FAZ 02.06.2026
10:06 Uhr

Wie sind Superreiche?: „Elon Musk ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich“


Elon Musk ist der reichste Mensch der Welt, und er könnte noch viel reicher werden. Wirtschaftshistoriker Guido Alfani ordnet Musk historisch ein – und erklärt, welche Eigenschaft ihn von früheren Superreichen unterscheidet.

Wie sind Superreiche?: „Elon Musk ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich“
Die Regierung von Donald Trump rudert Medienberichten zufolge beim umstrittenen Entschädigungsfonds für angebliche Opfer der US-Justiz zurück. Jacquelyn Martin/AP/dpa

Herr Alfani, Elon Musk ist schon heute der reichste Mensch der Welt und könnte nach dem SpaceX-Börsengang noch reicher werden. Ist er auch der reichste Mensch, der je gelebt hat? Solche Vergleiche zwischen den Superreichen verschiedener Epochen, etwa zwischen dem alten Rom und heute, sind schwierig. Man kann aber vergleichen, wie viele normale Arbeitskräfte ihrer jeweiligen Zeit die Reichen mit den Einkünften aus ihrem Vermögen bezahlen könnten. Und da ist Elon Musk definitiv der reichste Mensch aller Zeiten. Der reichste Mann im alten Rom, Marcus Licinius Crassus, hätte 32.000 Arbeitskräfte bezahlen können, der erste Milliardär John D. Rockefeller 116.000. Musk hätte sich im vergangenen Jahr mehr als 550.000 Arbeitskräfte leisten können. Ist es heute einfacher als früher, große Reichtümer anzuhäufen? Ja. Zwei Dinge spielen dabei eine Rolle. Früher haben die Superreichen ihr Vermögen auf nationaler Ebene gemacht. Auch John D. Rockefeller hat sein Geld mit Öl vor allem in Amerika verdient. Heute sind die Unternehmen der Reichsten global aktiv. Wir haben eine sehr integrierte Weltwirtschaft. Der zweite Grund ist, dass wir diese Menschen so reich werden lassen. Wie meinen Sie das? Anfang des 20. Jahrhunderts, als Leute wie Rockefeller große Reichtümer anhäuften, gab es in Amerika die Sorge, welcher politische Einfluss mit solchen Vermögen einhergeht. Dann wurde etwas unternommen, um das zu verhindern. Rockefellers Unternehmen Standard Oil wurde aufgespalten, um die Konsumenten zu schützen, aber auch die amerikanische Demokratie. Heute ist das anders: Im Jahr 2000, als Bill Gates der reichste Mensch der Welt war, gab es ein Gerichtsurteil, das Microsoft als Monopolisten einstufte. Aber die Firma wurde nicht zerschlagen. Das war das Signal an die gesamte Branche, dass sie ungehindert wachsen kann. Gibt es Superreiche in der Geschichte, die vom Typ her Elon Musk ähneln? Elon Musk ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Was ihn unterscheidet von früheren Superreichen, ist sein politischer Einfluss. Er hat in Donald Trumps Wahlkampf gelernt, wie weit er gehen kann. Es ist nicht das erste Mal, dass Reiche die Politik in ihrem Sinne beeinflussen wollen. Aber neu ist die Sichtbarkeit. Die Wähler haben das akzeptiert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte es das nicht gegeben. Die Superreichen jener Zeit wie Rockefeller oder Andrew Carnegie waren da zurückhaltender? Oder denken Sie an ein anderes Beispiel: Der Bankier J. P. Morgan hat 1907 quasi im Alleingang das amerikanische Finanzsystem gerettet und wurde als Retter der Nation gefeiert. Das war eine großartige Sache, aber es hat auch so ein Ausmaß an finanzieller und politischer Macht offenbart, dass die Leute sich Sorgen machten. Dann wurde das Federal-Reserve-System geschaffen, damit der Staat nie wieder von privaten Geldgebern gerettet werden muss. War der Weg zu großem Reichtum früher ein anderer? Viele haben auch damals schon ihr Vermögen mit Monopolen gemacht. Im 19. Jahrhundert haben sich Monopole in den Öl- und Stahlindustrien entwickelt. So wurden Leute wie Rockefeller so reich. Später waren es dann Microsoft oder Google. Heute setzen manche Reiche auf „quiet luxury“, zeigen ihren Reichtum also nicht. Andere kaufen Superjachten. Wie war das in früheren Zeiten? Im Mittelalter gab es eine große Sorge, dass das Zurschaustellen von Reichtum zu Revolten der Armen führt. Deshalb wurden Gesetze erlassen, die genau vorschrieben, wie groß eine Hochzeitsfeier sein durfte, wie viele Gänge das Essen hat oder was für ein Kleid man tragen darf. Die Idee, dass man seinen Reichtum nicht zeigt, wurde dann von der Reformation noch gestärkt. In den USA wurde das Zeigen von Reichtum dann zum Ende des 19. Jahrhunderts normaler. Obwohl es dort keinen Adel gab, haben sich die Reichen zu einem Quasi-Adel gewandelt. Es kam nicht nur darauf an, wie viel Geld man ausgab, sondern wofür. Hatten die Reichen ein schlechtes Gewissen? Carnegie und Rockefeller haben sehr viel von ihren Vermögen gespendet. Carnegie war außergewöhnlich mit seiner Einstellung. Er hat Sachen geschrieben wie: Reich zu sterben, bedeutet, in Schande zu sterben. Bei Rockefeller war das anders. Rockefeller hat eine Stiftung gegründet und damit das moderne amerikanische Stiftungswesen etabliert. Er wollte auf einer globalen Ebene operieren können, ohne dass irgendjemand kontrolliert, was die Stiftung macht. Aber die Idee, dass man sein Geld loswerden sollte, geht zurück ins Mittelalter. Da haben die Reichen gespendet, um ihre Seele zu retten. Bis ins Mittelalter war der schnellste Weg zu Reichtum eine adlige Geburt. Heute sind die meisten Superreichen Unternehmer. Wann hat sich das geändert? Schon im 11. und 12. Jahrhundert gab es eine kommerzielle Revolution in Europa, mit Handel in der Nordsee oder im Mittelmeer. Das ist der Grund, warum in dieser Zeit Theologen wie Thomas von Aquin beginnen, sich Gedanken über diesen neuen Reichtum zu machen. Sie sahen diese neue Anhäufung von Reichtum als Sünde an. Die Adeligen waren kein Problem, denn die waren in einen Sozialvertrag eingebunden. Von ihnen wurde erwartet, dass sie die Bevölkerung beschützen. Die neuen Reichen hatten so eine Verantwortung nicht. Thomas von Aquin hat den Herrschern der mittelalterlichen Städte deshalb empfohlen, den Handel über lange Distanzen zu verbieten. Heute stellen manche Politiker die Frage, ob es überhaupt Milliardäre geben sollte, geschweige denn Billionäre. Es findet sich durch die ganze westliche Geschichte eine Diskussion darüber, wie kompatibel extremer Reichtum mit der Demokratie ist. Aristoteles hat schon im alten Athen davor gewarnt, dass Reiche „wie Götter unter den Menschen“ seien. Auch die amerikanischen Gründerväter waren sich dieses Konflikts bewusst. Aber die USA waren damals viel egalitärer als Europa. Sie dachten, dass sie sich das bewahren können, aber letztlich konnten sie es nicht.