Die Aktionäre des tschechischen Energiekonzerns ČEZ haben schon höhere Ausschüttungen als 80 Prozent des Vorjahresgewinns beschlossen, wie sie es in der Hauptversammlung Anfang Juni getan haben. Dennoch stellt das Aktionärstreffen eine Zäsur dar. Denn die Eigentümer haben den Weg frei gemacht für eine Aufspaltung und möglicherweise völlige Verstaatlichung des größten Energiekonzerns der Tschechischen Republik. Doch noch ist der Weg dahin weit, weshalb manche gegen den Staat wetten und so den Kurs der Aktie treiben. Aktuell liegt der nur wenig unter seinem im Januar erreichten Allzeithoch von 1371 Kronen. Der Versorger ČEZ ist nicht irgendein Unternehmen. Mit umgerechnet knapp 28 Milliarden Euro hat er die mit Abstand größte Marktkapitalisierung an der Prager Börse; ČEZ ist einer der wertvollsten Konzerne im Osten Europas. Anleger mit einem Osteuropaportfolio kommen kaum umhin, diese Aktie im Portefeuille zu haben. Verlässlich hohe Ausschüttungen Für die Prager Regierungen war das Unternehmen jenseits ihrer politischen Ausrichtung immer ein bedeutendes Asset zur Sicherung der nationalen Stromversorgung. So betreibt ČEZ etwa die Kernkraftwerke in der Tschechischen Republik. Im Auftrag und auf Kosten der Regierung plant der Konzern auch den Bau neuer großer und kleiner Atomkraftwerke, die ab Mitte des kommenden Jahrzehnts den Betrieb aufnehmen sollen. Noch die vorherige Regierung hatte Gas- und Stromnetze wieder zurückgekauft. Verlässlich hohe Ausschüttungen erfreuten auch den Finanzminister. Seinen Einfluss sichert sich der Staat über seine Mehrheit von 69,78 Prozent der ČEZ-Aktien. Nach dem Willen der rechtskonservativen Regierung Andrej Babiš soll der Anteil bis zum Ende ihrer Wahlperiode 2029 auf über 90 Prozent aufgestockt werden. Ab der Grenze können verbliebene Eigentümer aus dem Unternehmen gedrängt werden. ČEZ soll die Mittel für den Rückkaufplan selbst aufbringen Doch der Regierung fehlt das Geld, um die freien Aktionäre rauszukaufen. Deshalb soll ČEZ die Mittel für den Rückkaufplan, der seinerseits noch nicht beschlossen ist, selbst aufbringen. Um das vorzubereiten, haben die Aktionäre nun einen Plan gebilligt, der das Unternehmen vollkommen neu aufstellen könnte. In einem ersten Schritt sollen bis zum Frühjahr des kommenden Jahres alle nicht mit der Stromerzeugung befassten Teile des Unternehmens ausgegliedert werden. Das umfasst vor allem die Strom- und Gasverteilnetze, Vertrieb und Handel mit Endkunden, aber auch Telekommunikation. Dahinter stehen 3,2 Millionen Kunden, 171.000 Kilometer Strom- und 70.000 Kilometer Gasleitungen. Diese Sparten trugen im vergangenen Jahr 38 Prozent zum Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 5,7 Milliarden Euro bei. Im zweiten von der Hauptversammlung beschlossenen Schritt sollen von der neuen Gesellschaft, die sich vor allem auf das regulierte Geschäft konzentriert, bis zu 49 Prozent privatisiert werden. Wie das geschehen soll, ob durch einen Börsengang, Privatplatzierung oder anders, ist offen. Börsengang oder Paketverkauf? „Alles ist möglich“ „Alles ist möglich, noch ist nichts entschieden“, sagt ČEZ-Vorstandsvorsitzender Daniel Beneš, der als Mastermind hinter dem Umbauplan steckt und künftig das „Altunternehmen“ weiterführen soll. Der Erlös aus dem Teilverkauf des neuen Beteiligungsunternehmens, das dann der heutige ČEZ-Vize Pavel Cyrani leiten soll, soll es der Regierung ermöglichen, ihren Anteil an ČEZ-Aktien auf mindestens 90 Prozent aufzustocken. Das ist die Voraussetzung für eine völlige Übernahme der Kontrolle. ČEZ selbst würde dazu das aus dem Beteiligungsverkauf gespeiste Aktienrückkaufprogramm auflegen. Damit rücken zwei Fragen in den Vordergrund: Kann ČEZ im Auftrag der Regierung genügend Geld aus dem Verkauf erlösen, und