FAZ 09.05.2026
10:30 Uhr

Uli Hoeneß im Interview: „Was mit den Preisen für die WM in den USA passiert, lehne ich total ab“


Uli Hoeneß verrät im ausführlichen Gespräch, worum die Gegner den FC Bayern München beneiden, warum Handyfotos für ihn ein Fluch sind und welchen Fehler der Fußball-Weltverband FIFA begeht.

Uli Hoeneß im Interview: „Was mit den Preisen für die WM in den USA passiert, lehne ich total ab“

Herr Hoeneß, ist es in den vergangenen 25 Jahren vorgekommen, dass Sie sich auf ein Fußballspiel des FC Bayern nicht gefreut haben? Ja, als wir im Viertelfinale der Champions League 2009 gegen Barcelona gespielt haben. Die haben uns im Hinspiel nach Strich und Faden auseinandergenommen. Ich saß damals im Camp Nou noch neben Jürgen Klinsmann auf der Bank. So oft wie in der ersten Halbzeit dieses Spiels habe ich meinem Leben noch nie auf die Uhr geschaut – weil sie einfach nicht zu Ende gehen wollte. Als die erste Halbzeit des Hinspiels vorbei war, stand es 4:0 für den FC Barcelona. So ist das Spiel dann auch ausgegangen. Das war die größte Blamage für Bayern München. Wissen Sie warum? Die hatten Mitleid mit uns. Ich hatte das Gefühl, dass die in der Halbzeitpause gesagt haben: Jetzt machen wir mal ein bisschen langsamer. Auf das Rückspiel in München habe ich mich nicht gefreut. Aber am Fußballschauen haben Sie heute dieselbe Freude wie früher? Ja. Im Moment macht es mir richtig Spaß, unserer Mannschaft zuzuschauen. Ich gehe voller Vorfreude ins Stadion, weil jedes Mal etwas Außergewöhnliches passieren kann. Ich bin bei den Mannschaftssitzungen nicht dabei, aber ich habe das Gefühl, dass unser Trainer Vincent Kompany die Spieler extrem gut einstellt. Sie wissen immer, was zu tun ist. Gab es Phasen, in denen Sie auf einmal das Gefühl hatten, dass Sie die Freude am Fußballschauen verlieren? Wenn man so viele Titel gewinnt, so viele Höhen hat, meinen die Leute, es gibt keine Tiefen, aber die gibt es. Ich bin 1979 Manager geworden. Da gab es Krisen und – Moment, da fällt mir ein, wie wir 1992 unter Erich Ribbeck bei den Stuttgarter Kickers gespielt haben. Die Kickers haben das 1:0 geschossen, und auf einmal waren wir auf einem Abstiegsplatz. Da gibt es so ein Foto von mir, wie ich von der Bank falle, weil ich meinen Kopf in meine Hände gelegt und mich dabei zu weit nach vorn gebeugt hatte. Das war der Tiefpunkt. Am Ende stand es dann 1:1. Es gibt ehemalige Fußballspieler, die die Freude verloren haben. Neven Subotić, der mit Borussia Dortmund 2011 und 2012 die deutsche Meisterschaft gewonnen hat, sagt, dass der Fußball ihn nicht mehr interessiere. Wenn er das sagt, dann hat er den Fußball nie richtig geliebt. Entweder man ist mit dem Sport infiziert oder nicht. Ich bin es. Ich habe ein sehr ausgefülltes Leben, aber wenn am Wochenende keine Bundesliga ist, fehlt etwas. Fußball hat für mich eine Faszination, und ich scheine damit nicht allein zu sein. Warum ist Spitzensport wichtig? Die Antwort ist ganz einfach: In dieser digitalisierten Welt, in der die Menschen den ganzen Tag in ihr Handy oder ihren Laptop schauen, ist für erlebte Emotionen weniger Platz. Deswegen gehen die Leute ins Stadion. Da können sie sich aufregen, wenn einer einen Fehler macht. Und dann ist da die Gemeinschaft. Der Fußball, überhaupt der Sport, ist auch ein bisschen ein Familienersatz geworden. Als