FAZ 08.05.2026
16:56 Uhr

Verzögertes Fregattenprojekt: Wie Rheinmetall an einen 12-Milliarden-Auftrag der Marine kommen könnte


Die Marine ist ein ganz neues Feld für Rheinmetall. Aber das Desaster um die Fregatte F126 beschert dem Konzern die Chance, sich als Retter zu positionieren – für gutes Geld natürlich.

Verzögertes Fregattenprojekt: Wie Rheinmetall an einen 12-Milliarden-Auftrag der Marine kommen könnte

Die Bundeswehr ist in einer schwierigen Lage: Rund zwei Milliarden Euro sind schon geflossen für die neuen Fregatten vom Typ F126, in einem Prozess voller Pannen. Der Haushaltsausschuss des Bundestags befasst sich aus seiner Sicht viel zu häufig mit dem Projekt, das arg in Verzug ist. Gleichzeitig ist die Ausrüstung der Marine mit den neuen, superleistungsfähigen Bootstypen ein Prestigeprojekt mit hohem Auftragsvolumen. Und das weiß auch Armin Papperger. Der Vorstandsvorsitzende des größten deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall ist ein cleverer Kaufmann. Mit der Übernahme des Marinegeschäfts der Lürssen-Familie, NVL, ist Rheinmetall jetzt schließlich auch zu Wasser unterwegs. Mit dem Bundesverteidigungsministerium sei NVL in „starken Verhandlungen“, sagte Papperger in einer Telefonkonferenz mit Analysten. Zuvor hatte die „Financial Times“ davon berichtet, dass Rheinmetall der Bundeswehr anbietet, das F126 Fregattenprojekt für zwölf Milliarden Euro fertigzustellen. Der „Spiegel“ schreibt gar von 12,8 Milliarden Euro. Rheinmetall kann erste Fregatte 2031 ausliefern Zu exakten Zahlen wollte sich Papperger auf Nachfrage nicht äußern, deutete aber an, dass sie nicht gänzlich falsch seien. „Wir haben immer gesagt, dass es ein Programm von mehr als zehn Milliarden ist und wir danach fragen müssen“, sagte der Rheinmetall-Vorstandschef. Mit der niederländischen Damen-Werft, die ursprünglich den Zuschlag für die F126 bekommen hat, habe Rheinmetall eine technische Analyse gemacht und dabei festgestellt, dass NVL die Fregatten bauen könne. Das erste von sechs Schiffen könnte schon im Jahr 2029 fertig werden – wobei das noch nicht ausreicht, um die der NATO zugesicherte Fähigkeit als U-Bootjäger im Nordatlantik rechtzeitig bereitzustellen. Denn „fertig“ heißt im Marine-Bereich noch nicht einsatzbereit. Dafür müssen zuerst umfangreiche Tests und Zertifizierungen absolviert werden. Ausgeliefert werden könnte die erste Fregatte im Jahr 2031, stellt Papperger nun in Aussicht – sofern Abnahmeprozesse verkürzt werden könnten. Die F126 ist das größte Einzelprojekt in der Geschichte der deutschen Marine. Ursprünglich waren Kosten von zehn Milliarden Euro dafür angesetzt. Im NATO-Verbund einsatzfähig sollten die Kriegsschiffe eigentlich 2028 sein. Der Zeitplan war schon lange nicht mehr haltbar. Die niederländische Damen-Werft, die als Generalunternehmer beauftragt worden war, hatte vor allem das Problem, die für die Entwicklung verwendete Software mit den zahlreichen Zulieferern zu teilen. Im Herbst vergangenen Jahres stoppte Berlin das Projekt weitgehend: Nur noch in kleinen Tranchen werden seither Arbeitsschritte genehmigt und Rechnungen bezahlt. NVL meldete inzwischen, die IT-Probleme seien überwunden – womit signalisiert wurde, dass der Weg für eine zügige Produktion frei wäre. Die Kosten für den Steuerzahler steigen Insgesamt sind in das Projekt schon rund zwei Milliarden Euro geflossen – weshalb in Berlin nicht erwartet wurde, dass Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) die Reißleine ziehen würde. Gleichwohl muss Deutschland die Fähigkeitslücke schließen, die gegenüber der Zusage an die NATO entstanden ist. Dazu hat sich das Verteidigungsministerium zu einem zweigleisigen Verfahren entschieden – und mit TKMS einen Vorvertrag