Erst sollen die Sechstklässler schätzen, wie viel Anton wiegt, dann dürfen sie ihn streicheln. Rund 30 Kilogramm schwer könnte der Europäische Uhu auf der Hand von Falkner Christian Wick sein, vermutet ein Junge. Ein anderer tippt sogar auf 40. Aber selbst die Schätzung eines Mädchens, das Tier bringe zehn Kilo auf die Waage, liegt weit daneben. Bloß 1,9 Kilo leicht ist der Uhu – aber dabei „kein Kuscheltier“, wie der Falkner den Kindern im Wald einschärft. Wer sich traut, streicht einmal sacht mit dem Handrücken über das Gefieder, von oben nach unten. Die Federn sind seidig. Ein Junge sagt: „Der fühlt sich an wie ein Huhn.“ Es ist Waldtag für alle sechsten Klassen der Adolf-Reichwein-Schule, einer Gesamtschule in Neu-Anspach im Taunus. Denn auch in einer hessischen Kleinstadt mitten im Mittelgebirge gehen die meisten Kinder nicht mehr in den Wald. Das sagen jedenfalls die Lehrer. Deshalb sind die 185 Schüler am Montagmorgen von der Schule zum Waldschwimmbad gelaufen. Auf dem Parkplatz hat der Organisator, Biologie- und Sportlehrer Jannik Burgstaller, kurz erklärt, wie der Waldtag abläuft: Jede der sieben Klassen beginnt an einer der sieben Stationen im nahen Wald. Dann geht es reihum gegen den Uhrzeigersinn. Die 6b befasst sich als Erstes mit dem Boden. An der Station unter Buchen stehen zwei Frauen in T-Shirts vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Der Ortsverband Usingen-Neu-Anspach-Weilrod und etliche andere Vereine unterstützen den Waldtag. Auf dem Shirt von Friederike Schulze prangt außerdem die Aufschrift „Wildkatzen-Retter“. Sie fragt, wie Boden entsteht. Ein Mädchen sagt: „Wenn Pflanzen verrotten.“ Die Kinder lernen, dass Boden auch aus anderen organischen Abfällen hervorgeht, zum Beispiel aus Knochen vom Kotelett. Hundert Jahre dauere es, bis ein Zentimeter neue Erde entstanden sei, sagt Schulze. Dabei helfen Bodenlebewesen: „Auch Regenwurmscheiße ist frische Erde.“ Pilze machen Totholz morsch. Ein Junge soll einen Ast heben. Er schüttelt sich. „I, da ist eine Kellerassel dran!“ Begeisterung über eine Spinne Nicht alle fürchten Krabbeltiere. Ein Schüler nimmt ohne Scheu den Nashornkäfer aus der Spanschachtel, in der das tote Tier herumgereicht wird. Ein Mädchen zeigt den Klassenkameradinnen begeistert eine Spinne auf einem Blatt: „Die ist ja grün.“ Das Kind sagt, es gehe oft mit einer Freundin in den Wald, um ein Baumhaus zu bauen. „Einmal haben wir auch Apfelbäume gepflanzt auf einer Koppel.“ Andere Schüler erzählen von Spaziergängen am Wildschweinpfad mit der Familie. Aber nach Beobachtung von Biologielehrerin Sandra Kisslinger sind diese Kinder eher Einzelfälle. Eine Schülerin sagt, vielleicht sei sie mit der Grundschule schon einmal im Wald gewesen, ansonsten aber nicht. Kisslinger freut sich daher, dass die Klasse am Ende einer Unterrichtseinheit zur Ökologie an diesem Tag „Biounterricht direkt live“ erlebt. Auch Organisator Burgstaller, der den jährlichen Waldtag zum ersten Mal ausrichtet, findet den Wald als außerschulischen Lernort gut. Die Konzentrationsfähigkeit sei bei vielen „unfassbar gering“. Der Pädagoge führt das auch darauf zurück, dass die Kinder viel Zeit mit sozialen Medien verbrächten und wenig an die frische Luft gingen. Bei dem Falkner hat die Klasse erfahren, dass die kleinste Eulenart, der Sperlingskauz, auch auf dem nahen Großen Feldberg lebt, wo Wicks Falknerei steht. Die Schüler wissen jetzt auch, dass Eulen ein 150 Meter entferntes Mäusepiepen exakt orten können. An der nächsten Station sehen sie noch einen Uhu. Anders als Anton ist er ausgestopft. Er steht zwischen anderen Präparaten, darunter zwei Kitze und ein Dachs. Eine Frau begrüßt die Klasse mit den Worten: „Wir, der Manfred, der Wolfgang und ich, die Barbara, wir sind drei Jäger.“ Die Jägerin spricht vom Frühling, der Zeit, in der die Tiere Junge bekommen. Ein Mädchen wendet ein, es sei doch längst Sommer. Selbst im Taunus zeigt das Thermometer am Morgen schon 20 Grad. Aber der Sommer, so lernt die 6b jetzt, beginnt erst am 21. Juni – zur Sommersonnenwende.