ich Manager wurde, hatten wir 8000 Mitglieder und wollten mit einer Aktion auf 10.000 Mitglieder kommen. Da haben wir gewirbelt und getrommelt, und als wir dann endlich das 10.000 Mitglied hatten, eine Frau, haben wir sie im Olympiastadion geehrt und ihr eine Jahreskarte geschenkt. Jetzt haben wir mehr als 430.000 Mitglieder. Wir bekommen jeden Monat 1000 neue Mitglieder, ohne Aktionen zu veranstalten. Warum? Die Menschen fühlen sich zugehörig zu dem Erlebnis Bayern München. Das ist für mich das Faszinierendste. Wenn Ihre Faszination und Ihre Freude nicht weniger geworden sind, ist es dann wenigstens Ihre Nervosität? Wie sieht ein Tag im Hause Hoeneß aus, wenn der FC Bayern am Abend ein großes Spiel in der Champions League hat? Die Nervosität hat etwas nachgelassen, aber wenn das Spiel beginnt, spüre ich sie dann doch wieder. Meine Frau ist noch verrückter als ich. Sie sagt, wir können wichtige Spiele nur gewinnen, wenn sie die erste Halbzeit mit mir im Wohnzimmer schaut und die zweite Halbzeit dann im Schlafzimmer. Gegen Freiburg hat’s geklappt. Gegen Real Madrid auch. Apropos Real Madrid. Wir wollen mit Ihnen auf die vergangenen 25 Jahre zurückblicken – und darüber sprechen, was sich mit dem Gegenwartswissen über die Zukunft des Fußballs sagen lässt. Auf dem Weg zum ersten Champions-League-Titel 2001 – nach drei Triumphen im Europapokal der Landesmeister (1974–1976) – gewann die damalige Mannschaft auch im Bernabéu. Welche Bedeutung hatte der Sieg 2001 dort für die Entwicklung des FC Bayern? Wenn du in Madrid gewinnst, denkst du danach, dass du über Wasser gehen kannst. Dann hast du das Gefühl: Jetzt kann kommen, wer mag. Dieses Gefühl ist auf unsere Mannschaft übergegangen und auf den Verein. Gut, im Endspiel in Mailand hatten wir etwas Glück – und einen unglaublichen Oliver Kahn. Der hatte wenige Elfmeter gehalten vorher, und plötzlich hält er im Elfmeterschießen des Champions-League-Finales gegen Valencia einen nach dem anderen. Ich schaue ganz selten alte Spiele an. Aber das Finale von 2001 stelle ich mir manchmal an. Und bis heute denke ich: Das können wir nicht gewinnen. Wenn ich sehe, wer da die Elfmeter bei uns geschossen hat: Linke, Lizarazu. Und der Erste, Paulo Sérgio, verschießt gleich. Nein, das ging nur gut wegen Oliver Kahn. Der hat Sachen gehalten, die kann man gar nicht halten. Am 30. September 2001 – vier Monate nach dem Finale von Mailand – ist in der ersten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf Seite 17 ein Interview mit Franz Beckenbauer veröffentlicht worden, dem damaligen Präsidenten des FC Bayern. Das wichtigste Thema: der anstehende Bürgerentscheid in München über den Bau einer neuen Fußballarena in Fröttmaning. War das Stadion, wie man heute sagen würde, der Gamechanger für den FC Bayern? Absolut. Aber ohne die WM 2006 hätte die Stadt München den Stadionbau nie genehmigt, deswegen müssen wir dem Franz noch ein Denkmal setzen, eines haben wir ihm ja schon gesetzt. Sie müssen wissen, dass der Oberbürgermeister Christian Ude damals bis zum letzten Tag dafür gekämpft hat, dass das Olympiastadion renoviert wird. Ich werde nie vergessen: Die entscheidende Pressekonferenz war an einem Donnerstag im Münchner Rathaus, wir hatten Mittwochabend in London gegen Arsenal gespielt. Einer von uns musste da hin. Da hat der Franz gesagt: