FAZ 09.03.2026
10:46 Uhr

Wahl in Baden-Württemberg: Nouripour sieht Özdemir als „Blaupause“ für Grüne


Vorläufiges Endergebnis: Grüne liegen knapp vor CDU +++ Frauenquote im Landtag bleibt niedrig +++ Liberale und Linkspartei scheitern an Fünfprozenthürde – SPD knapp drin +++ alle Entwicklungen im Liveblog

Wahl in Baden-Württemberg: Nouripour sieht Özdemir als „Blaupause“ für Grüne

Wahlkampf-Helfer der Grünen lassen sich Brezeln tätowierenBei der Grünen-Wahlparty in Stuttgart hat ein Tätowierer unter anderem Wahlkampf-Helfer der Grünen nach dem Sieg der Partei bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg tätowiert. „Wir haben im Team gesagt, dass wir uns ein Brezel-Tattoo stechen lassen, wenn der Wahlkampf erfolgreich ist“, sagte Wahlkampf-Helferin Svenja. „Und wir haben gesagt, er war sehr erfolgreich.“

Grüne Jugend: Özdemir-Strategie nicht übertragbar auf ganz DeutschlandDie Grüne Jugend weicht von den Lobeshymnen auf Wahlsieger Cem Özdemir ab. Der Verband stellte klar, vom möglicherweise nächsten baden-württembergischen Ministerpräsidenten einen klaren Einsatz für mehr Klimaschutz zu erwarten. „Wir freuen uns natürlich, dass die grüne Partei so ein gutes Ergebnis erzielen konnte“, sagte die Chefin der Grünen-Nachwuchsorganisation, Henriette Held, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Aber jetzt geht es eben darum zu zeigen, dass wir keine CDU mit grünem Anstrich bekommen, sondern dass wir eine konsequente Klimapolitik bekommen.“

Grüne gewinnen das Land, die CDU die meisten WahlkreiseZum ersten Mal bei einer Landtagswahl in Baden-Württemberg gab es gestern Erst- und Zweitstimmen. Die Wähler haben dabei durchaus einen Unterschied gemacht. Die meisten Wahlkreise gehen an die CDU, in Mannheim gewinnt die AfD ein Direktmandat. Die Grünen gewinnen vor allem einige Wahlkreise in größeren Städten. Von den 56 Grünen-Abgeordneten ziehen 13 als Wahlkreissieger in den Landtag ein, der Rest über die Landesliste. Für die Zusammensetzung des Landtags ist die Zweitstimme maßgeblich. 

Grüne Parteispitze wirbt nach Wahlerfolg für Kurs der MitteDie Grünen-Vorsitzenden Franziska Brantner und Felix Banaszak werben nach dem Wahlerfolg in Baden-Württemberg für einen stärkeren Kurs der Mitte. „Wir wollen, dass die Grünen wieder eine Orientierungskraft für breite Teile der Bevölkerung werden“, sagte Banaszak am Montag im ARD-Morgenmagazin. „Wir haben die gesamte Gesellschaft im Blick, aber wir verbinden das mit einer klaren Vision, einer Veränderung nach vorne.“Brantner sagte im Deutschlandfunk, die Grünen im Bund könnten aus Baden-Württemberg lernen. „Wir können lernen, dass man ambitioniert in den Zielen ist, pragmatisch im Weg, dass wir das Land vor die Partei stellen.“ Cem Özdemir habe gezeigt, dass man Wahlen aus der Mitte gewinnen könne, das seien gute Nachrichten für den Bund. Außerdem sorge die Wahl in Baden-Württemberg dafür, dass die Grünen weiter an der Konferenz der Ministerpräsidenten beteiligt seien, diese Rolle werde Özdemir nutzen. 

Frauenanteil im Landtag bleibt trotz Wahlreform auf niedrigem NiveauIm neuen Landtag von Baden-Württemberg liegt der Frauenanteil laut vorläufigem Endergebnis bei 33,8 Prozent. Von 157 Abgeordneten sind demnach 53 Frauen. Damit ist der Anteil nur minimal gestiegen im Vergleich zum Ende der vergangenen Legislaturperiode. Zuletzt hatte der Landtag einen Frauenanteil von knapp 33 Prozent angegeben. Dabei war ein zentrales Ziel der Wahlrechtsreform in der vergangenen Legislaturperiode gewesen, den Frauenanteil deutlich zu steigern. Bis zur Landtagswahl im Jahr 2021 stellten die Parteien ihre Kandidaten vor allem in den Wahlkreisen auf. Kritiker monierten, an der Basis vor Ort setzten sich oft die „Platzhirsche“ durch – also Männer. Mit dem neuen Wahlrecht erhielten die Landesparteien mehr Einfluss auf die Kandidatenauswahl über die Aufstellung der Landeslisten. Das sollte es erleichtern, Frauen gezielt auf aussichtsreiche Plätze zu bringen. Über viele Jahre bildete der Landtag von Baden-Württemberg beim Frauenanteil das Schlusslicht unter den Landesparlamenten. Letztlich fanden sich auf den Landeslisten für die Landtagswahl jeweils auf den zehn ersten Listenplätzen bei Grünen, CDU und SPD zur Hälfte Frauen, bei der AfD war es nur eine einzige Frau.

