In den letzten Tagen eines Grand-Slam-Turniers weicht das hektische Treiben auf der Anlage stets einer Art angespannter Ruhe. So ist das auch in Roland Garros bei den French Open. Das Gewusel auf den und um die vielen kleineren Courts lässt spürbar nach, sobald dort nur noch Juniorinnen und Junioren, Rollstuhltennisspieler sowie ein paar Spaß-Doppel mit alten Tennishelden aufschlagen. Die großen Partien finden dann nur noch im größten Stadion statt, dessen wuchtige Tribünen den Matches zwar eine mitunter feurige Atmosphäre ermöglichen, die das Ganze aber auch zu einem ziemlich exklusiven und abgeschirmten Erlebnis machen. Alexander Zverev kennt das schon. Wie er überhaupt alles schon kennt, was ihn dieser Tage erwartet, bis auf das Gefühl, ein Grand-Slam-Champion zu sein. Zum fünften Mal in den vergangenen sechs Jahren steht der 29-Jährige in Paris im Halbfinale, spielt dort am Freitag gegen den 20 Jahre alten Tschechen Jakub Mensik um den Finaleinzug. Seine Chance auf den ersehnten ersten Titel ist so groß wie wohl nie, auch weil sich im anderen Halbfinale die beiden Italiener Flavio Cobolli und Matteo Arnaldi gegenüberstehen, zwei Spieler, gegen die er im Endspiel ebenfalls der klare Favorit wäre. „Ich habe das alles schon mal erlebt“ Denn unter all den Jünglingen und Überraschungen, die nach dem sensationellen Aus des Weltranglistenersten Jannik Sinner in Paris die zweite Turnierwoche prägten und prägen, ist Zverev so etwas wie der weise alte Mann. „Ich habe das alles schon mal erlebt“, sagte er am Dienstag, nachdem er im Viertelfinale den spanischen Shootingstar Rafael Jodar ziemlich kompromisslos in drei Sätzen aus dem Turnier befördert hatte. „Ich geb jetzt das Interview hier, dann geh ich was essen, dann geh ich Massage machen, spiel Mario Kart und geh schlafen. Für mich ändert sich mein Leben nicht sonderlich dadurch, ob ich jetzt gegen Djokovic spiele, oder gegen einen von den jungen Jungs.“ Zverev, so scheint es, hat in Paris die Kraft der Langeweile entdeckt. Normalerweise ist er bekannt für seine launigen Interviews auf dem Court und bei Pressekonferenzen, für Sprüche und steile Thesen sowie dafür, dass er mit Selbsteinschätzungen aneckt, die ihm gelegentlich als Arroganz ausgelegt werden, die in Wahrheit aber meist nur gnadenlos ehrlich sind. Stattdessen verschanzt er sich in Roland Garros ungewöhnlich oft hinter etablierten Sportlerphrasen. Wie draußen das Treiben auf dem Turniergelände wird Zverev immer aufgeräumter, je näher das große Finale rückt. Mehr Druck als Favorit? Seit Tagen moderiert Zverev alles, was zusätzlichen Druck erzeugen könnte, souverän ab. Ob er mehr Druck verspüre, weil er nun der Topfavorit sei? Bis zum Finale ändere sich für ihn ja nichts, weil er ja erst dort auf Sinner hätte treffen können. Dass er in Paris nach dem 7:6 in Satz eins gegen Jodar nun außergewöhnliche 26 von 28 Tiebreaks gewonnen hat? Das habe er zwar schon gehört, interessiere ihn aber nicht. Ob seine Erfahrung für die Spiele gegen unerfahrene Gegner ein Vorteil sei? Das sei eine spannende Frage, die man aber seinen Gegnern und nicht ihm stellen müsse. Zverevs Konzentration aufs Wesentliche wirkt dabei wie ein Mantra. Im Grunde war es egal, was man ihn fragte, nach ein paar einleitenden Worten landete er fast immer bei einem Satz, den er so oder so ähnlich schon seit Turnierbeginn wiederholt: „Ich muss auf mich selbst schauen und Vertrauen in mein Spiel haben.“ Doch auch wenn das mit dem Auf-sich-selbst-und-von-Spiel-zu-Spiel-Schauen eine Herangehensweise ist, die im Sport die meisten Athletinnen und Athleten zu verfolgen angeben, ist es zugleich eine, die am schwersten umzusetzen ist, wenn die Gedanken erst mal losrasen. Es gibt deshalb auch jene, die daran zweifeln, dass Zverev auch innen so cool ist, wie er das nach außen behauptet. „Absoluter Blödsinn“ sei das, stichelte etwa Tennis-Grande John McEnroe in seiner Rolle als TV-Experte beim Sender Eurosport, als er auf Zverevs Behauptung, nun keinen größeren Druck zu verspüren, angesprochen wurde. Der Deutsche sei der beste Spieler der Tennisgeschichte, der noch nie ein Major-Turnier gewonnen hat, und wisse genau, wie einmalig die Chance nun sei, dies zu ändern. „Wenn er es diesmal nicht schafft, weiß ich nicht, ob er jemals einen Grand Slam gewinnen wird“, sagte McEnroe. Vorläufiges Ende eines Reifeprozesses Zverev allerdings, das lässt der Amerikaner dabei außer Acht, redet nicht nur so entspannt daher, er spielt auch so. Gegen Jodar beispielsweise balancierte er meisterhaft auf dem schmalen Grat zwischen zu viel und zu wenig Risiko in den eigenen Schlägen. Er überließ es seinem jungen Gegner, sich selbst zu schlagen, wenn es bei dem gerade nicht so lief. Er zog das Tempo an, wenn sich dieser stabilisierte. Nachdem Zverev seit Beginn des Jahres sichtbar bemüht war, in den Matches aktiver zu sein und sich weniger weit hinter die Grundlinie fallen zu lassen, könnte das der nächste große Entwicklungsschritt für ihn sein. Zverev jedenfalls scheint am vorläufigen Ende eines Reifeprozesses angelangt. „Wenn man jung ist, versucht man, unfassbar aggressiv zu spielen“, sagte er mit Blick auf seine teilweise zehn Jahre jüngeren Konkurrenten in den finalen Runden. „Habe ich früher auch gemacht“, gab er zu. „Aber das legt sich alles. Dann versucht man, seine Waffen besser einzusetzen.“ Und als wäre diese Erkenntnis schon zu vielsagend gewesen, bremste sich der Deutsche im nächsten Augenblick gleich selbst wieder ein: „Aber ich konzentriere mich auf mich“, sagte Zverev. „Ich vertraue mir selber, und ich muss meinem Spiel auch selber vertrauen.“ Die neue Lust auf Langeweile tut Zverev offenbar gut.