Ich geh. Er ist morgens um sechs oder sieben von London nach München geflogen, wo der Architekt Behnisch sein Modell für den Umbau des Olympiastadions vorstellen sollte. Da waren 50 Journalisten da, und jeder hat gedacht, dass der Behnisch gleich sein Modell in den Raum trägt. Aber er kam ohne Modell, ohne Akten, ohne alles. Das ganze Gutachten hat sechs Millionen Euro gekostet. Und dann, so hat’s mir der Franz erzählt, sagte er: Meine Damen und Herren, wir haben das jetzt sehr intensiv in unserem Architektenteam von allen Seiten beleuchtet und kommen zu dem Ergebnis, dass aus dem Olympiastadion kein Fußballstadion zu bauen ist. Der Ude ist zusammengebrochen. Drei Tage später hat er mich angerufen und gesagt: ‚Jetzt kriegen Sie Ihr Stadion.‘ Bis zu diesem Tag hatte die Stadt alles abgelehnt, jetzt mussten sie mitmachen, weil die WM wollten sie unbedingt in München haben. Heute spielen die Profis des FC Bayern in Fröttmaning Woche für Woche vor mehr als 70.000 Zuschauern in der Allianz Arena. Sie als Manager haben eine regionale Marke in eine globale Marke verwandelt. Das war nicht nur ich, da waren auch der Franz, Karl-Heinz Rummenigge und Karl Hopfner an meiner Seite. Wir hatten immer gute Leute, und wir haben auch heute gute Leute. Was werden die Manager machen müssen, die den FC Bayern in die Zukunft führen? Eine meiner Lebensweisheiten ist: Nach oben zu kommen, das ist möglich und vergleichsweise leicht. Aber wenn du dann oben bist, wird die Luft dünner, dann zerren sie an dir, dann wollen sie dich runterreißen. Wenn ich das von unseren Konkurrenten immer höre: ‚Der wirtschaftliche Vorteil, der wirtschaftliche Vorteil.‘ Glauben Sie nicht auch, dass man in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Stuttgart dieselben Voraussetzungen gehabt hätte, wie wir sie in München vorgefunden haben? Das wird die Herausforderung für unsere Nachfolger in den nächsten Jahren sein: den Status, den wir heute haben, zu verteidigen. Denn ich muss sagen, der FC Bayern steht so gut da wie lange nicht. Und das sage nicht nur ich. Wer sagt es noch? Wenn wir uns vor Champions-League-Spielen mit unseren Freunden von Real Madrid treffen, fragen die immer: Wie macht ihr das? Keine Schulden, keinen Scheich, keinen Oligarchen, keinen Hedgefonds. Das ist es, worauf wir stolz sein können, dass diesem Verein 75 Prozent an der AG gehören und dass die Partner, die wir haben, wie die Faust aufs Auge passen. Ist der FC Bayern auf der Suche nach neuen Wegen, um an Geld zu gelangen – etwa indem er sein Kapital am Finanzmarkt anlegt? Nein. Ich habe das zwar immer ein bisschen anders gesehen, habe es aber auch nicht forciert. Bis jetzt können wir diesen Betrieb immer noch aus Eigenmitteln finanzieren. Ein großes Potential sähe ich, wenn die Fernsehgelder in Deutschland höher wären. Schauen Sie in die Premier League: Liverpool oder Manchester City bekommen für die nationalen Fernsehrechte 350 Millionen Euro. Und auch ein Verein wie Wolverhampton bekommt 130 Millionen Euro. Wir bekommen 80 Millionen Euro. Da sehe ich Potential, auch wenn ich noch nicht weiß, wie wir das ändern können. Ich glaube, wenn Amazon und Co. so richtig einsteigen würden, könnte sich das ändern. Für die wäre das Portokasse. Außerdem sehe ich nach wie vor Luft nach oben im Bereich Marketing, obwohl wir in Europa schon zu den