Türkische Gemeinde Deutschland: Özdemir ist ein VorbildDer Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschland, Gökay Sofuoglu, sieht im Wahlsieg Cem Özdemirs (Grünen) in Baden-Württemberg eine „Erfolgsgeschichte der Gastarbeitergeneration“. Sofuoglu sagte dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ (Montag), Özdemirs Eltern seien klassische Gastarbeiter gewesen. „Das ist für mich eine Normalisierung der Gesellschaft, denn Cem Özdemir verkörpert die Identifikation mit dem Land, und so wird er unabhängig von seinen politischen Ansichten ein Vorbild für viele junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“, sagte Sofuoglu. Özdemir dürfte nach dem Wahlsieg am Sonntag erster Ministerpräsident in Deutschland werden, der aus einer Gastarbeiterfamilie stammt. Seine Eltern waren in den Sechzigerjahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen.

Manuel Hagel war lange unbekanntViele Menschen in Baden-Württemberg kannten Manuel Hagel lange Zeit nicht, obwohl der CDU-Politiker seit Jahren in der Landespolitik aktiv ist. Noch in diesem Monat erreichte der Spitzenkandidat einer Umfrage von Infratest dimap zufolge nur 60 Prozent. Auch das dürfte eine Erklärung dafür sein, dass seine grünen Gegner mit Spitzenkandidat Cem Özdemir nach Auszählung von gut 99 Prozent der Wahlgebiete knapp vorne liegen.

Eine knappe Wahl ist wohl entschieden1.618.267 Zweitstimmen haben die Grünen nach aktuellem Auszählungsstand erhalten, 1.591.727 die CDU. Offen sind fast keine Wahlgebiete mehr, sodass die Meinungsforscher davon ausgehen, dass die Grünen am Ende vorne liegen werden – allerdings knapper als in den ersten Hochrechnungen erwartet. 

BSW spielt keine RolleErstmals tritt die von Sahra Wagenknecht gegründete Partei bei einer Landtagswahl in Baden und Württemberg an. Und scheitert krachend. Etwa 1,4 Prozent der Zweitstimmen bekommt das BSW, weniger als die Freien Wähler und nur etwas mehr als die Tierschutzpartei

Ein Direktmandat für die AfD in SichtDie Wahlkreise gehen in Baden-Württemberg an Grüne und CDU. Mit einer Ausnahme. Im Wahlkreis Mannheim I liegt der AfD-Politiker Bernhard Pepperl kurz vor Ende der Auszählung vorne bei den Erststimmen. Bei den Zweitstimmen hingegen geht der Wahlkreis deutlich an die Grünen. 

Palmer schließt Eintritt in Kabinett nicht ausDer parteilose Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer lässt Spekulationen um ein mögliches Ministeramt in einer neuen Landesregierung in Baden-Württemberg weiter offen. „Wenn Sie das wissen wollen, müssen Sie den Ministerpräsident fragen“, sagte der frühere Grünen-Politiker Palmer dem Nachrichtenmagazin „Focus“. In der Landesverfassung stehe, dass der Ministerpräsident die Minister ernenne. Schon im Wahlkampf war Özdemir immer wieder mit Palmer aufgetreten, der die Grünen nach diversen Streits verlassen hatte.

Glückwunsch aus dem Norden für ÖzdemirDer schleswig-holsteinische CDU-Landeschef und Ministerpräsident Daniel Günther gratuliert Cem Özdemir zu seinem Erfolg bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Er wünsche ihm eine glückliche Hand bei den anstehenden Gesprächen zur Bildung einer Regierung. Und: „In diese Gespräche können die CDU und Manuel Hagel selbstbewusst gehen.“ 

Von wem haben die Grünen Wähler gewonnen?Nach Wahlen fragen die Umfrageinstitute die Wähler auch, wen sie beim letzten Mal gewählt haben. Auch wenn sich nicht alle daran erinnern – auf diese Weise werden Statistiken zur Wählerwanderung erstellt. Sie geben einen Hinweis, bei wem Parteien erfolgreich waren. Bei den Grünen zeigt sich heute: Die Partei hat Wähler an die CDU verloren, aber von der SPD und aus dem Lager der Nichtwähler gewonnen.