FAZ 23.05.2026
09:30 Uhr

Vooddo Jürgens auf Tour: Etwas andere Wienerlieder


Ballzauber, ohne Pomp: Voodoo Jürgens und Ansa Panier glänzen im Schlachthof Wiesbaden.

Vooddo Jürgens auf Tour: Etwas andere Wienerlieder

Wien gilt als eine der lebenswertesten Städte der Welt, und wer durch die Straßen und Gassen innerhalb des Rings flaniert, wird dieser Zuschreibung kaum widersprechen. Von dieser geradezu musealen Schönheit der österreichischen Kapitale ist in Liedern wie „Gitti“ oder „3 Gschichtn ausn Cafe Fesch“ allerdings keine Spur zu finden. Sie erzählen vom Wien der Außenbezirke, von einer Halbwelt voller Grattler, Strizzis und Halodris, deren Lebenselixiere „a Gulasch und a Seidl Bier“  sind. Dieses andere Wien besingt der Liedermacher David Öllerer unter seinem Künstlernamen Voodoo Jürgens, und wenn es auch ein fiktives Milieu sein mag, so versteht es dieser begnadete Beisl-Poet, sofort Bilder seiner Figuren entstehen zu lassen, die sowohl Abkömmlinge von Helmut Qualtingers Herrn Karl wie auch Gefährten der Tagediebe in einer Geschichte von Stefanie Sargnagel sein könnten. Der mal schonungslose, mal liebevolle Blick auf am Leben gescheiterte oder von den Zeitläuften marginalisierte Existenzen, den Voodoo Jürgens auf seinem 2016 veröffentlichten Debütalbum „Ansa Woar“ in ergreifende Lieder (und ja, auch Wienerlieder) umgesetzt hat, war dem aus dem niederösterreichischen Tulln stammenden Musiker aber eigentlich schon mit seinem zweiten Album zu wenig. Weg von den Wirtshausgeschichten wollte er, mehr und auch anderes erzählen. Diese Befreiung ist ihm mit seinem kürzlich veröffentlichten vierten Album „Gschnas“ auf jeden Fall gelungen, auch wenn der Titel wieder auf das Leben in den Außenbezirken verweist. Ein Gschnas ist ein Ball oder Maskenball, allerdings nicht in der prunkvollen Variante etwa des Wiener Opernballs, sondern ein Verkleidungs- und Tanzvergnügen in der Vorstadt, wo sich der Trambahnfahrer und die Verkäuferin treffen und nicht die oberen Zehntausend. Die Lieder dieses Albums bilden nun den Schwerpunkt in Voodoo Jürgensʼ aktuellem Konzertprogramm, das er gemeinsam mit seiner fabelhaften Band, der Ansa Panier, auch in Wiesbaden präsentiert hat. Mag die große Halle des Schlachthofs für ihn auch etwas überdimensioniert gewesen sein, verwandelten er und seine fünf Begleiter den Saal im Verlauf des knapp hundertminütigen Auftritts ganz lässig in einen Vergnügungsort, in dem das Publikum immer begeisterter zuckte, wackelte, tanzte und bei älteren Songs wie „2l Eistee“, „Tulln“ oder „Heite grob ma Tote aus“ ungeachtet der Texte im Wiener Dialekt auch lauthals mitsang. Den neuen Liedern wie „Da Dings“, „De An und de Aundan“ oder „Guade Stubn“ war anzuhören, dass sie dieses Mal nicht aus im Grunde fertigen Stücken, die dann noch arrangiert werden, entstanden sind, sondern in Jam-Sessions, in denen jeder Musiker eigene Ideen und Themen einbringen konnte. Mal schmissig, mal rollend, mal swingend, mal tänzelnd und immer voller Spielfreude wirkte die Ansa Panier, belehnte mal osteuropäische Musiken, mal Bossa Nova, mal die Schrammelmusik Wiens, mal Twist und RockʼnʼRoll, mal Electro-Pop und bei jedem Einsatz der Trompete sogar die Tex-Mex-Wehmut von Calexico. Voodoo Jürgens tänzelt zu dieser vergnüglichen Musik, grinst und strahlt, nippt am Weinglas und raucht auch mal eine Zigarette, ganz wie ein netter Gast in einem Wirtshaus, der über Belanglosigkeiten zu plaudern scheint.  Erst wenn man genauer hinhört, bemerkt man die Zweifel, die Abgründe, die manchmal auch süße Bitterkeit in den Texten, die auf ihre Weise ein Bild eines lebenswerten Wiens heraufbeschwören, in dem es noch Originale gibt. Auch wenn sie nur von Voodoo Jürgens ersonnene Figuren sein sollten.