Top drei gehören. Aber soll ich Ihnen sagen, was ich ablehne? Bitte. Eine Erhöhung der Eintrittspreise. Was bei der FIFA gerade passiert mit den Preisen für die Weltmeisterschaft in den USA, das lehne ich total ab. Das hat nichts mehr mit dem Fußballgeschäft zu tun, wie ich es mir wünsche. Das WM-Endspiel darf nicht wie der Super Bowl werden. Ich habe kürzlich jemanden getroffen, der beim Super Bowl war. Er war dort in der Loge eines Milliardärs eingeladen. Die Loge hat für den einen Tag 1,5 Millionen Dollar gekostet. Für 20 Leute. Also 75.000 Dollar pro Person. Teilweise haben die das Spiel gar nicht angeschaut. Und das Wichtigste war natürlich die Halbzeitshow. Auch in der Arena des FC Bayern gibt es Logen. Ja, aber es gibt auch die Jahreskarten für 175 Euro. Darauf bin ich sehr stolz. Ich möchte nicht, dass Fans, die kein so großes Einkommen haben, sich das nicht mehr leisten können. Auch ihnen oder gerade ihnen gehört der Fußball. Es darf nicht sein, dass sie sich einen Fußballbesuch nur leisten können, wenn sie dafür beim Essen oder beim Urlaub sparen. Ein Fußballspiel muss immer möglich sein. Wenn wir auf das Spielfeld schauen: Wie unterscheidet sich der Fußball des Jahres 2026 vom Fußball des Jahres 2001? In der Athletik der Spieler und in der Geschwindigkeit des Spiels. Früher hast du vier oder fünf Sprinter gehabt und ein paar normale. Wenn du heute langsam bist, hast du eigentlich keine Chance, weil dir der Ball, bevor du es mitbekommst, schon dreimal abgenommen wurde. Und wie wird das Spiel sich in den nächsten 25 Jahren entwickeln? Wird durch Technik und Künstliche Intelligenz das Wesen des Spiels verändert? Ich hoffe nicht. Es wird möglicherweise der Versuch unternommen werden, aber ich möchte, dass das Spiel selbst immer vom Menschen gemacht ist und dass der Mensch dabei auch nicht manipuliert wird. Ich habe kürzlich bei einer KI-Veranstaltung an einer Podiumsdiskussion teilgenommen. Das Publikum wollte von mir hören, dass wir die Spieler nur noch mit Daten und KI finden. Da habe ich gesagt: Ja, ein bisschen nutzen wir das schon auch, aber glauben Sie mir eines, wenn einer nicht kicken kann, hat er bei Bayern München nichts verloren. Als wir dem Basketballtrainer des FC Bayern, Svetislav Pešić, einmal gefragt haben, was aus seiner Sicht der größte Unterschied zwischen früher und heute sei, hat er geantwortet: „Früher haben die Spieler erst gemacht, dann gefragt. Heute fragen sie erst, dann machen sie.“ Stimmt das? Früher hat auch unser Trainer Zlatko Čajkovski alles angesagt und keine Erklärung geliefert. Das geht heute nicht mehr. Die jungen Spieler sind interessiert, aufgeweckt, wollen alles wissen, wollen verstehen, warum sie etwas machen sollen, und dabei sind sie ziemlich fordernd. Sie sind aber auch sehr leistungsbereit. Du kannst als Trainer nicht mehr sagen: Spring aus dem dritten Stock! Der Spieler fragt dann: Sind da unten fünf Feuerwehrleute, die mich auffangen? Und warum soll ich überhaupt springen? In den Siebzigerjahren waren in unserer Mannschaft acht, neun Spieler immer gesetzt. Ich kann mich noch entsinnen, dass unser Trainer Udo Lattek am Freitag die anderen sechs manchmal von der Torauslinie zur Mittellinie hat sprinten lassen, und die drei schnellsten haben dann am Samstag gespielt. Das geht heute nicht mehr. Sie hatten und haben mit