sind die freien ČEZ-Aktionäre überhaupt bereit, sich von ihren Papieren zu trennen? Von der Beantwortung dieser Fragen hängen jene Antworten auf zwei weitere Fragen ab: Wie könnte sich der ČEZ-Aktienkurs weiterentwickeln? Soll man kaufen oder verkaufen? Alle Antworten sind der Natur der Sache nach spekulativ, aber man kann sich ihnen sachlich nähern. Beneš wirbt mit dem alten Argument, dass die Einzelteile mehr wert seien als das Ganze. Die Trennung von stabilen, regulierten und kundenorientierten Aktivitäten vom Erzeugungsgeschäft könnte es der Tochtergesellschaft ermöglichen, „ein breiteres Spektrum an Kapitalsammelstellen und Investoren anzuziehen“. Eine Prämie fürs regulierte Geschäft? Künftig könnten zum Beispiel Anleger Interesse zeigen, die ČEZ bisher wegen seines Engagements in der Kohle- und Atomstromerzeugung gemieden haben. Für das eher risikoarme und kalkulierbare, weil staatlich regulierte Netzgeschäft seien Kapitalinvestoren wie Pensionsfonds oder Versicherungen mit ihrem großen Bedarf an Anlagemöglichkeiten auch bereit, Aufschläge zu zahlen, sagen Analysten. Allerdings zeigt die aktuelle Klage einer tschechischen Eon-Tochtergesellschaft gegen die Regulierungsbehörde wegen unzureichender Entgelte, dass „Kalkulierbarkeit“ und „Auskömmlichkeit“ dehnbare Begriffe sind. Nicht ausgeschlossen ist neben einer Paketlösung ein Börsengang. Der würde helfen, die kleine Prager Börse nicht noch stärker zu schrumpfen. Bei EDF zahlte Paris einen Aufschlag von 53 Prozent Spekuliert wird in diversen Studien über einen Wert von bis zu 200 Milliarden oder gar, wie von der Komerční banka, von 250 Milliarden Kronen für den hälftigen Anteil an dem neuen Unternehmen. Das wären acht bis zehn Milliarden Euro. Wie weit ČEZ damit bei einem Aktienrückkauf käme, liegt auch an den Preisvorstellungen der Altaktionäre, zu denen eine Reihe prominenter tschechischer Unternehmer gehören, von denen manche ihre Pakete in Höhe von zwei bis drei Prozent des Gesamtkapitals angeblich nicht verkaufen wollen. In tschechischen Medien wird auch auf die Verstaatlichung des französischen Energiekonzerns EDF hingewiesen, bei der Paris im Jahre 2022 den ausstehenden Eignern mit 16 Prozent des Kapitals einen Aufschlag von 53 Prozent auf den letzten Kurs gezahlt hatte. Analysten halten die Aktie für überbewertet Der Kurs der ČEZ-Aktie hat sich binnen fünf Jahren verdoppelt, auf Jahresfrist gesehen beträgt der Zuwachs 7,1 Prozent. Aktuell notiert die Aktie um 1300 Kronen. Das liegt knapp unter ihrem im Januar erreichten Allzeithoch von 1371 Kronen, aber über den Erwartungen der meisten Analysten. Marktbeobachter wie die von Morgan Stanley halten die Bewertung der Aktie für zu hoch, etwa gemessen am operativen Ergebnis. Aber das hat dem Kurs auch in den vergangenen Monaten keinen Abbruch getan. Petr Bartek, Aktienanalyst bei der Erste Group Bank AG in Prag, gibt zu bedenken, dass eine mögliche Prämie bereits teilweise im Aktienkurs enthalten sei. Auch müssten Investoren einkalkulieren, dass der Prozess bis zu zwei Jahre dauern könnte und das Risiko beinhalte, dass das geplante Buy-out aus finanziellen, politischen oder anderen Gründen möglicherweise nicht zustande komme, zitiert ihn der Börsendienst Bloomberg. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete ČEZ einen Nettogewinn von 1,1 Milliarden Euro, 5,8 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Im ersten Quartal sank der Umsatz um neun Prozent, und der Betriebsgewinn fiel um 18 Prozent, während der Nettogewinn um 13 Prozent stieg. Grund war der Wegfall der noch 2025 erhobenen Sondergewinnsteuer. Für das laufende Jahr hob ČEZ seine Finanzprognose an. Das Ebitda soll nun umgerechnet bis zu 4,6 Milliarden Euro, der Nettogewinn bis zu 1,4 Milliarden Euro betragen.
