richtung steuern.“ Laut Ingo Speich von der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka werde Teyssen noch eine weitere „grundlegende“ Aufgabe zu erledigen haben: die Nachfolgersuche für Spohr. Dessen Vertrag läuft bis Ende 2028. Die Tarifkonflikte waren nicht der einzige Kritikpunkt. Während Großaktionär Klaus-Michael Kühne bei Lufthansa inzwischen die Beteiligungsschwelle von 20 Prozent gerade überschritten hat, sagte Speich, das Lufthansa-Jubiläum sei „kein Freifahrtschein für operative Schwäche.“ Lufthansa habe kein Problem mit ihrer Strategie, wohl aber mit deren Umsetzung. Der British-Airways-Mutterkonzern IAG sei mit einer Marge von rund 15 Prozent Lufthansa enteilt. Wenn dies die Lufthansa-Bilanz „bei eitel Sonnenschein“ sei, bleibe die Frage, wie die Zahlen bei einer trüben Wetterlage aussähen. „Die Schönwetterphase ist vorbei“, sagte Speich mit Blick auf die wegen des Irankriegs steigenden Kerosinpreise, die zu Streckenstreichungen führen.