Zwanzigjährigen zu tun. Wie unterscheiden sich die Zwanzigjährigen von heute von den Zwanzigjährigen von früher? Heute sind sie ein bisschen versaut durch die sozialen Medien. Und der Lebensstandard in Deutschland ist heute im Schnitt höher. Dadurch ist dieser Hunger, den der Franz, Paul Breitner und ich hatten, nicht mehr bei allen derselbe. Ich wollte als Spieler nach oben, und wenn es sein musste, durch einen Sprung aus dem dritten Stock. Auch als Manager wollte ich nach oben und habe auf dem Weg nach oben meine Ellbogen eingesetzt. Erst als ich oben war, habe ich begonnen, vermehrt in sozialen Zusammenhängen zu handeln, habe verteilt. Früher haben 40.000 in Bremen gerufen: Hoeneß, du Arschloch! Später in St. Pauli waren es Standing Ovations, als wir sie gerettet haben. Was ich sagen will: Entscheidend ist immer der Mensch. Wenn die jungen Burschen nicht Mensch bleiben, dann werden sie keine großen Karrieren haben. Die großen Karrieren haben nur Persönlichkeiten gehabt, die auch ihren Verstand einsetzen. Laden Sie manchmal noch Spieler des FC Bayern zum Tegernsee ein, um sich mit Ihnen zu unterhalten? Immer weniger, was schade ist. Aber wenn ich es tue, ist die Gefahr zu groß, dass es in der Zeitung steht, und das ist dann schlecht. Du musst dich heute für alles erklären. Spontanität kannst du dir fast nicht mehr leisten. Zum Beispiel unser Oktoberfest-Besuch. Das ist heute ein Schaulaufen. Früher haben wir den Udo Lattek gefragt, wenn wir am Mittwoch kein Spiel hatten, ob wir am Dienstagvormittag trainieren dürfen, damit wir am Dienstagnachmittag aufs Oktoberfest gehen können. Dann ist die gesamte Mannschaft da einmarschiert. Damals gab es keine Handyfotos. Wir sind dann nicht nur drei Stunden geblieben, nein, wir sind erst um Mitternacht heimgegangen, aber davor waren wir in fast jedem Zelt, sind mit jedem fliegenden Teppich gefahren. Und dabei kam es vor, dass sich einer von uns auf dem fliegenden Teppich übergeben musste. Heute wäre das „Tagesschau“-Thema. Manchmal denke ich mir, dass der Fußball zu wichtig genommen wird. In den Nachrichten heißt es: Iran hat das gemacht, die Israelis haben das gemacht, und im Übrigen, Lennart Karl hat sich den Muskel verletzt. Es fehlt nur noch, dass das an erster Stelle steht. Ein junger Spieler, der es beim FC Bayern schaffen will: Was für Fähigkeiten muss der heute haben, die er vor 25 Jahren noch nicht haben musste? Er muss noch schneller sein und noch besser mit dem Ball umgehen können. Und er darf sich noch weniger ablenken lassen, muss auf sich schauen, bereit sein, sich zu verbessern. Das Schöne ist: Unser Trainer Vincent Kompany verbessert jeden Spieler. Aber das geht nur, wenn die Spieler bereit sind, sich verbessern zu lassen. Ich muss aber schon auch sagen, dass vor 25 Jahren vieles leichter war. Da konnten die Spieler auch mal in eine Disco gehen, mal betrunken auf dem Oktoberfest sein. Manchmal bedauere ich die Jungs. Das Handyfoto hat alles verändert. Ihre Mitspieler und Sie sind früher auf dem Oktoberfest sicher auch erkannt worden. Aber wenn du vom Paulaner-Zelt zum Hofbräuhaus-Zelt gegangen bist, haben dich vielleicht mal drei Leute um ein Autogramm gebeten. Heute sind 50 Fotos nichts. Und wenn du einmal sagst, jetzt ist es genug, heißt es: Die sind aber arrogant. Was ist die wichtigste Fähigkeit, die ein Trainer