Nach Spielende mussten sich die deutschen Herren erst einmal besprechen, um das Viertelfinal-Aus bei der Team-WM Revue passieren zu lassen. Wenige Augenblicke zuvor waren sie den Japanern in einem hochklassigen Duell in London 1:3 unterlegen. Sportlich hatte sich die deutsche Mannschaft wenig vorzuwerfen. Zwar hatte sie in der Gruppenphase Japan noch 3:2 besiegt. Doch beim zweiten Aufeinandertreffen präsentierten sich die Asiaten in Weltmeisterform. „Die Japaner haben eine bockstarke Mannschaft, vor allem waren sie mental sehr, sehr stark“, sagte Patrick Franziska, der am Donnerstag als einziger Deutscher ein Match gewann: „Am Ende war es ein verdienter Sieg für sie.“ Bundestrainer Jörg Roßkopf fand lobende Worte für seine Spieler, sie hätten eine „tolle WM“ gespielt. „So direkt nach dem Spiel sind wir natürlich alle extrem enttäuscht und leer, weil wir eigentlich auf einem sehr hohen Level gespielt haben.“ Seit zwei Jahren ohne Medaille Allerdings spielte Japans Spitzenkraft Tomokazu Harimoto wie von einem anderen Stern, Benedikt Duda ging gegen ihn 0:3 unter. Hatte Dang Qiu in der Gruppenphase noch 3:0 gegen Sora Matsushima gewonnen, unterlag er diesmal 1:3. Patrick Franziska brachte Deutschland mit einem 3:1-Erfolg über Shunsuke Togami zurück ins Spiel, ehe Qiu im Duell mit Harimoto trotz starker Leistung nicht mehr den Ausgleich schaffte. Der Spielausgang wirkt mit 0:3 zunächst deutlich, doch jeder Satz endete eng (10:12, 13:15, 9:11). Roßkopfs Analyse, wonach sein Team eigentlich gut gespielt habe, trifft für das gesamte Turnier zu. Neben dem Sieg gegen Japan in der Gruppenphase schlug das deutsche Team in den K.-o.-Runden Slowenien und Hongkong jeweils 3:0. Gegen Japan zu verlieren, ist keine Schande. Pech war es, schon in der Runde der letzten acht auf dieses Team zu stoßen. Dennoch zeigt sich ein Muster in den Turnierleistungen des deutschen Männerteams in den letzten Jahren. Nach mehr als einem Jahrzehnt, in dem nur China unerreichbar schien, bleiben seit gut zwei Jahren Medaillen bei den ganz großen Turnieren aus. Eine Chronologie: Februar 2024, 0:3-Niederlage im Viertelfinale gegen Taiwan bei der Team-WM in Busan (Südkorea). August 2024, 0:3-Niederlage im Viertelfinale gegen Schweden bei den Olympischen Spielen in Paris. Mai 2026, 1:3-Niederlage im Viertelfinale gegen Japan bei der Team-WM in London. In diese Reihe passt auch das Halbfinal-Aus gegen Frankreich vor einem halben Jahr bei der Team-EM. Nur selten hatte Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten den Titel verpasst. Spielt das deutsche Team also schlechter? Nicht unbedingt. Vielmehr gilt: Die anderen sind besser geworden. Frankreich, Schweden, Taiwan, Südkorea und Japan ergänzen nun den Kreis der Topfavoriten. Doch drängt sich die Frage auf, weshalb die Deutschen gegen diese Mannschaften immer wieder verlieren, obwohl sie ihnen qualitativ doch kaum nachstehen. Ist das immer Pech? Jede dieser Niederlagen hatte ihre eigenen Umstände. Zudem erscheint es unfair, nach einem hochklassigen Viertelfinale wie gegen Japan grundsätzliche Fragen zu stellen. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass sich ein Muster durch all diese genannten Turniere zieht: Während anderen Teams immer wieder ein Medaillenerfolg gelingt, sie über sich hinauswachsen, bleibt die deutsche Auswahl auf einem sehr hohen, aber nicht immer herausragenden Niveau. Deutschland fehlen Typen wie Boll und Ovtcharov Dadurch fällt das Fazit nach jedem Turnier ähnlich aus. Man ist eigentlich zufrieden, denn man hat sehr gut gespielt. Aber gleichzeitig ist man enttäuscht, da man keine Medaille gewinnen konnte. Schließlich verfügen laut Weltrangliste nur wenige Nationen über eine derart hohe Qualität in der Breite wie Deutschland. Zudem schlagen deutsche Topspieler regelmäßig Gegner aus der absoluten Weltspitze. Wagt man den Versuch, eine andere Antwort als nur Pech und Tagesform zu finden, drängt sich ein auffälliger Befund auf: Viele Topnationen verfügen über einen Ausnahmespieler, der einem Turnier seinen Stempel aufdrücken und in wichtigen Matches den Unterschied machen kann. Sei es Tomokazu Harimoto für Japan, Félix Lebrun für Frankreich, Lin Yun-ju für Taiwan oder Truls Möregårdh für Schweden. Zwar erlauben sich diese Spieler auch mal überraschende Niederlagen. Aber ihnen gelingt immer wieder ein Turnier, in dem sie schlicht unbesiegbar sind. Neben Timo Boll hatte Deutschland mit Dimitrij Ovtcharov über viele Jahre einen Spieler dieses Formats. Bei den Olympischen Spielen in Paris kam er dieser Rolle noch einmal sehr nah. Doch der Siebenunddreißigjährige gehört derzeit leistungsbedingt nicht zur ersten Auswahl. Womöglich fehlt Deutschland genau so eine Ausnahmefigur. Im Viertelfinale war Harimoto jedenfalls das beste Beispiel dafür, wie sehr ein Unterschiedsspieler über Medaillen-Wohl oder -Wehe entscheidet.
