FAZ 14.09.2026
14:12 Uhr

Was Freiburg lehrt: Die Reformer aus dem Schwarzwald


Die Klubs in Berlin und Mönchengladbach wollten ihren Fußball neu erfinden – und stehen nach wenigen Spielen im Tabellenkeller. Gut, dass es ein Beispiel gibt, wie Neuerungen gelingen können.

Was Freiburg lehrt: Die Reformer aus dem Schwarzwald

Anfang Juli stand Mauro Lustrinelli auf einem Berliner Trainingsplatz und verkündete so etwas wie die Fußballrevolution von Köpenick. Lustrinelli, der Schweizer Revoluzzer, sprach von einer Spielweise, die Begeisterung entzünden würde, „in ganz Köpenick und darüber hinaus“. Ein „Winning Team“ solle aus Union Berlin werden. Eine Mannschaft mit „Top-Team-Spirit“. Nicht ganz so begeisternd, aber ähnlich ambitioniert klang das, was sein Kollege Eugen Polanski vor der Saison erzählte. Der stellte in Aussicht, dass man bei seinem Klub künftig wieder die „Idee eines schönen, taktisch und technisch hochwertigen Fußballs“ bestaunen könne. „Eine andere Energie, ein anderes Auftreten, eine höhere Aktivität“. Alles sollte anders, alles besser werden in Mönchengladbach. Am Sonntag ist Polanski mit der Freistellung in der Tasche in Gladbach vom Hof gebraust, weil zwar manches anders, aber vieles schlechter geworden war in den ersten drei Saisonspielen. Union Berlins Stilumkehr hat bislang vor allem gegnerische Stürmer begeistert, die in drei Spielen zehn Tore gegen die auf den Kopf gestellten Berliner schießen durften. Die Erneuerer aus Gladbach und Berlin belegen mit ihren Mannschaften zwei der drei Abstiegsplätze. Identität stellt man nicht mal eben vom Kopf auf die Füße In Gladbach mögen viele der Probleme älter sein, als Eugen Polanski Trainer der Borussia ist. Zumindest in Berlin aber sieht man, was eigentlich niemanden überraschen dürfte: dass man die fußballerische Identität einer Mannschaft nicht mal eben vom Kopf auf die Stollenschuhe stellt. Weil Erneuerung Zeit braucht. Und weil der Profifußball kaum Raum lässt für Selbstsuche, so schnell wie die Angst vor dem Absturz die Geduld von Fans, Spielern und Managern verschlingt. Am wenigsten dann, wenn die neuen Ideen schlecht zu dem passen, was die Menschen auf dem Rasen und die auf der Tribüne bislang als Kern des eigenen Spiels verstanden haben. Wenn man den Blick nun aber aus dem Tabellenkeller Richtung Spitze richtet, dann erblickt man dort eine Mannschaft, die zeigt, dass sich trotzdem kein Mittelklasseklub mit der eigenen Durchschnittlichkeit begnügen muss. Eine Mannschaft, deren Pässe und Dribblings in diesen Tagen ein neues Selbstverständnis begleitet. Und die, anders als noch vor ein paar Jahren, derzeit tatsächlich begeisternd statt nur beachtlich auftritt. Im Sommer 2024, als Julian Schuster in Freiburg neuer Trainer wurde, hat er sich nicht als Revoluzzer, sondern als vorsichtiger Reformer vorgestellt. „Erst mal ist es auch da wichtig, das mitzunehmen, was die Mannschaft auszeichnet“, hat Schuster gesagt. Und: „Grundsätzlich geben wir uns aber Zeit (…), Neues entstehen zu lassen.“ In Freiburg standen sie vor ein paar Jahren vor allem für sauberes Verschieben und maßgenaue Eckstöße. Das können sie immer noch. Aber sie haben der alten Grundidee Stück für Stück ein paar neue Einfälle hinzugefügt. Sie haben sich vorangetastet, statt sich neu zu erfinden. Und so kann man den vielen deutschen Klubs, die sich irgendwo zwischen Platz sechs und Platz sechzehn tummeln, nicht nur zurufen, dass es oft hilft, sich auf die eigene Spielidentität zu besinnen. Sondern auch, dass es unten im Schwarzwald ein ziemlich gutes Vorbild für nachhaltige Neuerungen gibt.