des FC Bayern heute haben muss? Er muss ein Teamplayer und ein Teambuilder sein. Und er muss eine sehr große soziale Kompetenz haben. Vincent Kompany hat sie, Jupp Heynckes und Ottmar Hitzfeld hatten sie auch, und im weitesten Sinne auch Udo Lattek und Giovanni Trapattoni. Die großen Trainer waren die, die auch über den Tellerrand des Fußballs hinausgeschaut und sich für das tägliche Leben interessiert haben. Wenn Sie heute mit Vincent Kompany zum Abendessen gehen, kommen Sie vom Hundertsten ins Tausendste. Haben Sie mitbekommen, wie er sich in einer Pressekonferenz kürzlich zum Thema Rassismus geäußert hat? Das war wirklich beeindruckend. Und er war auf die Frage nicht vorbereitet. In dem F.A.S.-Interview von 2001 sagte Franz Beckenbauer mit Blick auf die internationale Vermarktung des Fußballs einen Satz, den man heute genauso sagen könnte: „Da sind die Engländer noch im Vorteil.“ Wo steht der deutsche Fußball im internationalen Vergleich? Ich finde, dass wir in der Spitze gut sind. Die Top-Top-Top-Mannschaften aus England sind auch nicht viel besser als unsere, aber der Franz hatte schon damals recht. Die internationale Präsenz der Premier League ist nach wie vor größer. Das hat auch mit der Vergangenheit zu tun. Als wir mal im Trainingslager in Dubai waren, konnte ich im Fernsehen keine Bundesliga sehen, aber die Premier League rauf und runter. In der Bundesliga hat der FC Bayern, der an diesem Samstag (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) auf den VfL Wolfsburg trifft, in den vergangenen 14 Saisons 13-mal die Meisterschaft gewonnen. Ist das nicht nur ein Problem für die Bundesliga, sondern auch eines für den FC Bayern? Für den FC Bayern auf keinen Fall, für die Liga schon. Es wird wieder der Tag kommen, an dem wir schwächeln, aber dann müssten die anderen halt auch da sein. Viele Vereine sind ganz stolz, wenn sie wieder einen super Transfer gemacht haben. Ich bin überhaupt kein Freund von diesem Kaufen und Verkaufen. Wir kaufen einen Spieler für Bayern. Und wir wollen nicht schon bei der Unterschrift daran denken, wohin wir ihn verkaufen. Das ist das Geschäftsmodell von vielen Klubs. Aber wenn das dein Geschäftsmodell ist, kannst du auf Dauer keinen Erfolg haben. Da sind wir den anderen sehr weit voraus. In all den Jahren, in denen ich dabei bin, ist ganz selten ein Spieler gegangen, den wir unbedingt behalten wollten. Michael Ballack ist nach England gewechselt, Toni Kroos nach Spanien. Aber auch da hatten wir das Heft in der Hand. Ich habe den Toni mal im Gang getroffen und habe ihm gesagt: Toni, du kannst bei uns zehn Millionen Euro verdienen. Aber wenn du zehn Millionen und einen Euro verdienen willst, dann musst du gehen. Dann ist er gegangen. Das Gleiche mit David Alaba. Das ist der einzige Spieler, der bis heute am Heiligen Abend bei uns anruft. Aber auch ihm habe ich gesagt: Das ist unser Angebot, und wenn du das nicht akzeptierst, musst du gehen. Das ist sehr wichtig, dass man auch mal Nein sagt. Eine Lösung für das Problem der Langeweile könnte die europäische Super League sein. Aus sportlicher Sicht ist das eine reizvolle Idee, finden Sie nicht? Das ist reizvoll, keine Frage. Aber erstens macht man damit den nationalen Sport kaputt, davon bin ich ein totaler Gegner. Und wenn in so einer europäischen Super League Dukla Prag mitspielt, ist