über den Kauf von vier Mehrzweckfregatten MEKO A-200 geschlossen. Das sind zwar kleinere Schiffe mit weniger Funktionen. Dafür aber sind sie mit rund einer Milliarde Euro Kaufpreis günstiger. Der große Vorteil: Da die MEKO schon mehrfach für andere Staaten gebaut wurde, ist die Fregatte erprobt – und mit der Produktion könnte schnell begonnen werden. Die Kieler Werft mit Thyssenkrupp als Haupteigentümer hat für die nötigen Vorbereitungen der Produktion vom Verteidigungsausschuss im März sogar Zahlungen von einer Viertelmilliarde Euro bekommen. In Berlin wird erwartet, dass angesichts der gewachsenen Bedrohung in der Ostsee womöglich beide Fregattenaufträge erteilt werden. Andere sehen die Beauftragung dagegen vor allem als Druckmittel für die Preisverhandlungen mit Rheinmetall – denn die Kosten für das Fregattenprojekt steigen offenbar sprunghaft. Schon ein Auftragsvolumen von zwölf Milliarden Euro entspräche einem Plus von zwanzig Prozent, rechnet man die schon aufgelaufenen Zahlungen von zwei Milliarden hinzu, wären es vierzig Prozent. Zudem wird offenbar über den Inflationsausgleich gesprochen und über zusätzliche Kosten für spezielle Beschleunigungsmaßnahmen. Noch sei nichts entschieden, betonte Papperger vor den Analysten. „Wenn wir einen guten Preis bekommen, eine gute Technologie haben und keine Risiken sehen, werden wir dort weitermachen.“ Zwei Interessenten für German Naval Yards Ungeachtet der endgültigen Entscheidung über den Fregatten-Auftrag kümmert sich Rheinmetall-Chef Papperger schon um Kapazitäten. „Wir haben ein unverbindliches Angebot vorgelegt, um die German Naval Yards zu kaufen“, ⁠sagte er vor Analysten. GNYK ist schon als Zulieferer für die F126 eingebunden und hat seit der Auftragsvergabe stets Kapazitäten vorgehalten, um die Produktion zu beginnen – insofern erscheint die Übernahme der German Naval Yards Kiel durchaus sinnvoll. GNYK gehört zum französischen Familienkonzern CMN Naval, der sich zu den Offerten bisher nicht geäußert hat. Dort liegt unterdessen seit Dezember ein weiteres unverbindliches Angebot – von TKMS, dem unmittelbaren Nachbarn von GNYK. Auf dem Gelände der früheren Howaldtswerke Deutsche Werft AG teilen sich beide Werften bis heute sogar manche Einrichtungen, wie etwa die Kantine. „Für uns wäre das eine Opportunität, aber kein Muss“, hatte TKMS-Chef Oliver Burkhard das Angebot eingeordnet. Verglichen damit zeigt sich Armin Papperger entschlossener. Die Prüfung der Bücher („Due Diligence“) werde in wenigen Wochen abgeschlossen sein, dann könne man eine verbindliche Offerte abgeben, sagte der Rheinmetall-Chef. Das Marinegeschäft erweist sich für Rheinmetall bereits kurz nach der Übernahme als profitabler Zukauf. Der Rüstungskonzern will bis 2030 mit der Sparte rund fünf Milliarden Euro Umsatz erzielen. Es gebe schon Gespräche mit Ländern wie Bulgarien, Rumänien oder Kroatien, die ihre Marine stärken wollten. Der Auftragsbestand von Naval Systems beträgt 5,5 Milliarden Euro, zum ersten Quartal kam Rheinmetall damit auf einen Backlog (inklusive Rahmenverträge) von 73 Milliarden Euro. „Insbesondere für das zweite Quartal 2026 erwarten wir ein stärkeres Wachstum beim Umsatz und beim Auftragseingang, wo wir mit großvolumigen Beauftragungen im Marine- sowie im Fahrzeugbereich rechnen“, sagte Papperger. Für das Gesamtjahr erwartet Rheinmetall auf Konzernebene einen Umsatz von 14 bis 14,5 Milliarden Euro und eine operative Ergebnismarge von rund 19 Prozent. Im Marine-Bereich betrug sie zuletzt 10,1 Prozent. Am Dienstag hält der Rüstungskonzern seine Hauptversammlung ab. Im vergangenen Jahr war der Aktienkurs abermals um rund 160 Prozent gestiegen, seit Jahresbeginn hat das Papier allerdings ein Fünftel an Wert eingebüßt.