Verdammte Stasis! Deutschland steht still. Wenn sich hierzulande etwas bewegt, dann ja wohl offenkundig in die ganz falsche Richtung, Rechtslenker rückwärts, siehe Simson-Siegmund in Sachsen-Anhalt. Und ansonsten? Alles wie immer. Zum Beispiel im Fernsehen. „Wer wird Millionär?“ mit Jauch, erste Folge 3. September 1999, jüngste Folge 7. September 2026 und immer noch zu Hause bei RTL. Herzlichen Glückwunsch zum 27. Geburtstag. Wäre es nicht an der Zeit auszuziehen? Beziehungsweise: auszuschalten? Anderswo drehen sich die Räder schneller. Und damit zum Fußball. An diesem Donnerstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) kehrt Valdas Dambrauskas nach Manchester zurück. Auf die ganz große Bühne: Champions League in Old Trafford. Das ist das Stadion von Manchester United, das aus der Nähe betrachtet ungefähr so in die Jahre gekommen wirkt wie die deutsche Fernsehunterhaltung. Valdas Dambrauskas ist Fußballtrainer, 49 Jahre alt, er will mit Aserbaidschans Meister Sabah FK gegen United gewinnen. Als Valdas Dambrauskas 25 Jahre alt war, im Jahr 2002, saß er in einem litauischen Fernsehstudio und spielte bei „Šeši nuliai – milijonas“ mit, der litauischen Ausgabe des britischen Originals „Who wants to be a millionaire“. In Litauen, einem Land, das den Eindruck macht, als wollten dort weniger Menschen die Ausfahrt zurück in eine ostblockartige Zukunft nehmen als in, sagen wir, Sachsen-Anhalt, hatte diese Sendung übrigens ihr Verfallsdatum im Januar 2008, also vor mehr als 18 Jahren erreicht. 2002 aber war sie noch so frisch wie die Anzug-Krawatten-Kombo, mit der Dambrauskas vor sich hin rätselte. Am Ende ging er mit 4000 Litas heim, die damals einen Gegenwert von 1158 Euro hatten. Valdas Dambrauskas nahm das Geld – und investierte in die Zukunft. An der London Metropolitan University schrieb er sich für Sportwissenschaften ein, hielt sich mit Studentenjobs über Wasser und belegte Trainerkurse, unter anderem an der Manchester United Soccer School. Damals war Dambrauskas schon einmal in Old Trafford. Als er dort gefragt wurde, wie er sich sein Leben in Zukunft vorstelle, so zitiert ihn die „Times“, habe er gesagt: „Klingt vielleicht arrogant, aber ich habe auf den Rasen gezeigt und gesagt, ich will nach ganz oben.“ Ab 2007 arbeitete Dambrauskas als Trainer, erst mal in der Bangla League, bei den London Tigers. Schritt für Schritt arbeitete sich Dambrauskas hoch, und bei jedem dieser Schritte war Eddie Cardoso als Assistent an seiner Seite, der in Angola geboren ist und die gleiche Ambition hatte wie Dambrauskas: hart arbeiten, oben ankommen. Einwandererambitionen eben. 2014 gingen die beiden zurück nach Litauen, zu Žalgiris Vilnius. Seither sind sie mit Ludogorez Rasgrad in Bulgarien Meister geworden und mit Hajduk Split in Kroatien Pokalsieger, haben in Ungarn, auf Kreta und Zypern gearbeitet. Und nun also: Champions League. Klingt alles märchenhaft kitschig? Es ist und bleibt das Millionenspiel. Aber Valdas Dambrauskas darf sich als Gewinner fühlen.