das für unsere Zuschauer auch nicht anders, als wenn der VfL Bochum kommt. Haben Real Madrid und die anderen Klubs, die die Super League gründen wollten, fürs Erste aufgegeben, weil die großen Klubs ihre Interessen in der Champions League durchsetzen können? Real ist nur deshalb zurückgekommen, weil sie eingesehen haben, dass sie keine Mehrheit bekommen werden. Wenn sie nur die kleinste Chance gesehen hätten, eine Mehrheit zu bekommen, dann hätten sie weitergemacht. Es hat sich in den vergangenen 25 Jahren nicht nur verändert, wie Fußball gespielt wird, sondern auch, wie über Fußball gesprochen wird. Der Fußball hat in der Gesellschaft einen völlig anderen Stellenwert. Früher war das wirklich ein Sport für die kleinen Leute. Heute wird kein DAX-Konzern in Deutschland an dem Abend seine Vorstandssitzung abhalten, wenn wir gegen Real Madrid spielen. Der Vorstandssprecher von Eintracht Frankfurt, Axel Hellmann, hat in diesem Jahr gesagt, dass der Klub mit seinen Kommunikationskanälen mehr Menschen erreiche als F.A.Z., „Bild“-Zeitung und Hessenschau zusammen und dass Eintracht Frankfurt ein Medienunternehmen sei. Ist der FC Bayern ein Medienunternehmen? Wenn Frankfurt eines ist...Ich maße mir aber nicht an, das zu sagen. Mit der Rolle, die der Fußball und der FC Bayern im Besonderen spielen, bin ich im Moment sehr zufrieden. Früher ist sehr viel verächtlicher über Fußball gesprochen worden. Ist das neue Genre der Transferberichterstattung im Sinne der Verbände und Vereine, weil der Fußball damit ein 365-Tage-Sport geworden ist, weil nicht immer Fußball gespielt, aber immer über Fußball gesprochen wird? Ich sage Ihnen eines: Es wird demnächst ein Wochenende geben, wo nur Transfers gemacht werden und gar nicht mehr gespielt wird. Es gewinnt der, der am besten transferiert. Wo ist dann noch der Unterschied zu EA Sports? Was muss der Fußball machen, damit die Jugend sich weiter für ihn interessiert? Früher haben diejenigen Fußball geschaut, die auch Fußball gespielt haben. Heute bist du zunehmend auch auf die angewiesen, die nicht gespielt haben. Und ich fürchte, dass das ein Problem werden könnte, weil viele junge Leute wegen der Daddelei total abgelenkt sind. Ich bin früher von mittags um halb zwei bis abends um sechs auf dem Platz gewesen und habe gekickt. Ich habe eine Woche Beifahrer gemacht beim Gaissmeier in Ulm, von dem Geld konnte ich mir dann bei Sport Sohn in Neu-Ulm für 34 Mark einen Ball kaufen. Den Flutlichtball. Mit dem war ich der Chef. Ich konnte sagen: Du spielst mit, und du sitzt erst mal auf der Bank. Aber schon als mein Sohn mit dem Ball dahergekommen ist, hat er keine zehn Leute mehr gefunden, die mitspielen wollten. Da sehe ich eine Gefahr, aber die wird übertüncht mit dem Aspekt, dass Fußball nicht nur Fußball ist, sondern eine Unterhaltungsindustrie. Das passt dann wieder zu den TikTok-Leuten. Was muss der Fußball machen, damit er die beliebteste Sportart bleibt? Dafür braucht er gar nichts machen. Freuen Sie sich auf die WM? Ich bin sehr gespalten. Ich liebe Amerika. Ich bin früher jedes Jahr einmal dort gewesen. Das Schönste für uns war, vor Weihnachten vier oder fünf Tage in New York zu sein: Fifth Avenue, Broadway, Musicals, Eislaufplatz am Empire State Building, traumhaft. Aber jeder weiß, wie ich momentan die Verhältnisse in Amerika einordne. Ich habe ein Problem damit, was dort passiert. Und ich hoffe, dass während der WM nichts passiert. Ein Freund hätte mir sogar sein Haus zur Verfügung gestellt für vier Wochen Fußball-WM, aber ich habe ihm gesagt: Ich kann das leider nicht machen. Ich kann auch kein Endspiel anschauen, für das ein normales Ticket 1500 Dollar und mehr kostet. Da gehe ich nicht hin. Oke Göttlich, der Präsident des FC St. Pauli und Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist, hat dem NDR gesagt: „Wenn man in ein Land fährt, das Krieg führt, wo Menschen auf der Straße erschossen werden, dann muss man sich zumindest Gedanken machen: Was ist unsere Verbandslinie, wenn wir da hinfahren?“ Das halten wir für eine wichtige Frage. Sie auch? Gedanken kann man sich machen, aber man darf auf keinen Fall nicht hinfahren. Der größte Fehler, den unsere Leute gemacht haben, war die Aktion in Qatar. Das war lächerlich. Wir haben die ganze arabische Welt gegen uns aufgebracht. Es ist in diesem Fall aber der Sport selbst, der die Politik ins Spiel gebracht hat, etwa indem der internationale Fußballverband FIFA Donald Trump mit einem spontan erfundenen Friedenspreis ausgezeichnet hat. Das kritisiere ich natürlich. Die Konsequenz darf aus meiner Sicht aber nicht sein, dass wir da nicht hinfahren. Stellen Sie sich vor, die Deutschen fahren nicht hin und die anderen spielen – das kannst du nicht machen. Was der DFB aber eben machen könnte, aus unserer Sicht auch sollte: öffentlich diskutieren, welche Haltung er zu dieser WM hat und wie er zu dieser Haltung gekommen ist. Das ist alles Blabla. Nur Alibi, ein typischer Fall situativer Ethik. Wer kümmert sich denn heute um die Gastarbeiter in Qatar? Wie sehen Sie die Chancen der deutschen Nationalmannschaft? Wenn es Deutschland gelingt, eine Mannschaft zu werden, obwohl der Trainer es nicht geschafft hat, zweimal hintereinander mit derselben Elf zu spielen – dann haben wir eine Chance. An Talent fehlt es dem Team eigentlich nicht, oder? Die Situation ist dieselbe wie bei uns. Vor der Saison hat doch jeder gesagt: Der Kader ist zu klein, der Kader ist nicht gut genug. Aber dann hat der Trainer die Spieler alle besser gemacht, und vor allem hat er aus den Spielern ein Team gemacht. Aber unser Bundestrainer glaubt, er gewinnt das Spiel. Nein, die Mannschaft gewinnt das Spiel. Der beste Fußball der Welt wird nicht bei der WM, sondern in der Champions League gespielt. Also im Klub gespielt. Braucht es Nationalmannschaften überhaupt noch? Die Existenz von Nationalmannschaften steht für mich nicht infrage, aber es braucht keine Nations League und so weiter. Die Termine der Nationalmannschaften müssen reduziert werden. Diese neuen Turniere sind doch nur Mittelbeschaffung für Verbände, die dann schauen, wie sie das Geld verteilen können, damit sie wiedergewählt werden. Wir haben eine WM mit 48 Mannschaften. Demnächst werden es vielleicht 64 Mannschaften sein. Das ist doch ein Schwachsinn. Es ist schön, dass Curaçao mitspielt, aber für die Qualität des Turniers ist das eher nicht gut. Auf ein Spiel des FC Bayern freuen Sie sich aber mehr als auf ein Spiel der Nationalmannschaft? Sehr viel mehr. War das schon immer so? Nö, früher hat man auf Länderspiele sehr viel mehr hingezittert. Heute kann es passieren, dass ich ein Freundschaftsspiel wie gegen Ghana verpasse.